Die radikalislamischen Taliban haben nach offiziellen Angaben in der Nacht zum Montag einen schweren Angriff auf die nordafghanische Stadt Kundus begonnen. Am Stadtrand lieferten sie sich mit Sicherheitskräften nun schwere Kämpfe, bestätigte ein Mitglied des Provinzrats. Es gebe Gefechte in den Gegenden von Sakhil und Kahwakhana, die etwa 200 Meter von der Stadtgrenze entfernt seien. Auf beiden Seiten habe es Opfer gegeben, Zahlen gebe es noch nicht.

Ein Polizeisprecher sagte, der Angriff habe von vier Seiten aus gegen zwei Uhr morgens begonnen. Er wies Medienberichte über Talibankämpfer in der Stadtmitte zurück. Sie seien nahe der Stadt und hätten sich dort in Privathäusern verschanzt. Spezialkräfte seien im Einsatz und es gebe Luftunterstützung. Die Taliban seien nun auf der Flucht. Der Journalist Bilal Sarwary twitterte, ein Kampfhubschrauber greife Talibanstellungen an. Es gebe Kämpfe nahe der Universität. 

Das Militär müsse aus Rücksicht auf die Zivilisten vorsichtig bei der Abwehr der Taliban vorgehen, es habe sie aber soweit in Schach halten können, sagte ein Sprecher des Gouverneurs von Kundus. Ein Armeesprecher sagte, es gebe derzeit Kämpfe an zwei Orten außerhalb der Stadt. Der Sprecher der Taliban erklärte, die Extremisten hätten mehrere Militärposten in der Stadt einnehmen können.

Kundus ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Wegen ihrer Getreidevorkommen und ihrer Lage an einer wichtigen Straße nahe der Grenze zu Tadschikistan gilt sie als strategisch wichtig.

Ende September 2015 hatten die Islamisten die Provinzhauptstadt bereits einmal erobert. Sie war damals für fast zwei Wochen in ihrer Gewalt. Kürzlich eroberten sie auch einen strategisch wichtigen Bezirk im Nordosten der Provinz. Kundus ist zusammen mit der Nordprovinz Baghlan sowie den Südprovinzen Helmand und Urusgan Hauptziel der Talibanoffensiven im Jahr 2016. In Kundus war bis Ende 2013 auch die Bundeswehr stationiert. Seit März berät wieder eine kleine Gruppe deutscher Soldaten die afghanische Armee, um einen erneuten Fall der Provinz zu verhindern.

Weitere Attacken in anderen Provinz

Während der Attacke in Kundus, ist in der wichtigen Südprovinz Helmand der Bezirk Nawa an die Taliban gefallen. Das bestätigte am Montag ein Bezirksbeamter sowie ein Senator der Provinz Helmand. Die Aufständischen hätten das gleichnamige Bezirkszentrum von Nawa in der Nacht attackiert. Am Morgen seien das Gebäude der örtlichen Regierung, die Polizeiwache und der Markt in ihre Hände gefallen. Die Gefechte dauerten an. Der Polizeichef des Bezirks sei getötet worden. Nawa liegt nahe der Provinzhauptstadt von Helmand, Laschkargar.

Außerdem wurden bei einer Explosion einer an einem Motorrad befestigten Bombe in der nordafghanischen Provinz Dschausdschan sechs Menschen getötet und mehr als 30 verwundet worden. Das sagte der Polizeisprecher der Provinz am Montag. Die Bombe sei am Morgen auf einem belebten Markt im Bezirk Darsab gezündet worden. Bisher hat sich keine Extremistengruppe zu der Tat bekannt. Die Polizei vermutet auch hier die Taliban hinter dem Anschlag, da sie in dem Bezirk aktiv seien.

Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich seit dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes 2014 massiv verschlechtert. Regierungstruppen haben schätzungsweise nicht mehr als zwei Drittel des Landes unter ihrer Kontrolle. Die Taliban stehen so gut da, wie seit ihrem Sturz durch eine US-geführte Invasion 2001 nicht mehr. Der neuerliche Angriff auf die nordafghanische Stadt findet nur einen Tag vor einer Geberkonferenz für das Land statt, zu der auch der afghanische Präsident Aschraf Ghani anreist. Ziel des zweitägigen Treffens ab Dienstag in Brüssel ist, Milliarden Dollar an Hilfszusagen zu vereinbaren.