Polizisten halten Kleinkinder auf dem Arm, Passanten applaudieren erschöpften Flüchtlingen, die zu Tausenden aus den Zügen strömen, Helfer verteilen Wasserflaschen, München sammelt binnen Stunden einen Jahresvorrat Windeln, Deorollern und Bananen. Die Bilder aus dem Spätsommer 2015 gingen um die Welt. Und Deutschland gefiel sich in seiner Rolle als letzte Bastion der Menschlichkeit in einem Europa voller Orbáns.

Seitdem hat sich vieles geändert. Horst Seehofer erklärte die Willkommenskultur offiziell für beendet. Die AfD schien damals klinisch tot, ist heute im Höhenflug. Burkas und Burkinis, Erdoğan und die doppelte Staatsangehörigkeit, Terrorismus und "Sex-Mob": Die Mehrheitsgesellschaft blickt längst kälter, zögerlicher und misstrauischer auf Migranten. Und das vielleicht nicht trotz sondern gerade wegen der Bilder vom Münchner Hauptbahnhof.

Nach Köln, Würzburg und Ansbach hört und liest man auch in linken und liberalen Kreisen immer wieder Kommentare, die in etwa so klingen: Deutschland schenkt Teddybären und statt dankbar zu sein, missbrauchen Flüchtlinge Frauen und metzeln Passanten im Namen des IS nieder. Und statt wie allenthalben versprochen den Fachkräftemangel zu beheben, lassen die Migranten erst mal die Arbeitslosenzahlen steigen. Unerwiderte Liebe, das Gefühl missbrauchter Gastfreundschaft, enttäuschte Hoffnungen, zerplatzte Illusionen – das Selbstbild der freundlichen Migrationsgesellschaft scheint zu wackeln. Oder?

Was ist geblieben vom Willkommenssommer?

"Das Netz von damals gibt es noch und es hält immer noch", sagt die Münchnerin Vaniessa Rashid. Am Nachmittag des 31. August 2015 erreichte sie über einen Verteiler eine E-Mail, dass Tausende in Zügen aus Budapest nach München sitzen und dort in wenigen Stunden ankommen werden. Die Kurdin Rashid war elektrisiert. Sie war selbst vor 19 Jahren über die Balkanroute nach Deutschland geflohen. Die nächsten 48 Stunden zogen wie im Rausch an ihr vorbei. Sie verpasste ihre letzte U-Bahn nach Hause. Und später auch die erste. Mit ihren Mitstreitern klapperte sie Bäckereien rund um den Hauptbahnhof ab, bat um Brote, organisierte einen Lkw mit Lebensmitteln von einer großen Supermarktkette, suchte ein Lagerplatz für die Spenden, die Hunderte Münchner abluden. Nach einer schlaflosen Nacht am Hauptbahnhof telefonierte sie mit allen Münchner Radiostationen und startete einen Aufruf, der überall über den Äther ging. Dass "München leuchtete", wie es die Süddeutsche Zeitung kommentierte, war nicht zuletzt Rashids Verdienst. Und heute?

"Die Helfer sind nicht mehr so sichtbar, aber sie sind noch da. Die Kontakte, die Facebook-Gruppen, all das gibt es noch", sagt Rashid. Dezentral haben sich in jeder Flüchtlingsunterkunft Helferkreise gegründet, die teils schon Arbeitsgruppen und Schichtpläne eingeteilt hatten, lange bevor die ersten Flüchtlinge eingezogen waren. Als Rashid beispielsweise feststellte, dass es in der BAMF-Außenstelle in Augsburg keine Kinderspielecke gab, obwohl dort Familien oft stundenlang auf ihre Termine warten, hat sie dieses Netzwerk kurzerhand angezapft: "Innerhalb von wenigen Stunden hatten wir beinahe die Ausstattung eines Kindergartens beisammen."

Die Silvesternacht in Köln nennt sie einen Anschlag auf die Psyche der Deutschen. Kulturelle Unterschiede dürfe man nicht unterschätzen: "Wenn ich zu Besuch in Kurdistan bin, überlege ich mir auch, welches Kleid ich anziehen kann", sagt sie. "Aber deshalb müssen wir unter den Flüchtlingen umso überzeugender für unsere Werte werben", sagt sie. Mehr Engagement, nicht weniger, ist ihre Antwort auf die letzten Monate.