Nein danke, lieber Herr Neonazi – Seite 1

Vor Kurzem lud der Radiosender Kiss FM mich, einen israelischen Autor und bekennenden Hummus-Fan, zu einem Interview in seiner Call-in-Sendung ein. Thema: "Deutschland – dein Land?" Wie ich erst wenige Stunden vor der Sendung zufällig erfuhr, sollte der Neonazi-Rapper MaKss Damage ebenfalls zu Gast sein. Nach meinem Protest schlug mir die Redaktion vor, mein Interview abzusagen, oder aber mit MaKss Damage gemeinsam on air zu gehen, um kritische Fragen zu stellen. Ich stimmte dem Vorschlag zu – doch der Sender hielt sich nicht an die Abmachung und verwehrte mir die Gelegenheit, mit dem Neonazi zu sprechen, um die kritischen Fragen zu stellen, die von den Moderatoren völlig ausgelassen wurden.

Der Artikel, den ich über den Vorfall für Vice geschrieben habe, wurde über 60.000-mal gelesen, in etlichen Zeitungen zitiert und entfachte eine Debatte über den Umgang mit Neonazis in den Medien. Obwohl Kiss FM die heftige Kritik bis heute ignoriert und den Fehler nicht einräumen möchte, fand ich den öffentlichen Aufschrei unglaublich wichtig. Selbst nach einer Aufforderung des BQN Berlin, Träger der Berliner Senatsinitiative "Berlin braucht dich!", die bessere Ausbildungschancen für Jugendliche mit Migrationshintergrund ermöglichen will und auch von Kiss FM unterstützt wird, nahm der Sender keine Stellung zum Vorfall. Daraufhin beendete der Senat die Zusammenarbeit mit Kiss FM.

Die schönste Geste kam allerdings, wie könnte es auch anders sein, vom Neonazi-Rapper selbst. Dieser bot mir nämlich auf seiner Facebook-Seite an, eine monatliche Entschädigung in Höhe von einem Euro zu entrichten, sollte meine Familie "wirklich zu Seife verarbeitet worden sein".

Das Angebot schockierte mich. Die Respektlosigkeit den Opfern des Holocausts gegenüber? Geschenkt! Das Lächerlichmachen des größten Menschheitsverbrechens unserer Zeit? Schwamm drüber! Aber mir nur einen EINZIGEN Euro im Monat anzubieten? Unverschämter geht's nicht!

Tatsächlich bezweifle ich, dass die Mitglieder meiner Familie, die im Holocaust nach Treblinka deportiert wurden, letztendlich zu Seife wurden. Die Geschichte über die menschliche Seife ist unter Holocaust-Experten stark umstritten. Trotzdem überraschte mich die offensichtliche Skepsis des Julian Fritsch alias MaKss Damage, weil er sie selbst in seinen Texten thematisierte:

"Ich stecke sie [die Zecken] alle gemeinsam in den nächsten Zug nach Buchenwald / Wasch mich mit der Seife ab, genieß den Lampenschirm".

Ich lehnte das großzügige Angebot also ab. Als Trostpreis bot mir Julian Fritsch an, ihm in einem Videointerview mit Vice alle Fragen zu stellen, die ich ihm auf Kiss FM nicht stellen durfte. Sein Angebot entzückte. Ich hätte die Chance, den Neonazi-Rapper in seinen eigenen Widersprüchen zu ertränken und die Fragen zu stellen, die ich während seines Auftritts im Radio vermisst habe. Und schließlich ist Vice nicht Kiss FM – einer kritischeren und besser informierteren Zielgruppe könnte man ein Gespräch mit einem Neonazi leichteren Herzens zumuten.  

Aber lässt sich jemand von Logik überhaupt beeindrucken, wenn er diese längst abgelegt hat? Kann man überhaupt noch jemanden entlarven, der sich schon selbst entlarvt hat? Seine Anhänger wissen, was er ist, und meine auch. Schaffe ich es nicht, ihn bloßzustellen, wird er von seinen treuen Fans wieder gefeiert, genau wie nach seinem Interview auf Kiss FM. Schaffe ich es doch, bin ich automatisch Teil der Lügenpresse und/oder der zionistischen Weltverschwörung, die den armen Neonazi manipulierte und verunglimpfte. Niemand könnte MaKss Damage oder seine Anhänger in einem Interview überzeugen, ihre menschenverachtenden Ideologien plötzlich abzulegen – das ist eine Entwicklung, die, wenn überhaupt, niemals vor laufenden Kameras stattfinden könnte.

