Zunächst scheint es einer der Prozesstage zu werden, nach dem die Hinterbliebenen der NSU-Opfer kein bisschen schlauer sind. An dem sie keine Antwort auf die Frage bekommen, warum ihre Lieben ermordet wurden und wer die rechtsextremistische Terrorgruppe wirklich war. Beate Zschäpes Wahlverteidiger Hermann Borchert verliest eine weitere Aussage der Hauptangeklagten im Münchner Terrorprozess. Die Worte sind sorgsam gewählt, wie so oft.

"Frau Zschäpe möchte sich persönlich an den Senat wenden", lässt dann der vorsitzende Richter Manfred Götzl plötzlich wissen. Zschäpe zieht das Mikrofon auf ihrem Tisch an sich heran und drückt auf eine rote Taste, um es anzuschalten. Das hat so niemand erwartet. In mehr als drei Jahren Prozessdauer hat die Angeklagte sich mehrfach vor Gericht zu den Vorwürfen gegen sie eingelassen, doch stets durch Texte, die ihre Anwälte verlasen. Sie selbst hat geschwiegen, eisern. Keiner der Prozessbeobachter kannte ihre Stimme.

Zschäpe liest von einem Blatt ab. Es sei ihr "ein Anliegen", sich mit einer Erklärung an die Richter zu wenden, sagt sie. Ihre Stimme klingt auffällig hoch und dünn. Anders, als viele, die Zschäpe seit Jahren von der Zuschauertribüne aus beobachten, vermutet hätten. Deutlich sticht Zschäpes Thüringer Dialekt heraus.

Ihre Anwälte grüßt sie nicht mal mehr

Skizzenhaft beschreibt die 41-Jährige, welcher Ideologie sie in den vergangenen Jahrzehnten gefolgt sei. Im Freundeskreis in ihrer Heimatstadt Jena habe sie sich "mit Teilen des nationalistischen Gedankenguts" identifiziert. Während der Zeit im Untergrund sei es dann zur Läuterung gekommen, Themen wie die "Angst vor Überfremdung" seien zunehmend unwichtiger geworden. "Heute hege ich keine Sympathien für nationalistisches Gedankengut", sagt Zschäpe. Zudem beurteile sie Menschen "nicht nach ihrer Einstellung oder Herkunft, sondern nach ihrem Benehmen".

Zum Schluss folgt eine Botschaft an die Angehörigen der Mordopfer: Zschäpe sagt, sie verurteile die Taten ihrer Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. "Ich bedauere mein eigenes Fehlverhalten", wie sie es schon in ihrer ausführlichen ersten Aussage vom Dezember 2015 zum Ausdruck gebracht habe.

Der Vortrag dauert kaum zwei Minuten. Danach federt Zschäpe entspannt in ihrem Stuhl zurück, ihr Rücken nimmt die gesamte Lehne ein. Sie faltet die Hände auf dem Schoß, ihr Blick geht, wie gewohnt, ins Leere. Schnell zeigt sie sich so abgewandt wie an allen Tagen im NSU-Prozess, innerlich verschlossen vor Opfern, Richtern und Zuschauern. Ihre drei alten Pflichtverteidiger, mit denen sie im Streit liegt, grüßt sie morgens nicht einmal mehr.