- Unsere Reporter Andrea Böhm und Yassin Musharbash sind in der Region um Syrien und den Irak unterwegs.
- Sie beobachten und analysieren für dieses Blog regelmäßig die Großoffensive gegen den "Islamischen Staat" (IS).
- Die irakische Armee versucht seit dem Morgen des 17. Oktober, die Stadt Mossul vom IS zurückzuerobern.
- Inzwischen ist der Osten der Stadt von den Terroristen befreit, im Westen wird noch gekämpft.
- Auf seinem Rückzug hinterlässt der IS Zerstörung.
- Unterstützt werden die regulären irakischen Truppen von schiitischen und sunnitischen Milizen sowie kurdischen Peschmerga-Kämpfern.
- Auch mindestens 1.500 irreguläre türkische Kämpfer nehmen an der Offensive teil.
- Inzwischen stockt die Offensive, auch irakische Einheiten haben starke Verluste.
- In Mossul werden rund 4.000 Kämpfer des IS vermutet.
- Hilfsorganisationen befürchten, dass die Zivilbevölkerung zwischen die Fronten geraten könnte. Bis zu 700.000 Menschen könnten laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) mittelfristig als Binnenflüchtlinge auf Hilfe angewiesen sein, manche Quellen rechnen sogar mit noch mehr.
In den vergangenen Tagen war ich im Nordirak unterwegs. Unter anderem habe ich einige Lager besucht, in denen Flüchtlinge, die der Schlacht von Mossul entkommen konnten, untergebracht werden. Einige von ihnen waren erst 48 Stunden zuvor geflohen, manche im Schutz der Dunkelheit, andere im Morgengrauen, fast alle zu Fuß, weil sie das für ungefährlicher hielten.
Gefährlich macht die Flucht vor allem der IS: Er versucht mit allen Mitteln, die Bewohner daran zu hindern, die Stadt zu verlassen. In den Vierteln rund um die Altstadt, die der IS im Westteil der Stadt noch immer verteidigt, leben schätzungsweise noch 200.000 Zivilisten. Sie harren unter schrecklichen Bedingungen aus, so viel ist nach den Interviews, die ich führen konnte, vollkommen klar. Der IS setzt sie als menschliche Schutzschilde ein. Mehrere Flüchtlinge bestätigten, dass sie selbst vom IS systematisch immer wieder umgesiedelt wurden, über Wochen – und zwar immer näher an die Front.
Andererseits ist es auch richtig, dass die Angriffe der Anti-IS-Koalition zu zivilen Opfern führen.
In einem Flüchtlingslager gibt es sehr wenig Privatsphäre. Die Menschen leben in Zelten, jeder bekommt alles mit, was um ihn herum geschieht. Wenn man in einem Flüchtlingslager anfängt, jemanden zu interviewen, ist es deshalb nur natürlich, dass sich sofort eine Menschenmenge versammelt. Alle wollen mitreden.
Als Reporter ist das nicht ideal, weil man am liebsten einem Protagonisten durch seine individuelle Geschichte folgen würde. Aber das geht eben nicht immer. Ich hatte nicht mal Zeit, Namen aufzuschreiben, weil ich alles, was mir zugerufen wurde, rechtzeitig zu notieren versucht habe.
Ich würde trotzdem gerne einige der Informationen teilen, die ich dort in Erfahrung gebracht habe. Deshalb tue ich das in dieser etwas ungewöhnlichen, sehr summarischen Form: Indem ich Zitate untereinanderstelle, ohne sie einzelnen Personen zuzuordnen.
Noch eine letzte Anmerkung: Natürlich kann ich in einer solchen Situation nicht überprüfen, ob alles auch stimmt, was mir erzählt wird. Umso interessanter vielleicht, dass in dem einen Camp einer der Männer, die am meisten erzählt haben, immer wieder die anderen Umstehenden gefragt hat: "Das war doch so, oder? Oder sage ich die Unwahrheit?" – und die Menge ihm immer recht gegeben hat.
Die Stimmen der Flüchtlinge
"Ich bin vor fünf Tagen geflohen. Es war die Hölle, alles ist voll mit IS-Männern."
"Tod, Tod, überall. Kein Essen, kein Trinken. Es stimmt, dass die IS-Leute in der Altstadt Familien in ihren Häusern einsperren, als Schutzschilde, es ist ihnen egal, ob sie verhungern."
"Ich habe gesehen, wie sie Dutzende hingerichtet haben, durch Erschießen, die fliehen wollten. Wenn du fliehst, bist du für sie ein Ungläubiger, ein Kefir."
"Wir konnten nicht früher fliehen, jetzt ging es, weil die Armee einen Korridor freigemacht hat."
"Die IS-Leute waren gemischt, da waren Tschetschenen dabei, Russen, Franzosen. Die aus dem Westen, die haben Mossul früher verlassen."
"Ich habe gesehen, wie die IS-Männer einem Zivilisten gesagt haben: Ja ja, sicher, du kannst gehen! Dann haben sie ihm in den Rücken geschossen, dreizehn Mal."
"Ich habe gesehen, dass sie die Leichen derer, die sie hinrichten, drei Tage lang vor den Häusern liegen lassen, als Abschreckung."
"Manchmal geben sie die Leichen den Eltern und sagen: Besser er ist hier gestorben als bei den Ungläubigen."
"Mir haben sie gesagt: Du bist genau eine Patrone wert."
"Ich habe gehört, dass Kinder in Mossul an Hunger gestorben sind. Zehnjährige. Und jünger."
Einer steckt sich eine Zigarette an, ein junger Kerl. Er grinst: "In Mossul hat die 25 US-Dollar gekostet!"
"Wir haben vier Kinder. Nein, in die IS-Schule haben wir sie nicht geschickt." (Das ist etwas, das ich mittlerweile sehr häufig gehört habe: Das vor allem Kinder von IS-Kadern in den Schulen waren, viele Zivilisten hingegen ihre Kinder zu Hause behalten haben. Der IS war entweder nicht in der Lage, eine Schulpflicht durchzusetzen, oder es war ihm egal, oder es war in seinem Interesse, wenn eine ungebildete Generation heranwächst.)
"Ohne Eid auf den IS zu schwören, bekam man keine vernünftige Arbeit."
"Wer früher bei der Polizei gewesen war, der musste öffentlich abschwören und bereuen."
"Als Informationsquellen hatten wir eigentlich nur den IS-Radiosender Bayan. Alles andere war heimlich."
"Das Schlimmste, was ich gesehen habe, war die Steinigung von zwei Frauen. Sie haben sie angebunden, einen Kreis um sie gezogen und Steine bereitgelegt. Dann haben sie den Frauen gesagt: Wenn ihr es aus dem Kreis herausschafft, seid ihr frei. Aber sie hatten natürlich keine Chance."
"Niemand wusste, wann man selbst dran ist."
"70 Prozent der IS-Leute waren Iraker, viele aus der Umgebung."
"Die Amniyat, die Sicherheitsdienste des IS, das waren die Schlimmsten. Ich kenne einen, den haben sie sieben Stunden gefoltert, danach war er tot."
"Man kannte ja nicht alle IS-Leute. Deshalb hatte man immer Angst, konnte niemals offen sprechen."
"Wen die Amniyat abholten, der war verloren."
"Wir waren wegen der Schlacht sieben Tage unter dem Treppenhaus gefangen, nein sechs Tage, es waren sechs Tage."
"Für den Besitz eines Handys konnte man hingerichtet werden."
"Teebeutel wurden an der Sonne getrocknet und noch einmal verkauft."
"Es war an der Tagesordnung, dass Leute auf der Straße erschossen wurden."
"Die Luftangriffe (der Anti-IS-Koalition) waren furchteinflößend."
"Das Wasser war so knapp, wir haben auf Regenwasser gewartet, dafür gebetet."
In Rutba, nahe der irakisch-jordanischen Grenze, fuhr Anfang der Woche ein irakisches Militärfahrzeug auf einem Sprengsatz, den die Terrorgruppe "Islamischer Staat" vergraben hat.
In Ramadi, einer Stadt im Zentralirak, die dem IS 2016 nach mühsamen Kämpfen abgenommen wurde, griff der IS ebenfalls vor wenigen Tagen eine Polizeistreife mit einer Haftmine an.
Nahe Bagdad ermordete der IS diese Woche einen Polizisten.
Und in Hut, in der Provinz Anbar, sprengten die Dschihadisten zwei Häuser, die Mitgliedern einer Anti-IS-Miliz gehörten.
Es ist naheliegend, dass die Aufmerksamkeit der internationalen Presse sich derzeit vor allem auf Mossul richtet. Mossul, wo der IS im Juni 2014 sein sogenanntes Kalifat ausrief, ist die Hauptstadt der Dschihadisten im Irak. Gewesen, kann man fast schon sagen: Der Osten der Stadt ist schon befreit, der Westen ist es zur Hälfte. Noch harren einige Hundert, vielleicht Tausend IS-Kämpfer in der Altstadt aus und liefern der irakischen Armee schwere Gefechte. Aber ihre Lage ist aussichtslos, Mossul wird fallen.
Was angesichts dessen (und der Tatsache, dass ja auch im Nachbarland Syrien eine Offensive gegen Rakka, die zweite Hauptstadt des IS, begonnen hat) kaum wahrgenommen wird: Der IS ist anderswo im Irak längst wieder eine Gefahr geworden. Die Liste der Anschläge am Anfang dieses Posts ist nur eine Auswahl.
Einen sehr guten – und erschreckenden – Einblick gibt ein Hintergrundbericht der empfehlenswerten Website Niqash.
Der Autor, Mustafa Habib, hat zum Beispiel mit dem Polizeichef der Stadt Baidschi im Zentralirak gesprochen. Vor zwei Jahren sei die Gegend von IS-Kämpfern geräumt gewesen, jetzt hat der Polizeichef 40 "Hit and run"-Attacken innerhalb eines Monats verzeichnet. "Die Regierung (in Bagdad) ist derart in Mossul engagiert, dass die Terroristen andere Orte infiltrieren", sagt er.
In Mtaibijh, in der Nachbarprovinz Diyala, bietet sich offenbar in manchen Gegenden ein ähnliches Bild. Dort gibt es dem Bericht zufolge bereits wieder so etwas wie ein IS-Trainingscamp inklusive einer Fabrik zur Herstellung von Fahrzeugbomben.
Was hier beschrieben wird, deckt sich genau mit dem, was der IS vor Beginn des Kampfes um Mossul in einem langen Propagandavideo angekündigt hat: dass er zu seiner Strategie des "Guerillakrieges" zurückkehren und den gesamten Irak mit solchen Angriffen unsicher machen werde. Jahrelang hat der IS im Irak auf diese Weise agiert, lange bevor er Mossul übernahm.
Es steht zu befürchten, dass diese Zermürbungstaktik nach dem Fall Mossuls eher noch ausgeweitet wird. Dann wird sich zeigen, ob die irakische Armee und die mit ihr verbündeten Milizen die Motivation und die Kapazität haben, den versprengten IS-Zellen auch bis in ihre Verstecke im Hinterland hinterherzusteigen.
Die Schlacht von Mossul ist wichtig. Aber vernichtet wird der IS dort nicht.
Als Kämpfer des "Islamischen Staates" im Juni 2014 Mossul eroberten, meldete sich kurze Zeit später ein Blogger unter dem Decknamen "Mosul Eye" aus der irakischen Stadt zu Wort. Mit wenigen Unterbrechungen dokumentierte der Autor in den folgenden Jahren unter Lebensgefahr den Alltag unter der Herrschaft der Dschihadisten. Er berichtete über die Exekutionen und Vertreibungen von Schiiten, Christen und anderen Minderheiten, über die Zerstörung von Kulturgütern, über die anfängliche Unterstützung vieler Sunniten für den IS, die bald in Opposition und Proteste umschlug, und über die militärischen Vorkehrungen des IS in Erwartung der Offensive zur Befreiung der Stadt. Immer wieder debattierte er auch mit IS-Mitgliedern in Mossul, indem er sich selbst als "frommer Gläubiger" ausgab. So kam er an Informationen über deren Organisation, die Rolle ausländischer Kämpfer aber auch die Kollaboration irakisch-sunnitischer Stämme, die – wie er schrieb – die multiethnische und multikonfessionelle Urbanität Mossuls genau so hassen wie vor ihnen schon Saddam Hussein.