Aus Neugier forderte ich ihn trotzdem auf, mir seine Bedingungen zukommen zu lassen. Fragen kostet ja nix. Kurze Zeit später meldete sich Julian Fritsch von seinem privaten Facebook-Profil und erzählte mir in aller Höflichkeit, dass er ein Videointerview doch mal "sehr interessant" fände. Nach wenigen Stunden folgten seine Bedingungen.

Holocaust leugnen oder verherrlichen?

"Also, dass ich mit Dir nicht offen über den 'Holocaust' oder den Nationalsozialismus reden kann ohne mich dabei strafbar zu machen, kannst Du Dir bestimmt denken. Diese beiden Themen müssten rausfallen, alles andere kann offen diskutiert werden. Da ich Dir sachlich gegenübertreten werde, erwarte ich das Selbe von Dir", schrieb er.

Ich musste etwas schmunzeln, als ich die Nachricht gelesen habe. Bot mir der Neonazi-Rapper etwa ein "sachliches" Interview an, in dem ich sein Nazi-Dasein nicht thematisieren dürfte? Wollte der Mann, der mit erstaunlicher Sicherheit alle Medien abseits des rechten Spektrums als "Lügenpresse" bezeichnet, meine Themenauswahl dermaßen beschränken? Oh, die Ironie! Ich hakte nach und fragte Fritsch, inwiefern er sich strafbar mache.

"Es ist strafbar öffentlich den NS in einem positiven Licht dastehen zu lassen bzw. den 'Holocaust', in der offiziellen Fassung in Frage zu stellen", antwortete er prompt.

Das Wort Holocaust natürlich immer in Ausführungszeichen – gotta love it. Es gibt einen Punkt, an dem die Grundlage jeder Diskussion in Schutt und Asche zerfällt. Dieser Punkt beginnt für mich bei der Leugnung des Holocausts. Das gesetzliche Verbot der Holocaustleugnung wird oft als Verstoß gegen die Meinungsfreiheit kritisiert – ein Begriff, der heutzutage überstrapaziert wird. Hetze, Verleumdung oder Assoziationen zwischen unserer Bundeskanzlerin und einem weiblichen Geschlechtsteil werden unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit als "sachliche Kritik" präsentiert.

Es gibt Meinungsfreiheit, aber keine Faktenfreiheit

Wir haben in Deutschland eine Meinungsfreiheit, wir haben aber keine Faktenfreiheit. Wer den Holocaust bestreitet oder verharmlost, der versucht nicht nur, historisches Tatsachenwissen zu fälschen, sondern diffamiert die Menschen, die eine Zahl auf ihrem Unterarm tätowiert haben, die ihre Familien in den Gaskammern und Verbrennungsrosten von Auschwitz und Treblinka verloren, als Lügner. 

Doch das Verbot der Holocaustleugnung ist nicht nur da, um die Überlebenden zu schützen. Schließlich waren sie selbst dabei, da lassen sie sich nichts von rappenden Neonazis einreden. Das Verbot soll auch die Jüngeren schützen. Die, die nicht dabei waren. Zu wissen, was hier vor 77 Jahren geschehen ist, ist für heranwachsende Menschen genauso wichtig wie Mathe oder Physik.

Und genau wie ein Lehrer, der seinen Schülern nicht beibringen darf, dass eins plus eins gleich drei ist, dürfen die Tatsachen um den Holocaust nicht geleugnet werden.

Die Neonazis von heute bewegen sich stets zwischen der Leugnung und der Verherrlichung des Holocausts. Ihre Behauptung, von der Demokratie mit dem Verbot der Holocaustleugnung in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt zu werden, ist vielleicht das einzig halbwegs handfeste Argument, das Neonazis heute überhaupt machen können. Eine Aufhebung des Verbots käme aber so oder so nicht infrage. Damit würde man den Leugnern die Bestätigung bieten, mit doppeltem Elan weiter zu leugnen.

Eines haben die Holocaustverherrlicher und die -leugner gemein: Beide verdienen keine Plattform. Wir dürfen nicht zulassen, dass ihre menschenverachtenden Ideologien in unserer Kultur wieder Fuß fassen können. Man kann über Neonazis reden, aber nie mit ihnen. Wer Teil unserer Gesellschaft sein möchte, muss all ihren Mitgliedern ein Mindestmaß an Menschenwürde entgegenbringen.

Ich persönlich lasse mich auf keine Diskussion mit Menschen ein, die mich bei der nächstbesten Gelegenheit in die Gaskammer werfen würden. Das Interview mit Julian Fritsch habe ich abgesagt.