Michael Elias wird nun schon das zweite Jahr zusammen mit 300 bis 400 Menschen Weihnachten feiern. Was nach einem großen Fest klingt, ist keine gute Nachricht. Elias ist Chef der Firma Tamaja und die betreibt Berlins größte Flüchtlingsunterkunft in den Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Als diese Notunterkunft im Oktober 2015 eröffnet wurde, war davon die Rede, dass die Menschen dort etwa zwei Wochen leben sollten. Zwei bis drei Wochen danach sollten sie registriert sein und in andere Unterkünfte umziehen. Für viele der derzeit gut Tausend Bewohner ist aus diesen zwei Wochen mehr als ein Jahr geworden.

Im Vergleich zum vergangenen Jahr kommen nur noch wenige Flüchtlinge in Deutschland an: 15.000 waren es im Oktober 2016, im selben Monat des Vorjahrs waren es mehr als 200.000. Doch längst nicht alle, die 2015 kamen, konnten inzwischen aus den provisorischen Unterkünften in normale Gemeinschaftsunterkünfte oder gar eigene Wohnungen umziehen. Wie gut das klappt, hängt sehr vom Bundesland ab. Das zeigen die Daten aller Länder, die ZEIT ONLINE vorliegen. In Berlin ist die Situation mit Abstand am schlechtesten.

Vier der Hangars in Tempelhof, riesige Hallen mit Milchglasfenstern, sind derzeit bewohnt. Das bedeutet, in ihrer Mitte stehen mehrere Reihen von Messebauwänden. So entstehen Räume mit 25 Quadratmetern und einem Eingang, aber ohne Fenster, nach oben offen. Darin: Doppelstockbetten für acht Personen. Jedes Geräusch, das ein Kind mit Roller auf dem Betonfußboden macht, jedes Gespräch, dringt in die Kabinen. Am Rand der Halle sind Waschräume, es gibt eine Essensausgabe, ein Café, und in einem Hangar stehen Sportgeräte. "Wir können hier alles sauber halten, das Essen ist gut", sagt Michael Elias. "Aber wenn Sie zwölf Monate ohne Privatsphäre leben, verändert das die Menschen."

Mohammed Hasan aus dem Irak wohnt seit 9 Monaten in einer dieser Kabinen. Mit ZEIT ONLINE sprach er über seinen Alltag in Tempelhof:

Berlin-Tempelhof - "Man verschwendet hier viel Zeit" Seit neun Monaten wohnt Mohammed Hasan in der eingerichteten Notunterkunft für Flüchtlinge im stillgelegten Flughafen Tempelhof. Die Zeit vergeht hier langsam, die Zukunft ist ungewiss.

Viele Bewohner der Unterkunft durchliefen emotionale Phasen, sagt Michael Elias. Direkt nach der Ankunft seien sie erleichtert, der Stress der Flucht baut sich ab. Dann kommt das Warten auf die Registrierung als Asylbewerber, "Diese Ungewissheit hat ein hohes Aggressionspotenzial", sagt Elias. Wenn auch das geschafft ist, warten sie wieder: auf die Erlaubnis zu arbeiten, auf den Asylbescheid, auf eine eigene Wohnung. "Mittlerweile sehen wir auch Anzeichen von Depression und Fatalismus, weil die Leute nicht wissen, wie lange sie noch hier bleiben müssen".

30 Menschen in Niedersachsen, 20.000 in Berlin

In allen Bundesländern hat sich die Situation seit vergangenem Jahr merklich entspannt, weil deutlich weniger neue Flüchtlinge hinzukommen. In Bayern, wo besonders viele Flüchtlinge ankamen, haben die meisten Erstaufnahmeeinrichtungen inzwischen sogar freie Plätze. Nur in Oberfranken sind noch etwa 650 der Menschen, die in Erstaufnahmen wohnen, in Hallen untergebracht. Laut Behörden soll diese Unterbringung aber "in absehbarer Zeit zurückgefahren werden."


In Hessen leben derzeit knapp 4.000 Menschen in Erstaufnahmeeinrichtungen, der Höchststand im vergangenen Jahr lag bei 25.000. Hier wohnen laut Behörden keine Menschen mehr in Turnhallen oder Zelten. Täglich kommen 45 Menschen neu in die Erstaufnahmen, zum Vergleich: 2015 gab es einen Tag, an dem über 1.300 Menschen ankamen. In Erstaufnahmeeinrichtungen der Bundesländer dürfen die Flüchtlinge laut Gesetz nur ein halbes Jahr bleiben, dann müssen sie auf die Kommunen weiterverteilt sein.

Niedersachsen meldet, dass von den 3.000 Menschen, die dort in Erstaufnahmeeinrichtungen leben, gut 30 in Notunterkünften untergebracht seien. Die Behörden geben nicht näher an, wie die Unterkünfte aussehen, nur befänden sich nicht in Zelten oder Turnhallen. In Nordrhein-Westfalen leben derzeit noch 2.700 Menschen in Notunterkünften. Aber in Berlin sind es noch 20.000.