Nun, da Antiterroreinheiten, irakische Armee und schiitisch dominierte Milizen nach der Befreiung des Ostteils der Stadt auch in den Westteil vorrücken, warnt der Blogger vor den verheerenden Folgen für die Zivilisten. Er fürchtet auch neue Gewalt, wenn der IS erst einmal vertrieben ist. Und er bittet eindringlich um internationale Hilfe. "Das Auge von Mossul" hält seine Identität bis heute geheim. Das Interview wurde per E-Mail geführt.
ZEIT ONLINE: Im Dezember 2016 gaben Sie bekannt, dass Sie Mossul verlassen haben. Was ist passiert und wie ist Ihre aktuelle Situation?
Mosul Eye: Das war die schwerste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Ich wollte nicht fliehen, sondern aus eigener Anschauung dokumentieren, was mit meiner Stadt unter der Herrschaft des IS passiert. Und ich wollte den Moment der Befreiung in der Stadt miterleben.
Aber ich musste aus Mossul raus, weil der IS mir langsam auf die Spur gekommen war. Der Dezember 2016 war nicht der Zeitpunkt meiner Flucht, und aus Sicherheitsgründen halte ich das weiterhin geheim. Ich musste auch meine Familie schützen. Ich wollte nicht, dass meine Mutter im Fall meiner Verhaftung meine Hinrichtung würde erleben müssen. Meine Mutter weiß jetzt, dass ich in Sicherheit bin.
ZEIT ONLINE: Sie berichten weiter in Ihrem Blog und per Twitter über den Kampf um Ihre Stadt und beobachten aus nächster Nähe das Vorgehen der irakischen Streitkräfte. Sie haben die Militäroperation wiederholt kritisiert. Wie schätzen sie deren Verlauf ein?
Mosul Eye: Ich stehe der Militäroperation immer noch kritisch gegenüber, weil sie das Ergebnis einer politischen und keiner militärischen Entscheidung war. Die Armee ist zu einer Offensive gedrängt worden, auf die sie noch nicht ausreichend vorbereitet war. In der Schlacht um den Ostteil hat es viele Erfolge gegeben, aber es gibt keinen Plan, keine Roadmap für die Zeit nach dem IS. In den Kämpfen um den Westteil sind jetzt schon viele Zivilisten ums Leben gekommen. Mehr als 10.000 Bewohner sind verwundet oder getötet, Wohnviertel zerstört worden. Die Bombenangriffe halten ununterbrochen an. Offenbar ist man bereit, für die Befreiung hohe Verluste unter der Zivilbevölkerung in Kauf zu nehmen.
Auch die Bedingungen für die Flüchtlinge sind schlimm. Mit dem Beginn der Offensive auf Westmossul flohen immer mehr Menschen Richtung Hammam al-Alil, um festzustellen, dass noch keine Aufnahmelager eingerichtet worden waren. Dann hat man sie weiter nach Qayyara geschickt, wo viele immer noch im Freien kampieren. Diese Menschen sind zum Teil barfuß bis zu 100 Kilometer im Regen gelaufen. Abgesehen von der humanitären Krise, die sich jetzt anbahnt, hat es die Regierung auch versäumt, andere wichtige Probleme anzugehen. Zum Beispiel den Umgang mit Familienangehörigen von IS-Mitgliedern oder gründliche Sicherheitsüberprüfungen.
Meine größte Befürchtung gilt der Frage: Was passiert nach der Befreiung Mossuls? Es gibt keinen klaren Plan.
ZEIT ONLINE: Was wissen Sie über die humanitäre Lage der Menschen, die sich in vom IS kontrollierten Stadtteilen befinden?
Mosul Eye: Es gibt kaum noch Nahrung und Trinkwasser. Kartoffeln und Zwiebeln kann man noch kaufen. Das Kilo Kartoffeln kostet derzeit 2,50 Dollar, für ein Kilo Reis muss man 9 Dollar bezahlen. Mehl, Zucker, Öl und Gemüse sind kaum mehr zu haben. Ärmere Familien essen eine Mahlzeit alle zwei Tage, manche betteln oder suchen Nahrung im Müll. Kinder leiden unter Dehydrierung. Wir haben über acht Fälle berichtet, in denen Menschen aufgrund von Dehydrierung und Unterernährung gestorben sind. Die Menschen haben auf den Straßen Brunnen gegraben, um an Wasser zu kommen. Um kochen zu können, machen viele mit Müll Feuer. Eine medizinische Versorgung für chronische Krankheiten gibt es nicht mehr. Medikamente sind kaum noch zu bekommen. Manche Kliniken haben nur noch Hustensaft und Paracetamol.
Der IS hat die Autos der Menschen konfisziert, um Barrikaden zu bauen und um sie zum Bleiben zu zwingen. Wen sie bei einem Fluchtversuch erwischen, den exekutieren sie wegen der "Flucht aus dem Land des Islams ins Land der Ungläubigen".
ZEIT ONLINE: Wie viel und wie lange kann der IS Ihrer Meinung noch Widerstand leisten?
Mosul Eye: Es gibt weiterhin Anschläge im befreiten Ostteil. Im Westteil nutzt der IS Zivilisten als menschliche Schutzschilde. Es sind kaum noch ausländische Kämpfer in der Stadt, die meisten sind Einheimische. Die haben nichts mehr zu verlieren. Die werden nicht abhauen, sondern bis zum Letzten kämpfen und es ist ihnen völlig egal, wie viel dabei zerstört wird. Für die Altstadt, die ja im Westteil liegt, kann das die absolute Verheerung bedeuten. Mossul würde in diesem Fall sein historisches arabisch-islamisches Erbe verlieren.
Der IS hat sich in die Viertel der Altstadt eingegraben. Wir konnten sehr genau beobachten, wie und wo sie Scharfschützen und Artilleriestellungen auf Dächern postiert haben, wie sie Hauswände durchbrochen haben, um sich schneller und geschützter bewegen zu können.
ZEIT ONLINE: Viele der IS-Kämpfer in Mossul, so haben Sie berichtet, sind Minderjährige. Wie wurden die rekrutiert?
Mosul Eye: Ich gebe Ihnen einen Beispiel. Im Juli 2014 erfuhr ich, dass IS-Kämpfer acht Kinder einer schiitischen Familie aus Tal Afar (eine Kleinstadt circa 80 Kilometer westlich von Mossul, Anm. d. Red.), deren Eltern sie getötet hatten, hierher gebracht hatten. Vier Jungen und vier Mädchen zwischen 3 und 14 Jahren. Zwei der Jungen wurden abgesondert und in ein Waisenhaus für Jungen gesteckt. Die anderen ließ man zunächst bei ihren Schwestern in einem Heim für Mädchen. Ich habe sie in dem Waisenhaus besucht, wann immer keine IS-Leute da waren. Neben den schiitischen Kindern habe ich auch jesidische Kinder gesehen. Dann erfuhr ich, dass der IS die Jungen in ein Ausbildungslager nach Tal Afar zurückgeschickt hat. Den Kindern wurde mit Prügel eingetrichtert, wie man eine Waffe benutzt. In einem IS-Video habe ich einige Zeit später einen der Jungen erkannt, wie er eine Hinrichtung ausführte. Das war dasselbe Kind, das ich 2014 besucht hatte und das damals um seine ermordete Familie weinte. Dann entdeckte ich ein anderes IS-Video, das andere Kinder zeigte, die ich damals im Waisenhaus besucht hatte. Sie waren zu Kämpfern ausgebildet worden und einige wurden bei Einsätzen in Syrien und im Irak getötet.
Der IS hat enorm viel in die Rekrutierung und Ausbildung von Kindern investiert. Ich schätze deren Zahl auf zwischen 700 und 1.000. Manche wurden als Spione ausgebildet, andere für Mordanschläge. Die meisten sind Kinder aus Mossul. Einige Kinder ausländischer Kämpfer, die ihre Familien mitgebracht haben, sind auch dabei. Ich verfolge die aktuellen Kämpfe im Westteil sehr genau. Es ist offensichtlich, dass sich viele Teenager in den Reihen des IS befinden.
ZEIT ONLINE: Anfang Februar lobten Sie in einem offenen Brief an den irakischen Premierminister Haider al-Abadi die Disziplin und Effizienz der irakischen Spezialeinheiten, die die Speerspitze bei dieser Militäroperation bilden. Sie warnten aber auch, dass die nachrückenden Sicherheitskräfte diese Erfolge und das Vertrauen der Bevölkerung wieder zerstören – durch willkürliche Verhaftungen, Folter, Korruption. Hat sich die Lage im Ostteil seither verbessert oder verschlechtert?
Mosul Eye: Der Alltag ist im Ostteil recht schnell zurück gekehrt. Jugendliche haben sich organisiert, um die Straßen aufzuräumen und die IS-Parolen von den Hauswänden zu entfernen. Viele Bewohner sind allerdings nach wie vor ohne Strom- und Wasserversorgung. Der Gesundheitssektor liegt immer noch am Boden.
Und die Sicherheitslage ist alles andere als stabil: Es gibt kein vernünftiges System, um einheimische IS-Mitglieder und Kollaborateure zu identifizieren. Das Misstrauen wächst, das Risiko steigt, dass Unschuldige denunziert werden. Anti-IS-Milizen haben bereits mehrfach Sunniten gefoltert und getötet – allein aufgrund des Verdachts oder Gerüchts, sie wären beim IS gewesen.
Uns liegen zudem Berichte von Augenzeugen vor, die Raubüberfälle durch Angehörige der Bundespolizei in befreiten Stadtteilen von Mossul schildern.
ZEIT ONLINE: Sie haben wiederholt gefordert, dass die Stadt nach der Befreiung vom IS durch ein internationales Treuhandkomitee mit verwaltet werden sollte. Warum?
Mosul Eye: Seit dem Sommer 2014 steht Mossul unter der Herrschaft einer internationalen terroristischen Organisation, die weltweit zuschlägt. Den IS militärisch zu schlagen, bedeutet nicht, dass die dahinterstehende Ideologie verschwindet. Es ist sehr gut vorstellbar, dass der IS neue Strukturen und Strategien entwickelt und in anderer Form – und womöglich viel stärker – in zwei oder drei Jahren wieder auftaucht. Das allein erscheint mir Grund genug, in Mossul für eine begrenzte Zeit eine Treuhandverwaltung einzusetzen.
Eine wichtige Ursache für den Aufstieg des IS in der Stadt war der frühe Abzug der US-Truppen aus dem Irak im Jahr 2011. Zu diesem Zeitpunkt waren weder die politischen noch die militärischen Institutionen fähig, die Probleme des Iraks unter Kontrolle zu bekommen. Die Folgen des Truppenabzugs waren katastrophal: Es entstand ein Machtvakuum, in das der IS stoßen konnte. Das war der externe Faktor, der zum Aufstieg der Organisation beitrug.
Zu den innerirakischen Ursachen zählt vor allem der Umgang der Regierung in Bagdad wie auch der Provinzregierung von Niniveh mit den Sunniten im Land. Für Mossul ist nach der Vertreibung des IS eines überlebenswichtig: das Sektierertum darf nicht wiederkehren. Die Diskriminierung der Mossulis muss ein Ende haben. Wir wollen eine enge Beziehung zur Regierung in Bagdad. Aber bis auf Weiteres trauen wir weder der nationalen noch der lokalen Regierung zu, Mossuls Angelegenheiten angemessen zu regeln. Das kann man schon an den Zuständen im befreiten Ostteil sehen. Anstatt alle nötigen Ressourcen in den schnellen Wiederaufbau der Infrastruktur und in die Stabilisierung der Sicherheit zu investieren, laufen im Ostteil jetzt alle möglichen Milizen herum und heizen die Spannungen an.
