"Präsident Donald J. Trump." Ja, so ist das jetzt. Begreift das und kommt drüber hinweg. Der Mann hat fair und ehrlich gewonnen. Vielleicht nicht nach dem Stimmenverhältnis der Gesamtbevölkerung, aber er hat die Mehrheit der Staaten gewonnen und mehr als die erforderlichen 270 Stimmen der Wahlmänner. Das Volk hat gewählt, und niemand kann ihm das Recht dazu absprechen. So funktioniert Demokratie. Wenn dir das Ergebnis nicht gefällt, kannst du dich beim nächsten Mal mit besten Kräften dafür einsetzen, dass dein Favorit gewinnt, aber für dieses Mal war's das. Das sind die Fakten, und es ist an der Zeit, sie zu akzeptieren.

Seit ein paar Tagen, seit das Ergebnis der amerikanischen Präsidentschaftswahlen feststeht, quellen meine Posteingänge über mit Nachrichten, zum Teil von persönlichen Freunden, die mich auffordern mitzumachen, um die Wahlmänner zu überzeugen, den Willen des Volkes zu verwerfen und stattdessen Hillary Clinton ins Amt zu wählen. Andere Freunde von mir schreiben weniger und marschieren dafür lieber über Amerikas Straßen und fordern Trump, alias The Donald, auf, das Amt nicht anzutreten.

Ich lese ihre Zeilen, sehe sie marschieren und frage mich: Sind das Demokraten? So wie ich das sehe, sind sie ungefähr so demokratisch wie die DDR.

Ich bin zurzeit in Deutschland, wo – einigen Umfragen nach – nur vier Prozent der Menschen für Trump sind. VierProzent!

Aber warum sind die Deutschen dermaßen gegen Trump? Ich bin nicht ganz sicher. In der Wahlnacht, auf der exklusivsten Wahlparty Berlins, war ich umgeben von Leuten, überwiegend Nicht-Amerikanern, die in freudiger Erwartung kamen, zu sehen, wie Trump unter ihren amüsierten Blicken in Millionen Stücke gerissen wird.

Unser Kolumnist auf der US-Wahlparty von Bertelsmann in Berlin © Isi Tenenbom

Die Party bot die perfekte Gelegenheit herauszufinden, warum die Deutschen so denken, wie sie denken, und einige von ihnen zu interviewen – besser gesagt, es zu versuchen, denn besonders weit kam ich mit meinem Vorhaben nicht. Die Party, organisiert von CNN, n-tv und Stern, im Haus von Bertelsmann war vollgepackt mit der Elite der Elite der deutschen Gesellschaft. Aber seltsamerweise wollte niemand etwas zu Protokoll geben, zumindest mir nicht. Warum? Ich habe keine Ahnung.

Schließlich, nach einigem Drängen meinerseits, fand ich doch noch jemanden. Ich meine, fast. Der Chefredakteur einer führenden deutschen Zeitung war bereit, seine Gedanken mit mir zu teilen. Ich legte mein iPhone zwischen uns auf den Tisch und startete die Aufnahme, womit er einverstanden war. Er sei gegen The Donald, erkläre er mir, weil er glaube, Trump sei eine Reproduktion von Erdoğan, und wenn er ins Amt gewählt würde, wäre das das Ende von Amerikas Pressefreiheit. Ich gab zu bedenken, dass die Pressefreiheit ein integraler Bestandteil der amerikanischen Verfassung ist, und fragte, warum er denke, dass ein Präsident – welcher Präsident auch immer – sich das Recht herausnehmen könnte, etwas so offensichtlich Illegales zu tun. Dem mächtigen Chefredakteur gefiel meine Frage nicht und er beendete prompt das Interview.

Also setzte ich mich zu jemand anderem, um ihn zu interviewen, den CEO eines riesigen deutschen Medienkonzerns, der sich dann als durchaus bösartig herausstellte. Als ich ihm eine Frage stellte, nachdem er etwas von sich gegeben hatte, das in meinen Augen keinen Sinn ergab, schrie er mich an: "Sie lassen mich nicht zu Wort kommen." Er stand auf und ging. Einfach so.

Als der Abend schließlich auf sein Ende zuging, fragte ich mich, ob diese Menschen, die sich selbst als Hüter der freien Presse in Deutschland bezeichnen, das Konzept der freien Presse überhaupt begriffen haben. Sie wollen, dass ich zuhöre und aufschreibe, was sie sagen, aber sie wollen nicht durch Nachfragen herausgefordert werden. Ist da überhaupt ein Unterschied zwischen ihnen und Erdoğan?

Trump verkauft Träume. Auch solche, die niemals wahr werden

Sowohl in Deutschland als auch in den USA bin ich von Menschen umgeben, die ich nicht mehr verstehe. Sie schwören mir, lupenreine Demokraten zu sein, aber agieren wie die letzten Diktatoren. Sie erklären sich zu den Vorkämpfern der freien Presse, haben aber größte Schwierigkeiten, ihren eigenen Ansprüchen zu genügen.

Wie konnten sie so tief sinken?

Eventuell besteht ihr Problem darin, sich zu sehr auf die Personen Clinton und Trump konzentriert zu haben. Dabei haben sie übersehen, dass die Wahl eigentlich weniger mit Clinton und Trump zu tun hatte, sondern viel mehr mit den Wählern, den Millionen von Menschen, die Trump ins höchste Amt befördert und Clinton in die Tonne getreten haben. Tatsache ist, dass die Wähler weder Clinton noch Trump persönlich kennen, und wenn sie ihre Stimme für jemanden abgeben, dann tun sie das auf Basis des Abbildes, das die beiden von sich erzeugt haben, und sie wählen das Bild, das sie selbst am besten widerspiegelt. In den meisten US-Staaten haben sie sich für das Trump-Bild entschieden.

Und was sagt das über ihr Bild von sich selbst? Na ja, viele Millionen Amerikaner haben sich für den großmäuligen Immobilieninvestor und TV-Prominenten entschieden, der sie von der Bevormundung durch die amerikanischen Eliten, sprich durch die Küstenbewohner, befreit. Schon seit Jahren wird an den Küsten proklamiert, dass alle großartig sind und niemand besser ist als der andere. Aber tief im Innern denken die Menschen anderes, und wenn The Donald mit seinem losen Mundwerk verkündet, was sie insgeheim denken, dann hat er sie automatisch auf seiner Seite.

Glaubt Donald J. Trump wirklich, was er das sagt? Schwer zu sagen. The Donald ist ein Typ, dessen Lebensinhalt es ist, Träume zu verkaufen, auch die, die niemals wahr werden. Hat er überhaupt eine politische Agenda? Vielleicht ja, vielleicht nein. Aber selbst wenn, besteht die Möglichkeit, dass er sie zugunsten eines weiteren Casinos ändert. Wird er, wie er versprochen hat, die amerikanische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen, sobald er im Amt ist? Vielleicht, wenn er ein Casino darin eröffnen kann; andernfalls glaube ich kaum.

Demokratie, meine Freunde, heißt die Entscheidung der Wähler zu akzeptieren. Aber ihr wollt sie nicht akzeptieren. Vielleicht, aber nur vielleicht, haben die Amerikaner gegen die Dame eures Herzens gestimmt, weil sie gemerkt haben, dass ihr nicht demokratischer seid als der Mann ihrer Wahl, und dass der eigentliche Unterschied zwischen euch beiden nur der ist, dass ihr kein Casino habt.