15 Jahre lang wurde Peggy Knobloch vermisst, dann fand ein Mann ihr Skelett – und das Ermittlungsteam eine verwirrende Spur: Am Fundort stießen sie auf die DNA, also genetische Spuren, des Rechtsextremisten Uwe Böhnhardt. Hatte der mutmaßliche NSU-Terrorist mit dem Verschwinden des Mädchens zu tun? Oder hat jemand geschlampt? Mittlerweile hegen Polizei und Staatsanwaltschaft Zweifel an einer Verbindung zwischen den Fällen. Die wichtigsten Fragen und Antworten

Was ist der Grund für die Zweifel?

Laut einer Erklärung des Polizeipräsidiums Oberfranken und der Staatsanwaltschaft Bayreuth, die für den Fall Peggy zuständig sind, haben sich "mögliche Anhaltspunkte" ergeben, dass Ermittler "teilweise identisches Spurensicherungsgerät" verwendet haben. Spiegel Online berichtete, DNA könnte versehentlich an einem Meterstab der Spurensicherung von einem Fundort an den anderen gelangt sein. Die Spurensicherung legt den Stab als Hilfsmittel neben ein Objekt und fotografiert ihn mit, um später die geometrischen Abmessungen des Fundstücks abschätzen zu können.

BKA-Ermittlern sei auf Fotos des Fundorts von Böhnhardts Leiche in einem Wohnmobil in Eisenach 2011 ein markanter Meterstab aufgefallen. Dieser Stab sei auch auf Bildern von Peggys Fundort zu sehen. Das Messgerät sei nahezu unverwechselbar und von einer Beschaffenheit, die es "nur einmal gibt", werden Ermittlerkreise zitiert.

Wer hat die Spuren gesichert?

In beiden Fällen, sowohl bei dem Fund von Böhnhardts Leiche 2011 als auch bei dem Fund von Skelettteilen von Peggy 2016, war dieselbe Tatortgruppe der Thüringer Polizei zuständig. Damit ist allerdings nicht sicher, dass die Ermittler verantwortlich sind. Die Staatsanwaltschaft betont: "Eine Aussage zur Qualität der Spurensicherung und einer möglichen Kontamination kann erst nach weiteren umfassenden und zeitaufwendigen Ermittlungen getroffen werden." Selbst wenn das Gerät, das die Beamten verwendeten, dasselbe war, ist offen, ob es tatsächlich DNA von einem Fundort an den anderen übertragen hat.

Verlässlich ist das Ergebnis des DNA-Vergleichs aber?

Ja, die DNA stammt definitiv von Böhnhardt. "Der Nachweis an sich ist sicher", sagt Bernd Brinkmann, Leiter des Instituts für Forensische Genetik in Münster. "Nur die Art und Weise, wie die DNA auf den am Fundort gefundenen Gegenstand übertragen wurde, ist offenbar anders als erwartet."

Wie reinigt man Gegenstände der Spurensicherung von DNA?

"DNA kommt in der Regel nicht nackt vor, sondern befindet sich in Zellmaterial", sagt Brinkmann. Es gibt spezielle Mittel zur DNA-Dekontamination, klassisch ist der Einsatz von Natriumhypochlorit. Wird der Gegenstand zunächst mechanisch gereinigt, hilft das laut dem Forscher enorm. Desinfektionsmittel dagegen helfen zwar gegen Mikroorganismen, sind aber nicht speziell konzipiert, um DNA-haltiges Zellmaterial zu entfernen.

Denn DNA hält einiges aus. Unter idealen Bedingungen, also trocken, kühl und dunkel, überdauert sie viele Jahrzehnte, erklärt der Forensiker Brinkmann. "Je wärmer, feuchter und heller DNA-haltiges Zellmaterial aufbewahrt wird, desto eher zerfällt sie darin."

Welche Konsequenzen folgen, sollte die Polizei die falsche Spur verursacht haben?

Den Einsatzkräften müsse ihre eigene Verantwortlichkeit für einen Tatort bewusst sein, schreibt die Fachzeitschrift Deutsches Polizeiblatt in einem Artikel von 2008. "Können durch die Schuld eines Beamten Unfallspuren nicht mehr gesichert und damit die Unglücksursachen nicht mehr festgestellt werden, ist gegebenenfalls sogar eine Haftung der Behörde zu prüfen", schreiben die Autoren. Es gebe zudem immer wieder Polizeibeamte, die irrtümlich zu Tatverdächtigen werden, weil sie versehentlich an Tatorten DNA oder Fingerabdrücke hinterlassen. Falsches Verhalten der Polizei an Tatorten ist also ein bekanntes Problem.

Gab es in der Vergangenheit ähnliche Fälle?

Bislang gab es einen wahrlich großen Skandal: den Fall des sogenannten Phantoms von Heilbronn. Hier waren einer unbekannten Frau mehrere Morde zugeordnet worden, weil ihre genetischen Spuren an den Tatorten gefunden worden waren – sie gehörten jedoch zu einer unschuldigen Mitarbeiterin des Herstellers, die alle Proben verunreinigt hatte, wie sich später herausstellte. Besonders heikel: Dem Phantom wurde unter anderem der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter zugeschrieben – der inzwischen dem NSU angelastet wird. Solch ein Fehler sei mittlerweile nahezu unmöglich, sagt Forensiker Brinkmann. Man habe Lehren aus dem Fall gezogen und die Methode deutlich verbessert.

Wie reagiert die Thüringer Polizei auf die aktuellen Vorwürfe?

Das Thüringer Landeskriminalamt schreibt in einer Pressemitteilung: "Auch für das LKA Thüringen ist es von hohem Interesse, dass die Herkunft der DNA-Spur, die Uwe Böhnhardt zuzuordnen ist, mit äußerster Genauigkeit überprüft wird." Es bestehe großes Vertrauen sowohl in die Ermittlungsarbeit der Staatsanwaltschaft Bayreuth und der bayerischen Kollegen. Von Anfang an habe die Soko Peggy ausdrücklich darauf hingewiesen, "dass die Verifizierung [der DNA-Spur] ein Schwerpunkt der Ermittlungsarbeit ist und gewisse Zeit braucht".

Was geschieht nun?

Das betroffene Gerät der Spurensicherung soll jetzt untersucht werden. Und zwar von einer Stelle, die in den Verfahren bisher noch nicht mit den kriminaltechnischen Untersuchungen befasst war – also auch nicht mit der Untersuchung der DNA-Spuren. Zudem vernehmen die Ermittler nach eigenen Angaben Zeugen, um den genauen Weg der Spur "lückenlos zu überprüfen". Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess, Beate Zschäpe, hatte bereits am Mittwoch eine schriftliche Stellungnahme zum Fall Peggy angekündigt.