ZEIT ONLINE: Sie fürchten weitere Racheaktionen von Schiiten?
Mosul Eye: Die finden ja schon statt. Schiitische Einheiten gewinnen westlich der Stadt an Einfluss. Das kann besonders für die sunnitischen Bewohner in Tal Afar gefährlich werden. Der IS hat dort 2014 viele Schiiten entweder umgebracht oder vertrieben – und damit gelten nun alle verbliebenen Sunniten als IS-Mitglieder. Sunniten aus Tal Afar stehen derzeit unter Generalverdacht.
Aber es geht nicht nur um Schiiten gegen Sunniten. Der Kampf gegen den IS hat eine Allianz von Gruppen geschaffen, die sich ihrerseits spinnefeind sind. Ist der IS erst einmal aus Mossul vertrieben, brechen diese Konflikte auf – und sie sind viel komplizierter als das Schema "Sunni gegen Schia". Der Führer einer christlichen Miliz hat neulich zum Beispiel ganz unverhohlen vom Religionskrieg gegen die Sunniten gesprochen. Dann gibt es eine Einheit der Schabak, die nach unseren Berichten in Mossul plündert. (Die Schabak sind eine überwiegend schiitische Minderheit turkmenischer Herkunft im Irak, Anm. d. R.). Und dann sind da die "Wächter von Niniveh", eine von der Türkei unterstützte Miliz sunnitischer Stämme, angeführt vom ehemaligen Gouverneur der Provinz, Athil Al-Nujaifi. Die kämpfen gegen den IS, gehen dabei aber äußerst brutal vor. Sollten sie die Kontrolle über Mossul übernehmen, befürchten wir schlimme Racheakte.
Wenn der IS als gemeinsamer Feind erst einmal wegfällt, werden die einzelnen Milizen und ihre Unterstützer – der Iran, die Türkei oder andere Länder – um die Vormacht in Mossul kämpfen. Die irakische Regierung ist viel zu schwach, um das zu unterbinden. Wir brauchen eine Treuhandverwaltung.
ZEIT ONLINE: Kein westliches Land wäre derzeit willens, sich auf ein solches Projekt einzulassen.
Mosul Eye: Ich weiß, wie unmöglich dieses Projekt momentan erscheint. Aber bedenken Sie, was auf dem Spiel steht. Die Demokratie ist im Irak derzeit kein funktionierendes System. Sie verschlimmert die Lage, weil sie Parteien hervorgebracht hat, die an der Regierung beteiligt sind und ihrerseits Milizen unterstützen. Und diese Milizen schaffen sich einen Staat im Staat. Wir aber brauchen in Mossul für wenigstens fünf Jahre eine Struktur, die es uns erlaubt, die Stadt wiederaufzubauen. Wir müssen eigene Sicherheitskräfte in der Provinz Niniveh ausbilden, die den Schutz aller – der Christen, der Schabak, Sunniten, Schiiten, Turkmenen, Kurden und Jesiden – garantieren müssen. Nur so kann ein Klima entstehen, in dem alle Gruppen wieder koexistieren können ohne die Einmischung durch ausländische Akteure wie der Türkei und des Irans.
Wir sind überzeugt: Die EU kann das zusammen mit den USA und einem Mandat der UN leisten. Die Mossulis würden das begrüßen. Ich habe immer wieder mit führenden Persönlichkeiten der Stadt darüber gesprochen. Eine internationale Treuhandverwaltung ist unsere einzige Hoffnung, endlich aus diesem Teufelskreis herauszukommen. Mossul muss die Chance bekommen, zu einer "offenen Stadt" zu werden, offen für alle Konfessionen und Ethnien. Wenn das hier gelänge, würde es auch auf andere Städte im Irak und auf Syrien ausstrahlen.
ZEIT ONLINE: Was können, was müssen die Mossulis selbst tun, um eine Aussöhnung in ihrer Stadt zu ermöglichen?
Mosul Eye: Wir müssen zunächst vor allem die Christen um ihre Rückkehr bitten. Wir müssen einen regionalen und einen städtischen Rat bilden, in dem alle Konfessionen und Ethnien vertreten sind. Wir müssen so schnell wie möglich ein Verfahren schaffen, das einheimische IS-Mitglieder und Kollaborateure zur Verantwortung zieht. Gleichzeitig muss man zwischen jenen unterscheiden, die freiwillig mit dem IS zusammengearbeitet haben, und jenen, die gezwungen wurden. All die zwangsrekrutierten Kinder und Jugendlichen kann man nicht wie erwachsene Täter behandeln.
Die Stammesführer – auch die, die auf der Seite des IS standen – müssen ihre Bereitschaft zur Versöhnung ankündigen. Und sie müssen sich einem Rechtssystem unterwerfen, das Racheakte verhindert. Das sind die Voraussetzungen für Frieden in dieser Stadt. Wenn die nicht eintreten, geht das Blutvergießen in die nächste Runde.
Wenn der IS seinen Willen bekommen hätte, dann wäre Hasan* Arzt geworden. "Wir brauchen Ärzte", haben die Dschihadisten ihm gesagt. "Du bist gut in der Uni, du hast das Zeug dazu." Vor etwa zwei Jahren war das. Hasan, heute 23 Jahre alt, steht in Bartella, einem Städtchen etwa 20 Kilometer östlich von Mossul, und erzählt, wie er den IS hinhielt und sich schließlich so geschickt verbarg, dass die Terrorgruppe von ihrem Vorhaben abließ, ihn zum Mediziner zu machen." Glück gehabt", sagt er.
Er wollte nicht nur nicht für den IS arbeiten. Er hat sich auch nie für Medizin interessiert. Hasan war an der geisteswissenschaftlichen Fakultät eingeschrieben, als der IS Mossul übernahm. Heute liegt die Universität in Trümmern, denn der IS verfolgt eine Politik der verbrannten Erde. Ost-Mossul ist seit dem vergangenen November Stück für Stück befreit worden, im Westen wird noch gekämpft. Jedes große Gebäude, dass die irakische Armee dem IS dort in diesen Tagen abnimmt: verbrannt, gesprengt, zerstört.
Der IS hinterlässt nur Ruinen
"Zwei Jahre haben sie mir genommen", sagt Hasan. Dass er heute nach Bartella, eine halbe Autostunde östlich von Mossul, gekommen ist, hat einen Grund. Hier finden derzeit Einstufungsexamen für Studenten der Universität von Mossul statt. Mit Farbe aus Sprühdosen haben die Offiziellen Wegweiser an die Wände von Bartella gemalt: "Wirtschaftswissenschaften hier", steht dort zum Beispiel.
Bartella, ehemals eine fast ausschließlich christliche Stadt, ist weitgehend zerstört. Der IS hat die Kirchen verwüstet; die Bomben und Granaten der internationalen Anti-IS-Koalition und der irakischen Armee haben den Rest besorgt. Es gibt keinen Strom und kein Wasser. In einigen Häusern haben sich Soldaten der schiitisch dominierten Volksmilizen einquartiert, ihre gelb-grünen Fahnen hängen an den Fassaden. Zivilisten leben hier derzeit keine. Als der IS Bartella vor gut zwei Jahren einnahm, flohen die Bewohner. Der IS stationierte hier offenbar zeitweise Kämpfer. Davon zeugen zum Beispiel an die Wände gemalte IS-Flaggen. Aber ein echtes Stadtleben gab es in dieser Zeit nicht. Und wegen der Zerstörung – und vielleicht auch, weil sie dem Frieden noch nicht trauen –, sind bisher kaum Einwohner zurückgekehrt.
Welche Einwohner haben mit dem IS zusammengearbeitet?
Dafür hat Bartella jetzt eine andere Funktion. Denn nicht nur die Einstufungsexamen werden hier abgehalten. An einem langen Tisch sitzen Beamte des Innenministeriums an von Autobatterien gefütterten Scannern und Druckern und warten auf Kundschaft. Hier können Bewohner von Mossul ihre Personaldokumente erneuern, die während der IS-Herrschaft entweder abgelaufen oder durch IS-Papiere ersetzt wurden. Die Aufarbeitung der IS-Herrschaft hat begonnen, auch wenn der IS noch gar nicht besiegt ist.
Eines der größeren Häuser Bartellas, ein ehemaliges Waisenhaus, beherbergt nun eine Abteilung des Nationalen Sicherheitsdienstes, eine Art Militärpolizei. "Wir führen Listen mit Tausenden Namen von IS-Kämpfern", sagt ein Leutnant, der hier eine führende Rolle spielt. Eine Aufgabe seiner Einrichtung: Unbedenklichkeitsbescheinigungen für Mossulaner ausstellen. Der Hintergrund ist, dass die irakische Regierung wieder begonnen hat, Gehälter an öffentliche Angestellte aus dem ehemaligen IS-Gebiet auszuzahlen. Wer aber als IS-Mitglied oder -Kooperateur bekannt ist, erhält zunächst nichts. Wer Geld will, braucht hingegen eine Art Unbedenklichkeitsbescheinigung.
Die Informationen auf der Liste stammen aus verschiedenen Quellen. "Wir haben Listen des IS erbeutet, da stehen allerdings oft nur Kampfnamen drauf", führt er aus. "Außerdem haben wir nachrichtendienstliche Quellen." Diese erläutert er nicht genauer. "Und schließlich nennen uns Bewohner von Mossul mitunter solche Leute." Ist das vertrauenswürdig? "Na ja, es gab Fälle falscher Beschuldigungen", sagt er. Aber wichtig seien die Hinweise trotzdem. Die Gerichte müssten das im Zweifel klären.
Der Aufbruch geht langsam, die Wunden sind tief
Sieben Kilometer von Bartella entfernt liegt Karakosh, eine weitere ehemals nahezu komplett christliche Stadt, heute ebenfalls praktisch unbewohnt. Die Kirchen sind genauso zerstört wie jene in Bartella. Hier gibt es ein Gericht, das damit beschäftigt ist, die IS-Herrschaft abzuarbeiten. Zum Beispiel werden hier Autokaufverträge legalisiert, die zuvor der IS beglaubigt hat.
Das alles sieht nach Neuanfang aus, nach Aufbruch, und ist doch erst ein winziger Anfang. Wie groß die Abgründe sind, in die die Bewohner der befreiten Gebiete erst noch schauen müssen, offenbart sich, wenn man genauer hinsieht. Entlang der Ortschaften zwischen Erbil und Mossul steht an zahllosen Ladengeschäften und Häusern aufgesprüht: "Sunnitischer Muslim". Nicht der IS hat das getan. Sondern die Besitzer. Um ihr Eigentum vor dem IS zu schützen. Oft hat es geholfen, berichten Bewohner, ihre Geschäfte blieben ungeplündert. Anders als das Eigentum der Schiiten, Jesiden und Christen.
Übrigens: Eine Reportage aus Ost-Mossul finden Sie auch in der aktuellen Ausgabe der ZEIT.
Wo eine Wille ist, ist auch ein Weg? Im Sprichwort ja, in Syrien nein. Jedenfalls nicht, wenn es um Rakka geht. Rakka ist die zweite Hauptstadt des IS-"Kalifats" neben Mossul im Irak. Wer den Protostaat der Dschihadisten von der Landkarte tilgen will, der muss auch Rakka ins Visier nehmen. Das ist unbestritten.
Und es wäre sogar einfach, diesen Vorsatz umzusetzen, wenn die Gleichung hieße: Der Rest der Welt gegen den IS. Leider gibt es kaum einen Flecken Erde, wo Allianzen und Feindschaften sich derart kreuzen und überschneiden wie auf dem syrischen Schlachtfeld.
Am Wochenende ventilierte die türkische Regierung gleich zwei Pläne, wie man Rakka angreifen könnte. Die Prämisse Ankaras ist dabei: Wir helfen mit, die USA sollen mithelfen, die arabisch-syrische Opposition in Form der Freien Syrischen Armee soll mithelfen. Keinesfalls aber sollen die syrischen Kurdenmilizionäre von der YPG mitmachen. Denn die hält man in Ankara für Terroristen.
