Zum Zweiten ist Integration eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, deren Erfolg vom Zusammenwirken aller abhängt. Wenn wir uns in Deutschland als Einwanderungsgesellschaft ehrlich machen wollen, müssen wir unser Bild von Einwanderern gründlich überarbeiten. Wir produzieren laufend diskriminierende Statistiken, indem wir Äpfel mit Birnen vergleichen. Genau das spielt der neuen völkischen Rechten und denen, die ihrem Jargon nacheifern, in die Hände.

Ein Beispiel: Eine aktuelle Forschungsarbeit des Sachverständigenrates für Migration und Integration deutscher Stiftungen zum Bildungserfolg von Kindern mit Migrationshintergrund zeigt, dass bei gleicher sozialer Herkunft und Kompetenz die Bildungserfolge der Kinder mit Migrationshintergrund mindestens genauso gut wie die von Kindern ohne sind. In den offiziellen Statistiken entsteht dennoch der Eindruck, dass Kinder mit Migrationshintergrund viel schlechter in der Schule wären. Das liegt nun mal daran, dass sie überproportional aus sozial schwächeren Haushalten kommen. Aus einem hauptsächlich sozialen Problem wird ein kulturelles Problem konstruiert – Sarrazin lässt grüßen. Deswegen müssen wir die Erhebungsmethoden, die Erfolg und Misserfolg in der Einwanderungsgesellschaft statistisch beschreiben sollen, ändern und die soziale Herkunft ins Zentrum stellen, wenn wir Bevölkerungsgruppen vergleichen. Das wird den Diskurs über Einwanderung auf eine neue, konstruktivere und sachlichere, Grundlage stellen.

Drittens sollten wir Vielfalt als tatsächliche Ressource betrachten. Das geht nur, wenn wir es schaffen, diejenigen, aus denen diese Ressource letztlich besteht, die Migranten und ihre Familien, als politisch und sozial gleich zu betrachten. Ansonsten bleibt es bei dem Versuch, Vielfalt abzubilden, ansonsten die Macht- und Verteilungsstrukturen in der Gesellschaft aber unangetastet zu lassen. So lange die "alten weißen Männer" überwiegend unter sich bleiben und in der Regel nur diejenigen nachhaltig unterstützen, die soziokulturelle Ähnlichkeiten mit ihnen aufweisen, wird die soziale Durchlässigkeit nur scheinbar gegeben sein.

Wer lautstark Leistungsgerechtigkeit einfordert, muss sie auch glaubwürdig vorleben. Notwendig ist daher eine Förderpolitik, eine wirksame Antidiskriminierungspolitik und eine aktive Zivilgesellschaft, die es ermöglicht, dass Menschen mit Migrationshintergrund aufholen und gleichziehen können. Das gelingt, wenn sich Vielfalt gerecht in den Entscheidungszentren unserer Gesellschaft – das heißt Staat (Politik, Verwaltung und Justiz), Wirtschaft, Kultur und Medien – widerspiegelt. Hier werden die Weichen gestellt. Und wir brauchen ein neues Staatsziel im Grundgesetz: Die Bundesrepublik Deutschland ist ein vielfältiges Einwanderungsland. Sie fördert daher die gleichberechtigte Teilhabe und Integration.   

Nur fünf Prozent Abgeordnete mit Migrationshintergrund

Gerade in den Parteien, die laut Grundgesetz Mittler zwischen Bürgern und Staatsorganen sind, gibt es viel Nachholbedarf. Im Bundestag haben nur rund fünf Prozent der Abgeordneten einen Migrationshintergrund. In den Parteivorständen sieht es überwiegend ähnlich oder noch schlechter aus. Eine geschlechterneutrale Quote ist überfällig. Die Parteien sind verpflichtet, mit gutem Beispiel voranzugehen. 
Wenn soziale Herkunft über Aufstiegsmöglichkeiten entscheidet, muss genau dies ins Zentrum politischen Handelns. Tatsächlich sprechen Soziologen wie Oliver Nachtwey bereits von der deutschen Abstiegsgesellschaft, in der immer mehr Menschen wie auf einer Rollentreppe nach unten gegen ihren Abstieg anrennen.

Und die, die es nach oben geschafft haben, schauen sich entspannt auf der ersten Etage um, um für sich und ihre Kinder die Rolltreppe in die zweite Etage nehmen. Wenn der Befund richtig ist, muss es darum gehen, eine gerechte Verteilungspolitik zu forcieren und vor allem in alle Mitglieder der Gesellschaft zu investieren. Hier öffnet sich ein Feld für eine Politik der Solidarität, das es zu bestellen gilt. Die Abstiegsgesellschaft ist eine Frage der sozialen Schichtung – der Klasse – und eine moderne Politik muss dafür eine Sprache und ein Programm entwickeln. Aber nicht auf Kosten der Migranten, sondern durch die Erfahrung von Solidarität unter den zwar unterschiedlich, aber eben vom Gleichen Betroffenen: von den radikalen sozialen Spaltungseffekten marktliberaler Politik. 

Es ist daher an der Zeit, neben dem Wirtschaftswachstum andere Indikatoren für den Erfolg eines Landes zu entwickeln. Wie wäre es, wenn wir mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit, mit der wir Konjunkturzahlen und Wachstumsquoten diskutieren, künftig politisches und gesellschaftliches Gelingen in den Blick nehmen?

Glück statt Wachstum

Zum Beispiel einen Bruttonationalglücksindikator. Ein solcher könnte ähnlich wie beim hoch gepriesenen Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von 1967 ein neues "magisches Viereck" bilden: eine sozial gerechte Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung, die Bewahrung und Förderung kultureller Werte, den Schutz der Umwelt und gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen könnten die Maßstäbe sein, an denen diese Entwicklung abgelesen wird. Tatsächlich gibt es so etwas bereits. Beim letzten World-Happiness-Ranking im Auftrag der Vereinten Nationen, ein Bruttonationalglücksindiaktor, der den gesellschaftlichen Fortschritt eines Landes misst, landete Deutschland abgeschlagen auf Platz 26. Vorneweg: die Schweiz, Dänemark, Island, Norwegen und Kanada.

Ein solcher Bruttonationalglücksindikator könnte auch der Politik neue Ziele vermitteln und helfen, erfolgreiche Politik transparenter und besser zu beurteilen und zu verpflichten. Wir brauchen mehr Wirkungsorientierung im politischen Handeln und weniger parteipolitische Aussagen. Dafür braucht es eine Wahrnehmung dafür, wo sich Wirkung tatsächlich in gesellschaftlich relevanter Weise entfaltet. Reduktive Argumente fördern die Politikverdrossenheit und verbreitern das Spielfeld für populistische Heilsversprechen.

Politik ist für die große Mehrheit mittlerweile eine Blackbox. Für die Einwanderungsgesellschaft wäre ein Glücksindikator eine angemessene Form, den Erfolg einer Teilhabepolitik für alle abzubilden. An ihm könnten sich unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen solidarisch orientieren, an ihm könnte auch jeder und jede seine eigene Situation messen und gegebenenfalls politische Forderungen formulieren. Unbesehen der Frage, wie er oder sie als Individuum lebt, glaubt oder liebt.