Wir sagen: Carolin Emcke. Wir rufen: Carolin Emcke! Wir lassen es herabschallen: Carolin! Emcke! Dann wenden wir uns dem Publikum zu und fragen: Ja bitte? Für was noch mal ist Carolin Emcke der Nobelpreis für Mikroliteratur verliehen worden? Nein, seien wir fairer und fragen: Welche These von Carolin Emcke fällt Ihnen spontan ein? Oder: Welchen Text von Carolin Emcke lasen Sie als vorletzten, welchen als letzten? Und was davon wissen Sie noch?

Ja, liebe Philosophen und Pastorinnen: Es sind unsere Leisen im Lande, die am Ende des Tages gesagt haben werden, dass der frühe Vogel den Wurm fängt und der Apfel nicht weit vom Stamm, das Licht des Morgens stets aus dem Osten und der Tag nicht vor dem Abend fällt. (Wobei das Ende des Tages sowieso ein existenzialistisches Grundproblem ist, das der schnöde Immobilienmarkt stets nur erahnen kann).

Nehmen wir einen Apfelbutzen: Abgegessen, teilweise bräunlich oxidiert, mit Spuren von Zahnfleischbluten. Charles Bukowski, ein unbekannter Dichter, hätte dazu gesagt: "Dein Schlüpfer, meine Seele: Auf beidem eine Spur von Scheiße." Der Preisträgerin würde so etwas nicht über die Lippen gehen. Sie hat persönlich ein Tempotaschentuch beweint. Wir lieben so was. Wir möchten unbedingt ebenfalls den Friedenspreis des deutschen Kuscheltuchhandels. Und spenden ihn dann an ein Waisenkind auf Haiti. Wir melden uns hiermit an auf der Warteliste der zehn verfolgtesten lesbischen Friedenskämpferinnen ohne eigene Meinung.

"Wer sich nicht mehr vorstellen kann, wie einzigartig … jeder einzelne schwarze Mensch ist, wer sich nicht vorstellen kann, wie ähnlich sie in ihrer grundsätzlichen Suche nach Glück und Würde sind, erkennt auch nicht ihre Verletzbarkeit als menschliche Wesen, sondern sieht nur das, was schon als Bild vorgefertigt ist" (so spricht die Preisträgerin in ihrem Werk Gegen den Hass, 2016). Was ist dem noch hinzuzufügen – außer, dass jedes Körnerbrötchen auch nur ein Wesen ist, mit einer eigenen Seele, aus der Hand des Großen Weltenbäckers? Wahrscheinlich fiele nur Frank-Walter Steinmeier, dem größten aller Kandidaten einer berühmten Arbeiterpartei, etwas ein, was ähnlich belanglos durch die Zähne rinnt: Ein Geräusch der Worte, ein Mögliches an Bildern, ein Nichts an Substanz.

Zur Sache.

Nun aber zur Sache. Zwei Komma fünf Millionen Männer sollen dem Vernehmen nach in Deutschland an jedem Tag die Dienstleistung von Prostituierten in Anspruch nehmen. Das wird irgendwo behauptet. Ich habe es zwanzigmal gelesen, weiß aber nicht mehr wo, und nachgezählt hab ich es sowieso nicht. Ich weiß auch wahrlich nicht, wie welche Interessengruppen oder Sensationalisten solche Zahlen ermittelt haben wollen. Sagen wir: Von 40 Millionen Männern in Deutschland sind 30 Millionen im prostitutions-geh-fähigen Alter und Zustand. Zwei Komma fünf von dreißig ist, sagen wir mal, jeder Zwölfte. Diese Zahl erscheint mir, wenn ich so um mich blicke, doch einigermaßen absurd. Das entspricht den extrem seriösen Schätzungen der Anzahl der mal mehr, mal wenige, dauernd oder zeitweilig prostitutiv tätigen Menschen: mal sind es 100.000, mal 700.000 in Deutschland. Zu Zeiten der Europameisterschaften im Turmspringen reisen mindestens vier Millionen kasachische zwangsprostituierte Sklavinnen ein, von denen 24 in Nürnberg von einer bayerischen Sonderkommission festgenommen werden können.

Ich möchte Ihnen, liebe Leser, mit voller Absicht die an dieser Stelle obligatorische visuell-kommunikative Präsentation vorenthalten, welche Sie in die Lage versetzt, sich endlich einmal vorzustellen, was man sich unter "Prostitution" vorzustellen hat. Bedauerlicherweise wissen das ja 45 Prozent der Frauen und 95 Prozent der deutschen Männer nicht, was uns zu der Schlussfolgerung führt, dass von den restlichen 1,5 Millionen Männern pro Tag 2,5 Millionen Prostituiertenkontakte vollzogen werden, und das Monat für Monat, Jahr um Jahr... (it’s a dirty job, but somebody’s gonna do it).  

Zur öffentlich-rechtlichen Visualisierung gibt es, wie Sie wissen, seit 50 Jahren nur wenige konkurrierende künstlerische Konzepte. Man kann ein Klingelschild abbilden, auf dem die Namen verpixelt sind. Oder einen Mülleimer mit Kleenex und benutzten Kondomen. Auf jeden Fall am besten ist es, wenn man eine wunderschöne Mulattin auf 15 cm Highheels und mit String-Tanga zeigt, die auf einen angesoffenen Sparkassen-Sachbearbeiter zuschwebt, oder umgekehrt. Oder zweiundzwanzig schwarzzähnige Elendsprostituierte an einer Kreisstraße in Tschechien, im Bauarbeiterlager bei Bilfinger oder in einem Slum in Lagos (Filmtipp: Doktor Aleman, Deutschland 2007, Regie Tom Schreiber).

Bilder also mit jener Andeutung dessen, um was es geht, die Ihnen gefällt. Wir wissen es ja, dass Sie sie sehr gern anschauen und schon aus akademischen Gründen kaum genug davon auf der passwortgesicherten Partition Ihrer Festplatte dokumentieren können. Selbst der Ekel löst noch die Sehnsucht nach Geilheit aus. Schämen Sie sich nicht: Das ist ganz normal. Wir verlinken die uns zugespielten aufregenden Szenen vom Straßenstrich in Gelsenkirchen und vom Saunaclub in Wernigerode nur deshalb nicht, weil wir das ganze Maß Ihrer Fantasie ansprechen wollen.