Der Feind meines Feindes
Der erste türkische Plan sieht vor, dass türkische Soldaten, US-Spezialkräfte und ihre syrisch-arabischen Verbündeten durch die Grenzstadt Tall Abjad vorstoßen. Tall Abjad wird allerdings von der YPG gehalten. Die USA sollen deshalb nach den türkischen Vorstellungen offenbar die YPG davon überzeugen, einen Korridor für die Offensive freizuräumen. Die türkische Armee würde zudem, so Premier Yıldırım, nicht direkt an Kampfhandlungen teilnehmen, sondern "taktische Unterstützung" leisten. Ob das Luftschläge oder Artillerieunterstützung einschließt, ließ er offen.
Der zweite türkische Plan beinhaltet einen Umweg: Der Vorstoß würde über die syrische Stadt Al-Bab erfolgen, die noch vom IS gehalten wird. Dieser Weg ist länger und geographisch ungünstiger, führt aber nicht durch YPG-Gebiete.
Das bisher von den USA präferierte Szenario sieht ganz anders aus. Es würde den Syrian Democratic Forces (SDF) die Führungsrolle beim Sturm auf Rakka einräumen. Die wichtigste Fraktion innerhalb der SDF ist allerdings – die YPG. Die USA unterstützen die SDF, die auch ein nominelles syrisch-arabisches Kontingent enthalten, schon länger. Die Türkei fordert allerdings explizit, dass die USA diese Unterstützung einstellen sollen.
Der IS bereitet sich auf eine Zeit nach Rakka vor
Dabei haben die SDF in den vergangenen Wochen den Ring um Rakka bereits enger gezogen. Ihren eigenen Angaben zufolge sind die so nahe an die IS-Hauptstadt herangerückt, dass man im Zentrum von Rakka schon den Geschützdonner hören könne. Das klingt beeindruckend, sollte aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die YPG-Kämpfer nicht gerade ideale Bündnispartner sind. Viele syrisch-arabische Zivilisten sehen die YPG kritisch und werfen den Milizionären vor, bei der Einnahme von Tall Abjad die lokale Bevölkerung schlecht behandelt zu haben, worauf unter anderem der Analyst Hassan Hassan hinweist. Die YPG beziehungsweise die SDF haben möglicherweise die nötige Stärke, um Rakka einzunehmen. Aber sie genießen nicht genügend politischen Rückhalt, um die Stadt anschließend zu befrieden.
Die türkischen Vorschläge beantworten diese Frage freilich ebenso wenig. Da kann Präsident Erdoğan noch so markig versprechen, seine Armee stehe bereit, die Stadt zu befreien, sobald eine Abmachung mit den USA zustande gekommen sei.
Überhaupt, die USA: Auch hier klafft eine Lücke zwischen Willen und Weg. Denn die türkischen Planspiele sind kaum vorstellbar ohne eine massive Ausweitung des US-Engagements am Boden. Also etwa durch Spezialkräfte in nennenswertem Umfang. Die Regierung Trump hat sich bisher aber noch nicht geäußert, der von Trump im Wahlkampf verkündete "Geheimplan" zur Erledigung des IS ist immer noch "geheim".
Der IS hat derweil genügend Zeit, sich auf den Sturm der Stadt vorzubereiten. IS-Kader verlassen die Stadt und suchen neue Rückzugsorte auf. Das Ganze laufe sehr geordnet ab, sagt selbst das Pentagon.
Angesichts dieser Ausgangslage sollte man sich von Ankündigungen, der Fall Rakkas stehe im Grunde unmittelbar bevor, nicht nervös machen lassen. Der Weg ist noch lang.
An einem Flussufer stehen zwei vermummte Dschihadisten in Tarnfleck-Uniformen; einer von ihnen hält, hoch über seinem Kopf, eine Drohne fest. Gleich wird er sie starten lassen. Die Spannweite des Fluggeräts: geschätzt über ein Meter.
Schnitt.
Die Kamera der Drohne zeigt aus großer Höhe zwei Häuserblöcke. Ein weißer Sprengsatz kommt ins Bild, den die Drohne gerade ausgeklinkt hat; er trudelt Richtung Erde und explodiert auf der Straße zwischen den beiden Häuserblöcken, inmitten einer kleinen Gruppe von Menschen, bei denen es sich mutmaßlich um irakische Soldaten handelt. Die Männer stieben auseinander, es ist nicht ganz eindeutig, aber es scheint, als sei einer am Boden liegen geblieben.
Die Szene ist aus einem Propagandavideo der Terrorgruppe "Islamischer Staat"; angeblich stammen die Aufnahmen aus dem Irak und wurden nahe der Mossul-Front gefertigt, wo eine Koalition aus irakischer Armee, Peschmerga-Kämpfern und internationalen Alliierten gegen den IS vorgeht. In dem Video werden auch andere Angriffe mithilfe von Drohnen dokumentiert. Auf Panzer zum Beispiel. Und in einem Fall wird der Sprengsatz aus der Luft offenbar genutzt, um am Boden vor allem Verwirrung zu stiften, denn Sekunden nach der Detonation rast ein mit Sprengstoff beladenes Auto des IS in die Menschengruppe.
Es ist nicht vollständig auszuschließen, dass die Aufnahmen manipuliert sind. Ob zum Beispiel die Fadenkreuz-Optik, die den Angriff fast wie einen Luftangriff aus einem Kampfjet wirken lässt, wirklich aus der Drohnen-Kamera stammt oder nachträglich über die Bilder gelegt wurde, kann ich nicht beurteilen. Wie gesagt: Es handelt sich um ein Propagandavideo.
Aber sicher ist, dass der IS tatsächlich Drohnen einsetzt – und zuletzt vermehrt auch solche, die Sprengsätze abwerfen.
Anfang der Woche berichtete die New York Times, dass der IS allein in den vergangenen zwei Monaten über 80 Drohnen gegen feindliche Soldaten eingesetzt habe, ein Drittel davon sei entweder mit Bomben ausgestattet gewesen oder habe Sprengstoff enthalten, der am Boden explodiert sei. Ein Dutzend Soldaten seien auf diese Weise getötet, etwa 50 verletzt worden.
Der Einsatz von Drohnen durch den IS sei kein game-changer versicherte ein Sprecher des US-Militärs der NYT, und das ist sicher richtig. Weit mehr Menschen, auch Soldaten, kamen bisher durch die Sprengstoff-Autos des IS ums Leben, vermutlich auch durch seine Scharfschützen und Maschinengewehr-Schützen.
Es steht also nicht zu befürchten, dass der IS dabei ist, eine Art Amateur-Luftwaffe zu entwickeln. Aber der Einsatz der Flugkörper zeigt, dass die Dschihadisten trotz des militärischen Drucks, unter dem sie mittlerweile stehen, in der Lage sind, ihre Kriegstechnologie weiterzuentwickeln.
Die ersten Drohnen-Einsätze des IS liegen rund zwei Jahre zurück. Damals ging es um Aufklärungsbilder. Die Drohnen waren kommerzielle Geräte. Aber das war nur der Anfang. Der ZEIT liegt ein internes IS-Memo aus dem dem Frühsommer 2015 vor, in dem es heißt: „Die Brüder in der Abteilung für Luftfahrzeuge arbeiten … an Prototypen von ferngesteuerten Drohnen, ähnlich jenen, welche die Brüder (derzeit) auf dem Markt und von den Händlern kaufen“.
Neu entdeckte Papiere bestätigen, dass der IS sich seither immer wieder intensiv mit Drohnen beschäftigt hat. Die US-Forscherin Vera Mironova hat dem Counter Terrorism Center an der US-Militärakademie West Point diese Dokumente zur Verfügung gestellt, die sie an der Mossul-Front in einer aufgegebenen Drohnen-Werkstatt des IS aufgefunden hat. Die Begutachtung durch die dortigen Experten zeigt, dass der IS für sein Drohnenprogramm eine eigene Bürokratie aufgebaut hat – es gibt zum Beispiel Checklisten für Drohnen-Operatoren, in denen sie vor und nach ihren Einsätzen Angaben über Flugroute und eventuelle Bewaffnung machen müssen. Sie dokumentieren zudem, was genau der IS an Drohnen und Drohnen-Technik käuflich erworben hat, und welche Einzelteile er verwendet hat, um die Drohnen selbstständig weiterzuentwickeln – Servomotoren beispielsweise, die offenbar in Mechanismen zum Abwurf der Sprengsätze Verwendung gefunden haben.
Schon im Herbst warnten französische Sicherheitsbehörden vor einem Szenario, in dem der IS seine Drohnen-Expertise jenseits der Mosul-Front einsetzt – zum Beispiel bei Terroranschlägen in Europa.
Es sei wahrscheinlich, schließen die CTC-Experten, dass Drohnen-Einsätze durch den IS häufiger und tödlicher werden.
Der IS ist eben keine Terrorgruppe herkömmlicher Art. Er verfügt über technisch versierte Experten. Und seine in einigen Gebieten Syriens und des Irak noch immer fast-staatliche, bürokratische Struktur erleichtert koordinierte Aufgaben wie Forschung und Entwicklung.
Auf den ersten Blick könnte man es für eine altertümliche Tempelruine halten. Neun verkohlte Säulen stützen ein brüchiges Dach. Auf den zweiten Blick erkennt man die Gerippe von Klimaanlagen und umgeknickte Antennen. Eine ausgebrannte Betonhöhle ist von der Bibliothek der Universität Mossul übriggeblieben.
Mit Sprengsätzen vermint oder abgefackelt – so hinterlässt der "Islamische Staat", was er gegen die angreifende irakische Armee nicht mehr halten kann. Tausende von Büchern und Manuskripten – zum Teil Jahrhunderte alt – hatten die Kommandos des IS bereits im vergangenen Jahr zerstört oder (vermutlich nach Syrien) abtransportiert.
"Nichts kann diesen Verlust ersetzen", schreibt der irakische Blogger, der seit dem Einmarsch des IS 2014 unter dem Namen "Mosul Eye" über die Ereignisse seiner Stadt berichtet und das Foto der zerstörten Bibliothek auf Twitter veröffentlicht hat.
Inzwischen tut er das in relativer Sicherheit. Die Lage war für ihn im IS-kontrollierten Mossul zu gefährlich geworden. "Ich war gezwungen, meine geliebte Stadt zu verlassen", schrieb er Anfang Dezember. "Und ich weiß nicht, ob ich je zurückkommen werde."
Zurück in Mossul
Doch er ist zurück, nun oft im Schlepptau der irakischen Armee und der Antiterroreinheiten (ICTS), die er gar nicht genug preisen kann. "Die ICTS sind die optimale Form für die irakischen Streitkräfte der Zukunft", twitterte er Anfang der Woche, "sie haben ihre Schlagkraft und ihren Organisationsgrad bewiesen."
Man mag ihm die Euphorie nachsehen. Es geht um seine Stadt, und größere Erfolge hatte die irakische Armee in den vergangenen Wochen bei ihrer Offensive nicht mehr zu melden. Sie schien im Ostteil Mossuls festzustecken. Gerade Eliteeinheiten wie die ICTS hatten durch Scharfschützen, Artilleriebeschuss und Sprengfallen des IS so viele Soldaten verloren, dass zu befürchten stand, der IS könnte mit seiner Zermürbungstaktik Erfolg haben.
Einen Stadtteil nach dem anderen erobert
Das kann immer noch passieren. Aber in den vergangenen Tagen haben irakische Einheiten in verblüffendem Tempo einen Stadtteil im Osten nach dem anderen erobert – darunter auch den Campus der Mossuler Universität. Nun stehen sie am Ostufer des Tigris und bereiten sich auf den schwersten Teil dieser Offensive vor: die Befreiung des Westteiles mit seiner verwinkelten Altstadt, in der sich IS-Kämpfer verschanzt haben – womöglich auch ausgestattet mit chemischen Waffen, die sie in den vergangenen zwei Jahren in den Chemielabors der Universität zusammengemischt haben.
