Das Beben in Mittelitalien ereignete sich am Sonntagmorgen gegen 7.40 Uhr nördlich der mittelalterlichen Kleinstadt Norcia, südöstlich von Perugia. Nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS hatte das Beben eine Stärke von 6,6. Es war damit deutlich stärker als die beiden Erdstöße, die am vergangenen Mittwoch die Region in Mittelitalien erschüttert hatten

Mehrere Dutzend Menschen seien verletzt worden, es gebe aber bisher keine Todesopfer zu beklagen, teilte der italienische Zivilschutz mit. In mehreren Ortschaften stürzten Häuser und historische Gebäude ein. Im Epizentrum Norcia wurden die Basilika St. Benedetto aus dem 14. Jahrhundert und die Kathedrale Santa Maria Argentea schwer beschädigt. In der Gemeinde Ussita seien drei Menschen gerettet worden, die unter den Trümmern begraben worden seien, berichtete der Sender RAI. "Heute morgen hat das Erdbeben das wenige getroffen, das noch stehengeblieben war", sagte Michele Franchi, der stellvertretende Bürgermeister von Arquata del Tronto. "Wir werden ganz von vorn anfangen müssen."

Dem Erdbeben vorangegangen war ein konstantes Zittern, das viele Menschen aus ihren Wohnungen ins Freie flüchten ließ. Zunächst gab es keine Berichte über Tote und Verletzte. In Norcia flohen Nonnen aus ihrer Kirche, während der Glockenturm einzustürzen schien.

Die Erschütterungen selbst hatten mehrere Sekunden gedauert und waren auch in der 130 Kilometer entfernten Hauptstadt Rom zu spüren gewesen. Dort wurden vorübergehend die zwei zentralen Metrolinien A und B gestoppt. Wie die Verkehrsgesellschaft Atac meldete, gab es auch Verzögerungen im Zugverkehr.

Fast 700 Nachbeben seit Mittwoch

Bei den letzten Beben in Norditalien am Mittwoch hatte es keine Todesopfer gegeben, obwohl in manchen Orten zwei Drittel aller Gebäude beschädigt oder zerstört worden waren. Seitdem hatte das Erdbebeninstitut INGV fast 700 Nachbeben gezählt.

Italien ist das erdbebengefährdetste Land in Europa. Knapp 60 Millionen Italiener leben nach Schätzungen von Experten in Gegenden mit erhöhtem Erdbebenrisiko. Die betroffenen Gegenden reichen vom Friaul über den Apennin bis nach Kalabrien und Sizilien. Alle paar Jahre fallen Hunderte Menschen den Naturkatastrophen zum Opfer.

Mangelnde Prävention in Italien

Experten bemängeln, dass die Erdbebenprävention der Regierung mangelhaft sei. Mehr als 70 Prozent aller Immobilien seien nicht erdbebensicher. Grund dafür ist unter anderem die alte Bausubstanz. Außerdem seien die Bewohner in gefährdeten Gebieten oft nicht über die Risiken aufgeklärt und wüssten nicht, wie sie sich im Katastrophenfall verhalten sollten. 

Laut INGV besteht ein Zusammenhang zwischen den aktuellen Erschütterungen im Oktober und dem tödlichen Beben etwas weiter südlich, bei dem im August fast 300 Menschen gestorben waren. Nach Expertenangaben können die Nachbeben Monate dauern. Viele Menschen, die sich damals schon Wohnmobile zugelegt hatten, zieht es deshalb nun ebenfalls weg aus den Bergen.

Viele Opfer siedeln an die Adriaküste um

Der Zivilschutz bietet allen Betroffenen der neuerlichen Beben an, sich mit seiner finanziellen Hilfe selbst eine neue Bleibe zu suchen, in bereits bestehende Gemeinschaftsunterkünfte vor Ort zu ziehen oder in Hotels an der rund 80 Kilometer entfernten Adriaküste einzuchecken.

Regierungschef Matteo Renzi gab 40 Millionen Euro an Soforthilfe frei. Die Zeltstädte des Zivilschutzes sollen so schnell wie möglich verschwinden, neue erst gar nicht entstehen, kündigte er an. Niemand in der Bergregion, in der schon bald der erste Schnee fallen könnte, solle den Winter in einem Zelt verbringen müssen, versprach Renzi.

Einbußen für den Tourismus befürchtet

Inzwischen fürchten auch vom Beben nicht betroffene Ortschaften in Mittelitalien, dass Touristen künftig fernbleiben könnten. Die Menschen müssten verstehen, dass der Teil, der nun vom Erdbeben betroffen sei und den man besser meide, nicht für die gesamte Region stehe, sagte Fabio Paparelli, Tourismusbeauftragter der Region Umbrien, der Zeitung La Repubblica. Seit dem Erdbeben im August sei der Tourismus in Umbrien um 27 Prozent eingebrochen.