Timo S. und Patrick F. gelten der Bundesanwaltschaft als Anführer der Gruppe. Beide sind Rechtsextreme mit einschlägigen Vorerfahrungen: Timo S., 27 Jahre alt, Busfahrer, war zuvor in Norddeutschland in der militanten Neonaziszene unterwegs. Nach seinem Umzug ins sächsische Freital gehörte er dort zum Gründungszirkel der "Bürgerwehr FTL/360".

Auch das ist eine rechte Gruppe, die im vergangenen Jahr in dem kleinen Ort entstand. Die Staatsanwaltschaft Dresden und der Generalbundesanwalt haben zwar nie gegen die Freitaler Bürgerwehr als Organisation ermittelt, aber laut sächsischem Innenministerium gegen fünf FTL-Aktivisten wegen verschiedener Anschläge in Freital.

Der zweite Anführer, der 25 Jahre alte Patrick F., brachte beste Verbindungen in die rechtsextreme Szene Dresdens mit. Gegen ihn war Jahre zuvor schon einmal ermittelt worden, weil er Mitglied in der Hooligan-Gruppierung "Faust des Ostens" gewesen sein soll. Diese wurde zwar nicht als terroristische, aber immerhin als kriminelle Organisation eingestuft.

Hakenkreuz am Kühlschrank

Es gibt weitere Indizien, die auf einen neonazistischen Charakter der Freitaler Gruppe hindeuten: Auf einem Gruppenfoto posierten mutmaßliche Mitglieder der Freitaler Zelle vor einer Hakenkreuzfahne. Bei einem der Beschuldigten fotografierte die Polizei während einer Razzia ein Hakenkreuz. Es prangte, geformt aus Magneten, am Kühlschrank. Bei einem anderen fanden sie eine Hakenkreuzfahne im Bettkasten.

Die Clique machte auch rechte Sprüche. Sie vernetzte sich über verschlüsselte Chats miteinander, fanden die Ermittler heraus. Für ihre Anschlagsvorbereitungen soll die Gruppe die App eines koreanischen Messengerdienstes genutzt haben, der KakaoTalk heißt. Einige der Beschuldigten chatteten dort unter Spitznamen. Patrick F., Pizzaservice-Mitarbeiter aus Dresden, nannte sich "Keks", der Busfahrer Philipp W. hieß "Zigeunerphilli", die arbeitslose Maria K. postete Nachrichten unter dem Pseudonym "CukCuk".

Explosives Obst

Den mutmaßlichen Terroristen muss bewusst gewesen sein, dass ihre Pläne unmissverständlich waren. KakaoTalk nutzten sie, weil die Nachrichten verschlüsselt werden und nur einige Tage auf den Servern der Firma gespeichert sind. Sie verwendeten außerdem Tarnbegriffe, wenn sie über ihre Anschläge chatteten. Die illegal aus Tschechien eingeführten Böller nannten sie beispielsweise "Obst".

"Bald haben wir genug zusammen, um mal so richtig Remmi-Demmi in Freital zu machen", schrieb etwa der Busfahrer Philipp W. unter seinem Pseudonym "Zigeunerphilli". Ein anderes Mal jubelte er: "Übelst geil, wenn ich abends nach der Arbeit nach Hause laufen muss. Da kann man das immer gleich mit kleineren Anschlägen verbinden." In diesem Tonfall schaukeln sich die Rechtsextremen über Monate hinweg gegenseitig hoch.

Die Freitaler Bürgerwehr attackierte dieses Haus mit Sprengsätzen. © Tilman Steffen

Die geheime Kommunikationsstruktur der Gruppe flog Ende Oktober 2015 auf, wenige Tage vor dem Sprengstoffanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft in der Wilsdruffer Straße in Freital. Ein Insider hatte bei der Polizeidirektion Dresden ausgepackt. Wer dieser bestens informierte Zeuge war, ist unklar. Die Ermittler sicherten ihm Vertraulichkeit zu. Das löste früh Spekulationen aus: Hatte die Polizei einen Spitzel in der Gruppe Freital platziert? Die sächsische Polizei bestritt dies vehement, die genauen Hintergründe der Insideraussage sind unklar.

Der Unbekannte

Sicher ist: Der anonymisierte Zeuge hatte einen geheimen Chat der militanten Gruppe auf KakaoTalk mitgelesen und übergab den Ermittlern Screenshots einiger Dialoge. Beim Sprengstoffanschlag auf das Wohnprojekt im Oktober 2015 sei er selbst dabei gewesen, versicherte der Unbekannte. Er nannte das Wohnprojekt "Zeckenhaus" und beschrieb detailliert den arbeitsteilig geplanten und ausgeführten Angriff mit Steinen, Sprengkörpern und Buttersäure.

Trotz dieser Informationen stoppte die Polizei die Gewalttäter erst, nachdem sie eine weitere Flüchtlingsunterkunft angegriffen hatten. Zu diesem Zeitpunkt wurden offenbar längst die Telefone einiger Beschuldigter überwacht.

Falsch lagen die sächsischen Sicherheitsbehörden zunächst mit ihrer Einschätzung der Freitaler Bürgerwehr. Sachsens Behörden hielten die FTL/360 für eine harmlose Gruppierung besorgter Bürger. Noch im Sommer 2015 hatte das sächsische Innenministerium auf Anfrage der Linksfraktion mitgeteilt: Die Freitaler Bürgerwehr werde nicht vom sächsischen Verfassungsschutz beobachtet. "Dem LfV Sachsen liegen keine Erkenntnisse über tatsächliche Anhaltspunkte für extremistische Bestrebungen einer 'Bürgerwehr FTL / 360' vor."

Eine eklatante Fehleinschätzung. Die Gruppe Freital rekrutierte sich auch aus der Bürgerwehr. Inzwischen beobachtet das Bundesamt für Verfassungsschutz die Freitaler Bürgerwehr "als Personenzusammenschluss innerhalb der neonazistischen Szene". Auch der Sächsische Verfassungsschutz bezeichnet sie als "Gruppierung mit neonazistischer Ausrichtung".

Die Rechtsanwältin Kristin Pietrzyk vertritt einen der jungen Syrer, deren Wohnung in Freital mit Sprengsätzen angegriffen wurde. Sie hält die nun vorgelegte Anklage in entscheidenden Punkten für "stringent": Die Bundesanwaltschaft bleibe bei dem Vorwurf des versuchten Mordes und erkenne die organisierte rechtsextreme Struktur, die in Freital über Monate "koordiniert und organisiert" Angst und Schrecken verbreitet habe. "Das muss als das thematisiert werden, was es ist: Rechtsterrorismus."

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