Das Geheimnis hinter dem neuen Tempo der irakischen Streitkräfte? Personelle Verstärkung aus anderen Teilen des Iraks und, so schreibt Emily Agnostos, Irak-Expertin des Institute for the Study of War, mehr amerikanische Militärberater in den irakischen Kommandostrukturen.
Dass die USA den Krieg gegen den IS nicht nur mit Kampfbombern, sondern auch mit Ausbildern und Beratern führen, ist bekannt. Wobei das dehnbare Begriffe sind: Im nord-irakischen Makhmour, wo sich im Sommer 2016 kurdische Peschmerga und die irakische Armee auf die Offensive zur Befreiung Mossuls vorbereiteten, hatten auch US-Marines Quartier bezogen.
Elitesoldaten spähen Ziele für Luftangriffe aus
US-Soldaten rückten mit auf die Ölstadt Kajjara vor, um den dortigen Militärflughafen zu einem Logistik-Zentrum auszubauen. Rund 6.000 US-Soldaten sind inzwischen wieder im Irak stationiert. An der Front begegnet man immer wieder Joint Terminal Air Controllers, amerikanischen (wie auch britischen und französischen) Elitesoldaten, die Ziele für Luftangriffe ausspähen.
In Syrien greifen US-Spezialeinheiten längst auch direkt ins Kampfgeschehen ein wie vor wenigen Tagen gegen IS-Stellungen in der Provinz Deir al-Sur nahe der Grenze zum Irak. Dass sie auch in Mossul kämpfen, will das Pentagon nicht bestätigen. "Wir vertiefen die Integration", so lautet eine der gewollt schwammigen Antworten nach Fragen über die irakisch-amerikanische Kooperation am Boden.
Fest steht: Das Versprechen, nach dem Abzug der US-Truppen aus dem Irak im Jahr 2011 keine boots on the ground, keine US-Soldaten am Boden, mehr einzusetzen, konnte Barack Obama nicht halten. Nicht zuletzt, weil der übereilte Rückzug vor sechs Jahren genau jenes Sicherheitsvakuum geschaffen hat, in dem der IS sich breitgemacht hat.
Trump und der schnelle Sieg
Eine der großen Fragen ist nun, was sein Nachfolger Donald Trump plant. Einen "schnellen Sieg" über den IS hatte der im Wahlkampf versprochen. Aber außer der Ankündigung "to bomb the shit out of them" waren vom angehenden US-Präsidenten keine Einzelheiten einer Anti-IS-Strategie zu hören.
Wenn er denn überhaupt eine hat.
Mehr Details hatte vor einiger Zeit sein Kandidat für das Amt des Nationalen Sicherheitsberaters, Michael Flynn, preisgegeben. Flynn, der wegen Konflikten mit dem Weißen Haus unter Obama seinen Posten als Chef der Defense Intelligence Agency, des militärischen Nachrichtendienstes, aufgeben musste, schlug in einem Interview mit dem Spiegel 2015 einen amerikanischen Truppenaufmarsch gegen den IS vor. Er forderte zudem, die Region in Sektoren aufzuteilen, die von verschiedenen Interventionsmächten befriedet und stabilisiert werden sollen: also von den USA, Russland sowie europäischen Nationen. Auch arabische Staaten müssten eingebunden werden.
Der Mann war an der US-Okkupation nach dem Sturz von Saddam Hussein 2003 im Irak beteiligt gewesen. Deren haarsträubende Fehler und Fehleinschätzungen hatten die Expansion Al-Kaidas und ihrer Abspaltung, dem jetzigen IS, maßgeblich befördert.
Der IS wäre entzückt
Die US-Intervention 2003 im Irak hält Flynn inzwischen für einen kapitalen Fehler. Umso erstaunlicher, dass er erneut und massiv US-Truppen entsenden will. Der IS wäre entzückt. Große Kontingente ausländischer Truppen wären ein ideales Ziel für Selbstmordanschläge und ein ideales Instrument zur Rekrutierung neuer Kämpfer gegen die "ungläubigen Invasoren".
Ob Flynn diese Strategie auch als Sicherheitsberater seinem Präsidenten ins Ohr flüstern will, ist unklar. So unberechenbar Donald Trump sein mag: Er kennt die Allergie seiner Wähler gegen die neuerliche Entsendung von Bodentruppen in den Nahen Osten.
Wahrscheinlicher ist in den kommenden Monaten also eher dieses Szenario: Trump wird per Twitter seinen Vorgänger für dessen angeblich zu soften Umgang mit dem IS beschimpfen und Obamas Strategie erst einmal weiterführen. Und er wird vermutlich die für ihn besonders große Kröte schlucken, dass er dabei im Irak auf die Kompromissbereitschaft der schiitischen Milizen und ihrer iranischen Hintermänner, den Revolutionsgarden, angewiesen ist.
Außer China, dem IS, den Medien und Angela Merkel hat Donald Trump auch den Iran zu seiner persönlichen Achse des Bösen erkoren. Das Atomabkommen mit Teheran aufzulösen (und damit ein nukleares Wettrüsten im Nahen Osten zu provozieren) zählte ebenfalls zu seinen Wahlversprechen – oder Wahldrohungen.
Ost-Mossul ist nicht annähernd so zerstört wie Ost-Aleppo
Den Mossulis kann man jedenfalls nur wünschen, dass aus dem Weißen Haus möglichst wenig "bombing the shit out of"-Sprüche Richtung Irak getwittert werden; dass die Befreiung der Stadt weiter in der Verantwortung der irakischen Armee erfolgt; dass die Zahl ziviler Opfer möglichst gering bleibt und die Zerstörung der Infrastruktur sich in Grenzen hält. Natürlich sind die Spuren von Luftschlägen und IS-Bomben in und um Mossul zu sehen. Aber das weitgehend befreite Ost-Mossul bietet nicht annähernd jenes Bild der Zerstörung, die syrische, russische und iranische Einheiten in Ost-Aleppo angerichtet haben.
Was die Bibliothek der Universität angeht: Der Verlust der Bücher und Manuskripte, zum Teil noch aus osmanischer Zeit, ist in der Tat groß. Aber die Mossulis haben das schon einmal erlebt. 2003, als die USA im Irak einmarschiert waren und Saddam-Loyalisten in Mossul am längsten Widerstand leisteten, war die Bibliothek schwer beschädigt und geplündert worden. Einige Monate später stellte sich heraus, dass Bürger stapelweise Schriften bei sich zu Hause versteckt hatten und diese nach dem Ende der Kämpfe zurückbrachten. Reiche Familien kauften geplünderte Werke auf dem Schwarzmarkt auf und stellten sie der Universität wieder zur Verfügung. Die Grenzen zwischen Plünderer, Hehler und Retter dürften damals vermutlich verschwommen gewesen sein. Aber irgendwann war die Bibliothek wieder eröffnet.
Der dritte Monat der Offensive auf Mossul hat begonnen. Im Westen nichts Neues, könnte man von Erbil aus sagen. Irakische Einheiten kämpfen sich nach wie vor durch die Außenbezirke des Ostteils der Stadt. Die UN beziffern deren Verluste allein im November auf 1.959 Menschen bei Einsätzen im ganzen Land, die meisten von ihnen kamen rund um Mossul ums Leben. Darunter sind viele Peschmerga, aber auch viele Angehörige der Elite-Einheit der Golden Division.
Inzwischen geraten immer mehr Zivilisten zwischen die Fronten. Mehrere Hundert sollen seit Beginn der Offensive getötet worden sein. Es fehlt an medizinischen Kapazitäten, um Verwundete zu behandeln. Es fehlt an Kleidern, Zelten, Öfen und Nahrung für die Flüchtlinge aus der Stadt, die in die nahe gelegenen Aufnahmelager kommen.
Deren Zahl liegt mit rund 80.000 immer noch weit unter dem worst case scenario von rund einer Million Menschen. Aber schon jetzt kommt das Netzwerk aus UN, internationalen und einheimischen Hilfsorganisationen kaum hinterher. Was zum hundertsten Mal die Frage aufwirft, warum die Ressourcen für den Militäreinsatz so reibungslos fließen (allein der amerikanische Luftkrieg gegen den sogenannten "Islamischen Staat" (IS) kostet zwölf Millionen Dollar täglich), nicht aber für die Linderung seiner humanitären Folgen.
Fahrt nach Sindschar
Der Fotograf Jacob Russell und ich machen dieses Mal einen größeren Bogen um Mossul, fahren nach Dohuk im Nordwesten der autonomen kurdischen Region und von dort aus weiter nach Sindschar. Mossul ist noch lange nicht befreit, aber in Sindschar kann man einiges darüber erfahren, wie die Zeit nach dem Krieg gegen den IS aussehen könnte.
Am 3. August 2014 waren IS-Kämpfer auf den Berg Sindschar, die gleichnamige Stadt mit über 50.000 Einwohnern und die umliegenden Dörfer vorgerückt. Sie waren ausgestattet mit Humvees, Granatwerfern, Maschinengewehren, die sie kurz zuvor bei der Einnahme Mossuls aus den Beständen der geflohenen irakischen Armee geplündert hatten.
Sindschar gehört de jure zur irakischen Provinz Ninive, doch zu diesem Zeitpunkt waren Peschmerga der Kurdisch-Autonomen Region zum Schutz der Bevölkerung dort stationiert. Die bestand mehrheitlich aus Jesiden, einer kurdischen, nicht-muslimischen Minderheit, die aufgrund ihrer Religion seit Jahrhunderten immer wieder verfolgt wird. Statt Sindschar zu verteidigen, zogen die Peschmerga kampflos ab – und nahmen sämtliche Waffen mit.
Der Rest ist bittere Geschichte: Es begann der Exodus der Jesiden aus Sindschar. Zehntausende hatten Glück und kamen mit dem Leben davon, mehrere Tausend wurden vom IS massakriert, 6.418 entführt, darunter zahlreiche Frauen und Kinder. 2.832 sind inzwischen befreit worden, konnten fliehen oder wurden frei gekauft, 3.576 sind noch in Gefangenschaft, die Frauen meist als Sklavinnen für IS-Kämpfer. Das sind die Zahlen, die uns Yazda mitgibt, eine von der amerikanischen Diaspora mit gegründete NGO in Dohuk, die Befreite betreut und Jesiden in Flüchtlingslagern versorgt.
Zehntausende harrten damals auf dem Berg aus in 50 Grad Hitze, ohne Wasser, Essen, eingekesselt vom IS, bis schließlich Hilfe kam. Nicht in Gestalt westlicher Flugzeuge oder anrückender Peschmerga, sondern Einheiten der kurdischen PKK, die den Jesiden eine Fluchtroute nach Syrien frei kämpften und die Alten und Kranken auf dem Rücken heruntertrugen.
Im November 2015 wurde der IS aus Sindschar endgültig wieder vertrieben – durch amerikanische Luftschläge, PKK-Kämpfer und Peschmerga. Letztere reklamierten die Befreiung der Stadt für sich.
Kurden bekämpfen Kurden
Doch als wir die Serpentinen zum Berg Sindschar hinauffahren ist der braun grüne Berghang immer noch übersät mit den weißen und blauen Punkten von Flüchtlingszelten.
Polish Aid, Emirati Red Crescent, Barzani Charity Fund, Samaritan Purse – die verblichenen Logos diverser mehr oder weniger reputabler Hilfsorganisationen zeugen von mehr oder weniger effektiven Hilfseinsätzen. Einige Tausend Jesiden erleben in den Zelten ihren dritten Winter. Die meisten kommen aus der Stadt Sindschar auf der anderen Seite des Berges oder aus den umliegenden Dörfern.
Als wir den letzten Checkpoint der Peschmerga vor der Stadt passiert haben, wird uns klar, warum niemand zurückkehrt. Sindschar ist eine Ruinenlandschaft. Es gibt weder Strom, noch Wasser, noch Sicherheit. Amerikanische Luftschläge haben zahlreiche mehrstöckige Gebäude zum Einsturz gebracht. Die Betondecken liegen wie graue nasse Pappdeckel übereinander.
