Atemberaubende Natur, freundliche Menschen – Nepal ist ein Traumreiseland. Mancher Tourist möchte etwas zurückgeben und spendet einen kleinen Beitrag gegen die Armut in Nepal. Wer bedürftige Kinder unterstützt, kann nichts falsch machen, oder? Deshalb arbeiten ehemalige Reisende als Freiwillige in Kinderheimen oder spenden Geld. Doch Kinderhändler und kriminelle Waisenhausbetreiber haben dieses finanzielle Potenzial erkannt. Und so unterstützen Spender, anstatt einem Kind zu einer besseren Ausbildung zu verhelfen, oft ungewollt dessen Ausbeutung.

In Nepal gibt es laut einem Bericht der Regierung mehr als 16.000 Kinder in registrierten Kinderheimen, die Zahl derjenigen in unregistrierten Einrichtungen ist wahrscheinlich viel größer. Zwei Drittel dieser Kinder sind aber keine Vollwaisen, sondern haben mindestens ein lebendes Elternteil oder hätten die Möglichkeit, bei anderen Familienmitgliedern zu leben. In mehreren wissenschaftlichen Studien wurde nachgewiesen, dass Waisenhäuser mit wechselnden Bezugspersonen einen negativen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern haben. Sie dort unterzubringen ist auch deutlich teurer, als die Familien bei der Pflege zu unterstützen. Warum gibt es so viele Waisenhäuser in Nepal?

Weil manche Betreiber an den Waisenhäusern gut verdienen. Besonders kleine Kinder erwecken bei Touristen Mitleid. Auch Freiwillige, die gegen einen finanziellen Beitrag in Waisenhäusern mithelfen, sind Zielgruppe der kriminellen Waisenhausbetreiber. Diese Einkommensmöglichkeiten haben dazu geführt, dass es einen kontinuierlichen Bedarf an Waisenkindern gibt. Der wird zunehmend durch Kinder gedeckt, die eigentlich keinen Platz im System benötigen.

90 Prozent der Waisenhäuser in Nepal sind in den fünf größten Touristendistrikten registriert, sodass der Zugang für Besucher einfach ist. Ob  der Bedarf ausgerechnet in diesen Gegenden am höchsten ist, ist zweifelhaft. Die Kinder kommen oft aus den verarmten ländlichen Distrikten und werden weit weg von ihren Verwandten und Dorfgemeinden untergebracht.

Die Nichtregierungsorganisation Next Generation Nepal, die sich für die Kinder in Institutionen einsetzt, hat herausgefunden, dass viele Waisenhausbetreiber prinzipiell gleich vorgehen. Die Eltern werden entweder direkt oder durch die Hilfe eines Zwischenhändlers davon überzeugt, dass ihre Kinder in einem Waisenhaus besser aufgehoben sind als im Familienverband – dort werde für eine gute Schulbildung gesorgt. Für viele Eltern ist dies ein verlockendes Versprechen, da wenige Dorfschulen eine gute Ausbildung bieten und viele Familien zu arm sind, um ihre Kinder bis zum Abschluss in die Schule schicken zu können.

Zwei Drittel der Kinder in den Waisenhäusern sind keine Vollwaisen

Nachdem die Kinder in den Waisenhäusern aufgenommen wurden, verhindern die Betreiber oft den Kontakt zu den Eltern oder anderen Familienmitgliedern. Kommen die Kinder aus weit entfernten Dörfern, ist dies einfach. In anderen Fällen werden die Verwandten aktiv davon abgehalten, ihre Kinder anzurufen oder sie zu besuchen. In einigen Fällen wurden sogar die Papiere der Kinder gefälscht, sodass sie offiziell als Waisen galten, und es für die Eltern schwierig wurde, ihre Rechte einzufordern.

Haben die Kinder Glück, ist wenigstens die Versorgung gut und sie können tatsächlich zur Schule gehen. In vielen Fällen sind die Zustände in den Waisenhäusern jedoch katastrophal. Manchmal müssen Kinder betteln oder arbeiten, um zu überleben. Leider gilt: Je mitleiderregender die Kinder aussehen, desto mehr Spenden können eingetrieben werden, die dann in die Taschen der Betreiber gelangen.