Was ist, wenn die iranische Fußballnationalmannschaft am heutigen Dienstag gegen Südkorea gewinnt? Verletzt sie dann heilige religiöse Werte? Über diese Frage wird seit Wochen im Iran diskutiert. Warum?

Nirgendwo in der Welt wird so um den Tod eines Heiligen getrauert wie im Iran um den Tod von Hussein, dem dritten Imam der Schiiten. Der Enkel des Propheten Mohammed wird als Märtyrer verehrt. An seinem Todestag reisen jährlich über 10 Millionen Pilger zu seiner Grabstätte. Die Menschen kleiden sich in Schwarz. Trauerzüge ziehen durch die Straßen. Es werden keine Hochzeiten, keine Partys, keine Jubiläen gefeiert. Alles, was mit Freude zu tun hat, verschieben die Iraner auf ein anderes Datum. Und das schon seit dem Jahr 1500 nach Christus.

In diesem Jahr findet ausgerechnet am Trauertag auch das seit Langem geplante Qualifikationsspiel für die WM 2018 zwischen Südkorea und dem Iran statt. Das stürzt die Iraner in den größtmöglichen Loyalitätskonflikt.

"Was machst du morgen?", fragt ein Fahrgast seinen Freund in einem Teheraner Sammeltaxi.

"Ich gehe ins Stadion", antwortet der. "Schießt unsere Mannschaft ein Tor, rufe ich 'Ya Hussein!' Verlieren wir, werde ich so richtig trauern."

Absagen wäre das WM-Aus

Einige religiöse Instanzen und Persönlichkeiten im Iran machen sich Sorgen, dass die Freude über einen eventuellen Sieg im Azadi-Fußballstadion, das 100.000 Fans aufnehmen kann, die Trauer verhindern könnte. Deshalb baten 56 Parlamentsabgeordnete den Sportminister in einem Brief, das Spiel auf ein anderes Datum zu verschieben. Diese Bitte lehnten aber die Fifa und die Asiatische Fußball-Konföderation ab. Zeitweise wurde sogar an eine Absage des Spieles gedacht. Aber dies würde gleich drei verlorene Spiele mit Ergebnis 0:3 für den Iran bedeuten. Und folglich das WM-Aus. Die iranischen Fußballfreunde wären verzweifelt. Immerhin kann die iranische Nationalelf vier WM-Teilnahmen (die letzte war 2014) verzeichnen.

Einige Konservative, wie der Geistliche Ajatollah Mohammad Yazdi, Mitglied der Expertenrats, traten gegen das Spiel am Dienstag ein, weil sie darin eine Beleidigung der heiligen Werte und Bräuche sehen. Doch der Vizepräsident des iranischen Parlamentes Ali Motahari sprach sich dafür aus. Er bat seine Gegner nun, sich nicht wie die katholische Kirche im Mittelalter zu benehmen. Dieses Verhalten hätte schließlich eine Religionsentfremdung in Europa zur Folge gehabt.

Das letzte Wort sprachen aber der Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrats im Iran, Alaedin Brudjerdi, und die iranische Fußball-Konföderation: Das Spiel wird am Dienstag stattfinden. Allerdings, so die Auflage, mit schwarzen Tüchern und Trauergesängen im Stadion.