Hauswände sind durchlöchert, Höfe übersät mit ausgebrannten Autowracks und Traktoren. Niemand hat Straßen und Häuser systematisch nach Minen und Sprengfallen abgesucht. Wir stoßen immer wieder auf kleinere Brachflächen, eingezäunt mit Plastiknetzen. Bei genauerem Hinsehen erkennen wir menschliche Knochen. Dutzende Massengräber erstrecken sich über Stadt und Umland. Niemand sichert sie.
Die Front ist nur wenige Kilometer entfernt. Bis nach Tel Afar, das immer noch vom IS kontrolliert wird, sind es mit dem Auto kaum 40 Minuten. Aber der IS ist für Sindschar nicht mehr das größte Problem: In der Stadt belauern sich Kämpfer der YPG, des syrischen Ablegers der PKK, die sich hinter drei Meter hohen Sprengschutzmauern verschanzt haben, und Einheiten der irakisch-kurdischen Peschmerga. Abgesehen von den Uniformierten und einigen Ladenbesitzern, die ihnen zwischen den Trümmern Kochgas, Trinkwasser und Junkfood verkaufen, sind die Straßen menschenleer.
Es ist eine für Außenstehende absurde Konfrontation: Kurden fordern seit gut 100 Jahren einen eigenen Staat. Nun haben sich gleich zwei Gruppen, die irakischen und die syrischen Kurden, jeweils autonome Gebiete erkämpft und sind faktisch Nachbarn. Auf der syrischen Seite der Grenze sitzen PYD-Kämpfer hinter dem Schlagbaum, auf der irakischen Seite Peschmerga. Doch die beiden Para-Staaten sind sich spinnefeind, ideologisch liegen Welten zwischen der links-autoritären PYD/PKK und der konservativ-tribalen Kurdenpartei KDP des amtierenden Präsidenten Massoud Barzani.
Iran gegen die Türkei
Barzani pflegt gute Beziehungen zum Erzfeind der PKK, dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Die PYD/PKK wiederum laviert mit der Wendigkeit des ewigen Überlebenskünstlers zwischen Allianzen mit syrischen Rebellen und dem syrischen Regime, mit den USA und mit Russland – und auch mit dem Iran.
Denn das Gebiet von Sindschar über Tel Afar bis in die kurdischen Kantone in Nordsyrien ist ein strategisch wichtiger Teil der neuen Landkarte des Nahen und Mittleren Ostens, die Teheran für sich gezogen hat: aus dem Chaos der Kriege in Syrien und im Irak soll ein iranisch kontrollierter Korridor bis zum Mittelmeer entstehen.
Zu Beginn der Offensive auf Mossul hatten die USA, die Türkei wie auch sunnitische Anti-IS-Milizen darauf bestanden, dass keine schiitischen Gruppen beim Sturm auf die Stadt dabei sein dürften. Zu groß sind Angst und Wut der überwiegend sunnitischen Bewohner. Die hauptsächlich von Iran gesponserten Hashd al-Shabi, wie sie auf arabisch genannt werden, ließen sich bereitwillig darauf ein – und konzentrieren sich seither voll auf die Rückeroberung der Region um Tel Afar, das wiederum die Türkei als ihr Einflussgebiet betrachtet.
Wer am Ende in Sindschar das Sagen haben wird, ist noch völlig unklar. Klar ist, dass es beim Kampf zwischen der PYD/PKK und den Peschmerga um die "Schutzherrschaft" über die Jesiden im Sindschar nicht nur um innerkurdische Konkurrenz geht. Es geht auch die geostrategischen Konflikte zwischen der Türkei und dem Iran.
Keine Zukunft für die Jesiden
Was die Jesiden davon halten, ist in Sindschar kaum zu erfahren. Es sind so gut wie keine da. Außerdem haben uns die Peschmerga als Beschützer und Aufpasser einen ihrer Kämpfer mit ins Auto gesetzt, der während unserer Rundfahrt durch Ruinen kein gutes Haar an der PKK lässt. "Sie rekrutieren Kinder, sie plündern, sie klauen, sie sind nur auf ihre eigene Macht aus."
Zwangsrekrutierung Minderjähriger ist in der Tat ein Merkmal der PYD/PKK. Allerdings haben sich nach dem Sommer 2014 viele Jesiden freiwillig der PKK angeschlossen und inzwischen eine eigene Einheit unter deren Schirm gegründet. Jesidische Kämpfer gibt es auch bei den Peschmerga. Doch die wurden zum Teil mit Verhaftung und anderen Druckmitteln dazu gebracht, ihre Loyalität gegenüber Barzani zu erklären.
An einem Abend in Dohuk treffen wir mehrere jesidische Aktivisten – Studenten, Lehrer, Apotheker, die in Flüchtlingslagern helfen, mobile Kliniken ausstatten, Geld sammeln, den Freikauf jesidischer Geiseln organisieren. Alle haben im Sommer 2014 Verwandte oder Freunde verloren. Alle sind überzeugt, dass der Rückzug der Peschmerga im August 2014 "von ganz oben" befohlen worden sei – entweder, so die einen, um eine westliche Intervention zu provozieren, oder, so die anderen, um die Jesiden aus den Gebieten der autonomen kurdischen Region zu vertreiben. Und alles sind zutiefst verbittert darüber, dass die irakischen Kurden im Westen als Befreier der Jesiden und schlagkräftige Kämpfer gegen den IS angesehen werden. "Die haben uns verraten", sagt einer der Aktivisten, "und Ihr gebt ihnen auch noch Waffen und Geld."
"Damals im August 2014 in Sindschar haben viele unserer muslimischen Nachbarn bei der Vertreibung und der Ermordung mitgemacht", sagt ein anderer. "Turkmenen, Araber, Kurden. Sie haben dem IS gezeigt, wo die Jesiden wohnen, manche haben sich dem IS angeschlossen."
Warum die Peschmerga den Rückzug antraten und die Jesiden wehrlos dem Angriff des IS aussetzten, ist bis heute nicht geklärt. Aber die Theorien der Aktivisten zeigen, wie tief der Graben zwischen Jesiden und muslimischen Kurden geworden ist. Und weil es im KDP-dominierten Dohuk nicht ungefährlich ist, solche Vorwürfe öffentlich zu äußern, will keiner seinen Namen in der Presse sehen.
"Wir sind hier nicht erwünscht"
"Wir sind hier nicht erwünscht", glaubt M., ein Pharmazie-Student. Er berichtet von jesidischen Flüchtlingskindern, die an Schulen in Dohuk von muslimischen Mitschülern verprügelt und zum Übertritt zum Islam aufgefordert werden; von kurdisch-muslimischen Kommilitonen, die Massaker an Jesiden rechtfertigen, von Behinderung des Wiederaufbaus im Sindschar-Gebiet.
Letzteres bestätigt auch Human Rights Watch (HWR) in einem Bericht Anfang Dezember. Ein-und Ausfuhrsperren der Peschmerga rund um Sindschar, so HRW, beeinträchtigten den Zugang der Menschen zu Nahrung, Wasser und anderen Gütern. Offensichtlich setze die in Erbil dominierende KDP sie ein, um die Jesiden für ihre PKK-Sympathien zu bestrafen.
Als das Gespräch an diesem Abend in Dohuk zu Ende geht, fragen wir die Aktivisten, wer von ihnen in Sindschar bleiben und die jesidische Gemeinde wieder aufbauen will. Keiner hebt die Hand. Alle investieren jede freie Minute in ehrenamtliche Arbeit für ihre Community, aber jeder wünscht sich ein Visum für die USA oder ein europäisches Land.
Im großen und blutigen Geschacher um eine Neuordnung der Region sehen sie für ihre Minderheit keinen Platz mehr. "Es gibt hier keine Zukunft für uns" sagt einer. Und alle anderen nicken.
Die irakischen Soldaten an den Checkpoints vor Kajjara sind blendend gelaunt, richten beim Anblick meines deutschen Reisepasses abwechselnd Grüße an "Mama Merkel" und Bayern München aus und verzichten auf eine genauere Kontrolle unseres Autos. "Zahltag", murmelt Mohamed, mein Fahrer, Übersetzer und Gefahren-Frühwarnsystem in Personalunion. "Die haben heute ihren Sold bekommen, deswegen sind sie so vergnügt.“
Die Offensive auf Mossul geht in den dritten Monat. Die Stadt ist inzwischen von Armee, Peschmerga und schiitischen Milizen völlig eingeschlossen. Während die beiden letzteren nicht in die Stadt selbst vorrücken, kämpft die irakische Armee inzwischen um jeden Meter und jedes Haus, während die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser und Nahrung zunehmend prekär wird.
Das ist der aktuelle Stand in Mossul. Wie sieht es in den Orten aus, die bereits befreit worden sind?
Kajjara ist eine irakische Kleinstadt 60 Kilometer südlich von Mossul: 15.000 Einwohner, drei Ölfelder, eine Raffinerie, ein Sportstadion, ein Krankenhaus, viele Moscheen und eine Ordnung, die sich an erzkonservativen sunnitischen Stammesregeln orientierte. Im Juni 2014 marschierte hier der "Islamische Staat" ein. Der IS genoss bei konservativen sunnitischen Arabern zunächst bekanntlich einige Sympathien. Nicht so in Kajjara, dessen Bevölkerungsmehrheit zum Stamm der Juburi gehört. Der kämpfte von Anfang an gegen die Dschihadisten.
Die Befreiung ging einher mit einer Umweltkatastrophe
Entsprechend freudig wurde die irakische Armee im August 2016 bei ihrem Einmarsch begrüßt. Auch in Bagdad. Denn ohne Kajjaras Militärflughafen, der nun als militärisches Nachschubzentrum dient, wäre die Offensive auf Mossul nicht möglich gewesen.
Die Dschihadisten rächten sich für den Verlust der Stadt und des Flughafens auf ihre Weise: Vor ihrem Rückzug aus Kajjara setzten sie zahlreiche Bohrlöcher auf den Ölfeldern in Brand. Die Befreiung ging einher mit einer Umweltkatastrophe.
Vor rund vier Wochen war ich bis an die Ausläufer Kajjaras gekommen. Damals hing nicht nur der Gestank der brennenden Ölquelle in der Luft, sondern auch die giftigen Gase einer nahe gelegenen Sulfurfabrik, die ein IS-Kommando in Brand gesetzt hatte. Mehrere Kinder waren an den giftigen Gasen gestorben.
Doch was vor einem Monat noch aussah wie die Vorhölle, ist nun von trotziger Betriebsamkeit erfüllt. Wir passieren die Pontonbrücke über den Tigris, vorbei an der großen mehrspurigen Betonbrücke, in die Bomben zwei riesige Lücken gerissen haben, biegen rechts ab in die Stadt. Läden und Märkte sind geöffnet. Entlang der Hauptstraße laden Halbwüchsige Säcke mit Kartoffeln und Zwiebeln ab. Auf Lastkarren türmen sich Radieschen, Granatäpfel, Herrensandalen, Kunststoffdecken, Plastikeimer. Am Schnellimbiss dreht der Verkäufer fünf Hühnchen am Grillspieß, Jungen mit Tabletts voller Teegläser bedienen knorrige Alte, die auf Plastikstühlen sitzen.
Ohne Atemschutzmaske, aber mit Risikoaufschlag
Das alte Leben scheint zurückgekehrt, wären da nicht die Ruinen nach den amerikanischen Luftangriffen, die Autowracks von IS-Selbstmordattentätern und Sprengladungen. Und die Schicht aus schwarzem schmierigem Ruß, die alles bedeckt. Der Wind treibt auch an diesem Tag die Schwaden der brennenden Bohrlöcher stadteinwärts. Aber in das Schwarz und Grau schieben sich Streifen eines strahlend blauen Himmels. Der Rauch wird schwächer. Die Feuerwehr gewinnt den Kampf gegen die Flammen. Wenn auch sehr, sehr langsam.
Nur einige wenige ausländische Firmen könnten solche Ölbrände dieser Größenordnung löschen, glaubte man noch vor einigen Wochen. Und die würden erst kommen, wenn ihre Sicherheit garantiert und die Gegend befriedet sei.
Solche Garantien sind im Irak derzeit schwer zu leisten. Also machen es die Iraker jetzt allein.
Einige Hundert Meter hinter dem zerschossenen Krankenhaus legen Ölarbeiter und Feuerwehrmänner aus Kirkuk gerade Pause ein. Müde, trotzige Malocher mit Ölflecken und Stolz im Gesicht über das, was sie hier leisten. Der Rote Halbmond hat einen Krankenwagen vorbeigeschickt, ein Feuerwehrmann krempelt das Hosenbein hoch, lässt sich stoisch eine Handteller große Brandwunde am Bein verarzten, während ein Kollege ihm das Teeglas reicht.
Der Boden ist bedeckt mit geronnenem Rohöl. Ein Bagger schaufelt Erde rund um ein Bohrloch auf, das Arbeiter heute morgen gelöscht haben. Jetzt hocken sie vor einem der Wellblechwürfel, in denen sie sich während des Einsatzes vor den Flammen schützen. Ein kleines Fenster lässt sich für die Wasserschläuche öffnen. "Wir tränken unsere Kleidung in Wasser, dann löschen wir", sagt Amir, immer noch in die wattierte Feuerwehrjacke gehüllt, Zigarette in der einen Hand, Smartphone in der anderen, um Bilder seiner Arbeit an Frau und Kinder daheim zu schicken. "Alles halb so wild. Es ist Winter." Was in Kajjara Tagestemperaturen von 15 bis 18 Grad bedeutet. Im Sommer bei bis zum 50 Grad wäre allein das Anlegen der Brandschutzjacken und -hosen eine Tortur.
Atemschutzmasken? Fehlanzeige. Sie binden sich Tücher vor Mund und Nase oder setzen Staubschutzmasken auf. So haben sie es auch beim Löschen der brennenden Sulfurfabrik gemacht. 400 Dollar Sonderbonus zahlt ihr Arbeitgeber, die staatliche North Oil Company. Das wiegt alle Risiken auf.
Träumen von Deutschland
Wilde Hunde streunen zwischen den Erdwällen und Ölpfützen herum. Keiner verscheucht sie, keiner wirft mit Steinen nach ihnen. "Die fressen Daaisch, also sind es gute Hunde", sagen die Arbeiter aus Kirkuk. So nennen sie hier den "Islamischen Staat", der nach seiner Flucht außer brennenden Ölquellen und Sprengsätzen auch die Leichen zahlreicher Kämpfer hinterließ. Kajjaras Straßenköter sind gut genährt.
Es hat sich herumgesprochen, dass eine ausländische Journalistin da ist. Das übliche Ritual beginnt: Jeder will ein Selfie mit der Frau aus Deutschland – und einige wollen wissen, wie man dorthin kommt. "Am besten gar nicht", sage ich, "weil Leute wie ihr hier dringend gebraucht werden." Mohamed übersetzt, einige lachen, andere schütteln mit bitterer Miene den Kopf. "Ich wär schon längst in deinem Land“, sagt Mahal Amer, 29, Ölingenieur, "wenn ich nicht solche Angst vor dem Meer hätte.“
Er und sein Kollege Hisham Mohamed kommen aus Kajjara. Die Okkupation des IS, sagen sie, hätten sie überlebt, indem sie nicht aufgefallen seien, sich den obligatorischen Bart wachsen lassen und gehorsam die IS-Predigten in der Moschee angehört hätten. Der IS habe sein eigenes Personal für die Ölfelder und den Betrieb der Raffinerie mitgebracht. "Russen waren dabei, Chinesen und Tschetschenen." Die Raffinerie hat vor allem Asphalt für den Straßenbau produziert. "Das hat die nicht groß interessiert. Die haben das Öl nach Syrien und in die Türkei verkauft." 200.000 Dollar pro Tag seien so in die Kassen des IS in Kajjara geflossen.
Die beiden Ingenieure hoffen, dass die Raffinerie bald wieder aufmacht. Innerhalb der nächsten sechs Monate soll die Anlage wieder instand gesetzt werden, an der 550 Arbeitsplätze hängen. So hat das das Ölministerium in Bagdad versprochen. Dass das gelingen soll, kann ich nach einem Blick auf die Industrieruine nur schwer glauben. Ingenieure des IS haben alles, was transportierbar war, abgebaut und nach Syrien schaffen lassen. Was übrig blieb, ist durch amerikanische Luftschläge zum Teil schwer zerstört worden. Aber auch hier haben Aufräumarbeiten begonnen, sind Trümmer weggeräumt und die unzähligen Sprengsätze des IS entschärft.
Amer, Mohamed und die Kollegen aus Kirkuk haben bis auf Weiteres genug mit Löscharbeiten zu tun. Bevor sie zum nächsten Brandherd ausrücken, suchen Milizen in Pick-up-Trucks das Gelände nach Sprengfallen ab. Die Front ist inzwischen über 40 Kilometer von Kajjara entfernt. Aber neue Anschläge kann es jederzeit geben.
Für die Männer der North Oil Company sind das normale Arbeitsbedingungen. Klagen, Angst zeigen, sich um die eigene Sicherheit oder Gesundheit sorgen – all das gehört sich nicht. Schon gar nicht im Beisein einer Frau und Ausländerin. Und wenn, dann nur ganz vorsichtig. "Siehst du die Kleinen?", sagt einer der Arbeiter und deutet auf einen Schwarm vom Rauch geschwärzter Spatzen, die sich über die Brotkrumen seines Mittagessens hermachen. "Sogar die Vögel werden schwarz in diesem Krieg." Er schüttelt den Kopf, als gäbe es im Moment nichts, was ihn mehr bekümmert.
Die gute Nachricht aus Mossul ist: Offenbar schwindet die Angst der überwiegend sunnitischen Bevölkerung vor der irakischen Armee.
Die hatte sich vor dem Einmarsch des IS im Sommer 2014 als ebenso korrupt wie unfähig erwiesen. Zudem wurden sunnitische Bewohner der Stadt von schiitischen Armee-Angehörigen und Sicherheitskräften immer wieder misshandelt und schikaniert. Der Rückkehr eben dieser Armee, womöglich noch verstärkt durch schiitische Milizen, sahen die Mossulis mit, gelinde gesagt, gemischten Gefühlen entgegen. Bislang aber halten sich die schiitischen Milizen von der Stadt fern und die Armee bemüht sich in den befreiten Stadtteilen tatsächlich um "hearts and minds" der Menschen.
Dutzende Exekutionen von Zivilisten
Die schlechteren Nachrichten: Die Armee hat sich in den äußeren Viertel im Ostteil der Stadt festgekämpft. Also in jenem Teil Mossuls, der als der militärisch leichtere Abschnitt der Operation gilt. Im Westteil, der die Altstadt mit ihren engen, unübersichtlichen Gassen umfasst, wird es für die irakische Armee und irakische Antiterroreinheiten noch einmal ungleich schwieriger werden.
Unterdessen häufen sich die Meldungen über Exekutionen von Zivilisten durch den IS, über Selbstmordanschläge gegen die irakische Armee und Spezialeinheiten mit dem Ziel, diese "auszubluten" – und immer wieder über Attentate vor allem gegen schiitische Zivilisten. Vor wenigen Tagen kamen bei einem Anschlag des IS über 80 Pilger nahe der Stadt Kerbala, einem religiösen Zentrum der Schiiten, ums Leben.
Solche Massaker nehmen wir Journalisten ebenso wie unsere Leser inzwischen erschreckend beiläufig zur Kenntnis. Es sind normale Meldungen, wenn die Ortsmarke "Irak" heißt. Aber wir fragen nur selten, was diese Normalisierung eigentlich für die Betroffenen bedeutet.
Die jungen Iraker kennen nichts anderes als Gewalt
80 Prozent der rund 33 Millionen Iraker sind jünger als 40 Jahre alt. Sie haben also nie etwas anderes erlebt als den Ausnahmezustand: die Diktatur von Saddam Hussein, drei Golfkriege, verheerende internationale Sanktionen, und, nach der kurzen Euphorie im Jahr der amerikanischen Invasion 2003, den Aufstand gegen die amerikanische Besatzung, den Terror Al-Kaidas, die Massaker schiitischer Milizen, schließlich der Durchmarsch des "Islamischen Staates" im Sommer 2014 und jetzt die Offensive auf Mossul.
Was macht diese nicht enden wollende Gewalt mit der kollektiven Psyche eines Landes und mit der seiner Menschen?
Eine Hotellobby in Erbil, es ist ein Sonntag im Oktober, die Offensive auf Mossul ist seit einigen Wochen im Gang. Junge Leute mit Taschen über der Schulter verabschieden sich nach einer Fortbildung, sie gehen zurück in den Einsatz. Jeder und jede kommt noch schnell an den Tisch von Salah Ahmad, um sich zu verabschieden. Sie tragen keine Uniform oder Waffen, ihr Ziel ist nicht die Front um Mossul. Sie suchen nach den Spuren, die der Krieg in den Köpfen der Menschen hinterlässt.
"Als ich hier mit der Arbeit anfing", sagt Salah Ahmad, "wollte keiner akzeptieren, dass es eine Therapie ohne Pharmaka gibt."
Ahmad, 1959 geboren, war vor der Diktatur Saddam Husseins nach Deutschland geflohen und nach dessen Sturz zunächst in seine Heimatstadt Kirkuk zurück gekommen – ausgestattet mit einer Ausbildung als Psychotherapeut und jahrelanger Berufserfahrung am Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer. Er kehrte heim in ein Land, das wie kaum ein anderes nach 1945 so massiv und immer wieder traumatisiert worden ist.
Alpträume, Depressionen, Panikattacken sind weit verbreitete Symptome unter Irakern. Das Gegenmittel? Tabletten.
2005 eröffnete Ahmad in Kirkuk eines der ersten Behandlungszentren für die Opfer politischer Gewalt im Irak. Medizinische Betreuung, Physiotherapie und Psychotherapie wurden kostenlos und ungeachtet der konfessionellen und ethnischen Herkunft der Patienten angeboten. Was in einer Stadt wie Kirkuk mit ihrer multiethnischen und multireligiösen Bevölkerung durchaus Signalwirkung hatte. Hier hatte Saddam Hussein eine seiner Kampagnen der "Arabisierung" vorangetrieben, hier melden viele Kurden nun mit dem Slogan "Kirkuk ist unser Jerusalem" Anspruch auf Vorherrschaft an.
Das Saddam-Regime folterte so sadistisch wie der IS
Zu diesem Zeitpunkt eskalierten bereits Terroranschläge, doch zunächst, sagt Ahmad, "kamen vor allem Menschen, die unter dem Regime gefoltert worden waren." Viele schilderten einen Sadismus, der verblüffende Parallelen zum inszenierten Terror des "Islamischen Staates" aufweist. Amputationen, vom IS als islamische Form der Bestrafung angewandt, war auch im Irak der säkularen Baath-Partei Praxis. "Einmal tauchte ein Mann ohne Hände auf", erinnert sich Ahmad. Ein Deserteur, der mit der Amputation seiner rechten Hand bestraft werden sollte. "Er hatte nach dem Urteil gebettelt, dass man ihm die linke abnimmt, weil er Rechtshänder ist. Das haben sie getan. Aber dann tauchte der Richter wieder auf und bestand darauf, dass sie ihm auch die andere Hand abschlagen."
Wie der IS dokumentierte auch das Saddam-Regime seinen Terror akribisch in Akten und auf Filmen. Manche Hinrichtungen wurden im Fernsehen übertragen. Über die Ähnlichkeiten zwischen der Baath-Diktatur und dem IS müsse man sich nicht wundern. "Schauen Sie sich die Führungsriege des IS an", sagt Ahmad, "da finden sie viele Gefolgsleute von Saddam."
Jiyan Foundation for Human Rights heißt seine Organisation, die inzwischen mit deutscher Unterstützung weitere Behandlungszentren in den kurdischen Städten Erbil, Sulimaniyah, Halabdscha, Chamchamal und Dohuk unterhält. Es kommen Frauen, die seit über 20 Jahren die Fotos ihrer verschwundenen Männer und Söhne bei sich tragen und nicht glauben wollen, dass die längst tot sind.
Es kommen alte Peschmerga, die es bislang für unmännlich gehalten hatten, über ihre Alpträume zu sprechen. Es kommen Mütter mit Kindern, die seit Monaten oder gar Jahren nicht mehr reden. Und nun kommen auch viele Jesidinnen, die aus der Gewalt des IS befreit worden sind.
Mobile Teams der Jiyan Foundation arbeiten zudem in den Flüchtlingscamps der Kurdischen Autonomen Region, die inzwischen über anderthalb Millionen Vertriebene beherbergt. Darunter sind Syrer, die vor dem Assad-Regime, dem Krieg und dem IS im Nachbarland geflohen sind. Turkmenen und Schiiten, die aus den vom IS eroberten Gebieten verjagt wurden; Sunniten, die vor schiitischen Milizen oder den Luftangriffen der irakischen Armee Schutz gesucht haben oder nun einen Fluchtweg aus Mossul gefunden haben – überglücklich, dem IS und dem Häuserkampf entkommen zu sein.
"Sadma" ist das arabische Wort für Trauma
Aber das Erlebte, die Bilder von öffentlichen Hinrichtungen und Bombenexplosionen lässt man eben nicht einfach zurück.
"Sadma" ist das arabische Wort für Trauma. Es meint eigentlich "Schock". "Trawma" ist der kurdische Begriff. Die Einsicht, dass hinter Trauma keine Krankheit, sondern biografische und oft hochpolitische Geschichten stecken, hat sich auch in westlichen Gesellschaften erst in den vergangenen vierzig Jahren durchgesetzt. Den politischen Kontext dieser Gewalt anzuerkennen und sie nicht zu einem individuellen klinischen Problem des Einzelnen zu machen, hat großen Einfluss darauf, wie gut die Betroffenen mit dem Erlittenen umgehen und leben können. Aber in einem Land wie dem Irak birgt das auch Potenzial für neue Konflikte.
Überlebende und Opfergruppen würden häufig "für politische Ziele missbraucht und gegeneinander ausgespielt", schreibt die Berliner Psychologin Karin Mlodoch, die mit dem deutsch-kurdischen Verein Haukari seit über 20 Jahren mit Überlebenden der Verbrechen der Saddam-Diktatur im kurdischen Norden arbeitet. "Konkurrierende Fraktionen nutzen den Opferstatus als gewichtiges Argument, um Machtansprüche auf nationaler Ebene zu legitimieren."
Wer hat schlimmer gelitten unter Saddam – die Schiiten oder die Kurden? Warum sind die Jesiden jetzt die "Lieblingsopfer" der internationalen Gemeinschaft? Warum ignoriert die Welt Vertreibungsaktionen gegen Sunniten durch Schiiten und Kurden?
Von Versöhnung ist der Irak weit entfernt
All diese Fragen geistern durch den politischen Diskurs des Irak, sie unterstellen – manchmal zu Recht, manchmal zu Unrecht – ungleiche und damit politisch motivierte Aufmerksamkeit. So entstehen Opfernarrative, die für den nächsten Konflikt mobilisieren, nicht aber die Geschichte des Landes offenlegen, geschweige denn zur Versöhnung beitragen.
Versöhnung braucht Jahre und Jahrzehnte der Ruhe und Stabilität. Davon ist der Irak weit entfernt.
Weswegen man dann umso verblüffter vor einem wie Salah Ahmad sitzt, der als nächstes einen "Heilgarten" in der Stadt Chamchamal nahe Kirkuk eröffnen will. Mit Grünflächen, Therapieräumen aus nachhaltigen Materialien wie Lehm und Holz, Biogasanlage.
Fast rutscht einem die Bemerkung heraus, dass das ziemlich absurd klingt, wo doch Kirkuk erst vor wenigen Wochen Schauplatz einer tagelangen Schlacht zwischen IS-Kommandos und Peschmerga war. Aber die deutschen Maßstäbe für Sicherheit und Stabilität sind hier nicht anwendbar. Chamchamal sei sicher genug, sagt Ahmad, für einen Ort, an dem schwer traumatisierte Frauen und Kinder zu sich kommen können. Menschen, die sich, wie er es ausdrückt, "mit der Welt nicht mehr versöhnen wollen".
Von denen wird es auch in Mossul viele geben. Wobei die Gewalt auch dort nur ein Teil der Geschichte ist.
Ein anderer ist der Umgang der Menschen damit. So gut wie jedes drakonische Gesetz des IS wird trotz Lebensgefahr unterlaufen. Auch das Alkoholverbot. Eine Untergrundbrauerei soll einige Zeit Bier auf den Schwarzmarkt gebracht haben. Whisky ist kaum mehr bezahlbar. Aber es gibt ihn noch.
Das Auge von Mossul, aus dessen Blog wir hier immer wieder zitieren, berichtet in seinem aktuellen Post von einem Bekannten, der für 500 Dollar eine Flasche Jack Daniels erstanden haben soll. Die hebe er sich für den Tag der Befreiung auf, an dem er ein paar Gläser trinken werde. Den Rest wolle er als historisches Zeugnis aufheben.
Wo ist Abu Bakr al-Bagdadi?
Der Mann, der in allen geistlichen, weltlichen und in zumindest ziemlich vielen militärischen Angelegenheiten beim "Islamischen Staat" (IS) das letzte Wort hat, ist ein Phantom. Seit Jahren, und mit Absicht. Keine Drohne soll ihn treffen, kein Spezialkommando der US-Armee soll ihn finden können. Seit sich Abu Bakr al-Bagdadi im Sommer 2014 zum Kalifen ausrufen ließ, ist er überhaupt nur ein Mal öffentlich aufgetreten.
Sogar Reden gibt es nur wenige von ihm; seit Dezember 2015 hatte er sich nicht mehr an seine Anhänger und Feinde gewandt. Heute, am frühen Donnerstagmorgen, gut zwei Wochen nach Beginn der Offensive auf Mosul, die irakische Hauptstadt seines Kalifats, brach er sein langes Schweigen. Der IS veröffentlichte eine 31 Minuten lange Audiobotschaft Al-Bagdadis. Einer der zentralen Sätze lautet: "Das Ausharren in Ehre ist tausend Mal besser als ein Abzug in Schande."
Die Kämpfer des IS sollen ihren Emiren vor Ort gehorchen und sich den Angreifern unerschrocken in den Weg stellen, erklärt er weiter, "lasst ihr Blut in Flüssen fließen". Darüber hinaus ruft er IS-Kader dazu auf, in der Türkei und in Saudi-Arabien Anschläge zu begehen.
Überraschungen enthält die Rede nicht. Variiert werden vor allem folgende Motive: Uns ist von Gott der Endsieg versprochen; alle Welt hat sich gegen uns verschworen; die Schlacht wird unseren Glauben nur stärken. Mossul wird interessanterweise nicht namentlich genannt, lediglich Niniveh erwähnt al-Baghdadi, der Name der Provinz, in welcher Mossul liegt.
Es gibt viele Theorien, wo sich Al-Bagdadi versteckt
Wo Al-Bagdadi selbst sich aufhält, darüber gibt seine Ansprache ebenfalls keinerlei Aufschluss. Nur dass die Rede noch nicht allzu alt ist, lässt sich erschließen. Denn der IS-Chef erwähnt darin den Tod seines Spracher Abu Mohammed al-Adnani, der am 30. August 2016 ums Leben kam.
Wo aber ist Al-Bagdadi? Und ist das überhaupt wichtig?
Die Antwort auf die erste Frage kennen mit Sicherheit weniger Menschen als es zu wissen glauben.
In einigen Zeitungen stand zu lesen, Al-Bagdadi befinde sich in Mossul selbst und sei von der irakischen Armee eingekreist. Als Quelle wird der Stabschef des kurdischen Präsidenten Mahmoud Barzani zitiert. Der soll demnach auch gesagt haben, Bagdadis Tod würde den Zusammenbruch des IS bedeuten.
Als ich vorletzte Woche im Nordirak war, versicherte mir allerdings ein hochrangiger Kommandeur der irakischen Armee, er verfüge über Informationen, dass Bagdadi zwar bis vor Kurzem in Mossul gewesen sei, nun aber nicht mehr. Und ein IS-Anhänger, der mit den Dschihadisten gut verdrahtet ist, erklärte mir schon vor Wochen, dass Bagdadi nach seinen Informationen seit vier Monaten tot sei. Zumindest diese These scheint widerlegt, weil Bagdadi den Tod seines Sprechers erwähnt, seine Rede also nicht älter als zwei Monate sein kann.
Dann wiederum gibt es zahlreiche glaubwürdige Beobachtungen syrischer Rebellengruppen, denen zu Folge bereits vor Beginn der Mossul-Offensive mehrere Konvois IS-Führungspersonen in die zweite Hauptstadt des Kalifats, ins syrische Rakka verbracht hätten.
Durchaus möglich, dass Bagdadi in Rakka ist. Ebenso denkbar aber, dass er irgendwo anders steckt: In einem kleinen Dorf in der irakischen Wüste oder in einem kleinen, vom IS gehaltenen Nest in Südsyrien. Nur ein Unterschlupf im Ausland scheint schwer vorstellbar. In Libyen, im Jemen oder auf dem ägyptischen Sinai wird er wahrscheinlich nicht auftauchen, die Wege dorthin sind für einen Mann wie Al-Bagdadi, dessen Gesicht ja immerhin bekannt ist, ziemlich sicher versperrt.
Kommen wir also zur zweiten Frage: Ist es am Ende egal, wo er ist, weil es auf Al-Bagdadi gar nicht ankommt?
Sagen wir es so: Insbesondere westliche Armeen tendieren dazu, die Bedeutung dschihadistischer Führungspersonen zu überschätzen. Der Kampf gegen den IS ist aber nicht wie ein Schachspiel, das vorbei ist, wenn der König fällt. "Natürlich steht längst ein potenzieller Nachfolger für das Amt des Kalifen bereit", versicherte mir ein irakischer IS-Anhänger kürzlich.
Der Westen überschätzt die Rolle von Führungsfiguren
Das mag stimmen oder auch nicht, aber eines ist klar: Die meisten IS-Anhänger wissen praktisch gar nichts über Abu Bakr al-Bagdadi. Auch für sie ist er nur ein Name. Sie haben sich nicht wegen ihm dem IS angeschlossen, sondern entweder schon, bevor er sich zum Kalif erklärte, oder wegen des Kalifats und der Idee, einen vermeintlich gottgefälligen Staat aufzubauen. Al-Baghdadi ist kein großer Charismatiker, um ihn ranken sich keine beeindruckenden Legenden, seine Reden waren weniger beeindruckend als die seines Sprechers Al-Adnani.
Als Abu Musab al-Sarkawi getötet wurde, der Gründer der Vorläuferorganisation des IS, veröffentlichte die Gruppe einen Nachruf, in dem es hieß: Wer glaubt, wir würden für einen Mann kämpfen, hat sich getäuscht. Wir kämpfen für unsere Religion. Ziemlich sicher würde der IS auf den Tod Al-Bagdadis ähnlich reagieren. Und die meisten Kämpfer vermutlich auch.
Dschihadisten denken anders, als wir es gewohnt sind. Wenn sie von der Grundannahme ausgehen, dass der Endsieg vorherbestimmt ist, dann kann eine Niederlage, wie jene, die nun in Mossul droht, ja gar nicht endgültig sein. Dann muss sie eine Art Test sein. Der IS-Experte Will McCants wies kürzlich darauf hin, dass die Fundamentalisten, die zwei Mal dabei scheiterten, den Staat aufzubauen, der heute Saudi-Arabien ist. Dieses zwischenzeitliche Scheitern wurde seinerzeit als "Mihna", als Prüfung Gottes, interpretiert. McCants glaubt, dass der IS es mit Blick auf die Bedrohung seines Staates ähnlich sehe.