In einer "Magdeburger Erklärung" warnt nun auch die AfD vor sogenannter Frühsexualisierung. Aus wissenschaftlich redlicher Perspektive klärt dieser Begriff jedoch gar nichts, sondern verhindert eine aufrichtige Auseinandersetzung mit realen gesellschaftlichen Gefahren. Genau das ist jedoch in den Verlautbarungen von "besorgten Eltern", der "Demo für alle" und eben der AfD auch beabsichtigt. Daher lohnt es sich, genauer hinzuschauen, welche Ziele die Sexualpädagogik wirklich hat und wie die berechtigten Ängste der Menschen umgelenkt werden sollen.

Sexualität, sexuelle Selbstbestimmung und die Aufgaben des Staates

Menschliche Sexualität ist facettenreich und die sexuelle Identität sehr individuell. Sie gehört zum Kern der Persönlichkeit, und der ist verfassungsrechtlich geschützt. Sexualwissenschaft und Sexualpädagogik legen daher einen weiten Sexualitätsbegriff zugrunde, wie ihn auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert. Er bezieht neben dem, was viele Menschen mit Fortpflanzung und Sexualaufklärung verbinden (biologische Informationen über Geschlechtsorgane, Schwangerschaft, Geburt, Verhütung), auch Lust, Beziehungsleben, Familienformen und Geschlechtsidentitäten mit ein.

Zum staatlichen Auftrag einer demokratischen Gesellschaft gehört es allerdings nicht, bestimmte sexuelle Ausdrucks- oder Lebensweisen vorzuschreiben, sondern dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung eine realistische Chance zu geben. Alle öffentlichen Bildungseinrichtungen sind damit aufgefordert, sexuelle Vielfalt ausdrücklich anzuerkennen, über damit zusammenhängende Themen zu informieren und Heranwachsende in ihrer Urteilsfähigkeit und Selbstbestimmung zu stärken.

Das individuelle Ergebnis dieses Bildungsprozesses kann unterschiedlich ausfallen. Die Position, Sexualität sei nur in der heterosexuellen Ehe gut aufgehoben und in erster Linie zur Kinderzeugung gedacht, ist ebenso legitim wie sich anderen Möglichkeiten sexuellen Erlebens unabhängig von Ehe und Fortpflanzung zu öffnen oder auch völlig auf ein partnerschaftliches Sexualleben zu verzichten.

Der Staat hat vor allem die Aufgabe, jede Form von sexuellen Übergriffen und Missbrauch zu ahnden und möglichst präventiv – auch durch sexuelle Bildung – zu verhindern. Er hat sich ferner dazu verpflichtet, Kindern angemessene Formen des Aufwachsens in unserer Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Im Grundgesetz werden Ehe und Familie zwar besonders hervorgehoben. Da diese traditionelle Familienform aber nicht immer gewählt wird und sich inzwischen viele Alternativen herausgebildet haben, in denen das Kindeswohl ebenso gewährleistet wird, bezieht sich der Schutz des Staates auch auf andere Formen des Zusammenlebens, in denen Menschen sich mit und ohne Kinder füreinander verantwortlich fühlen.

Warum ruft das Thema so viel Aufregung hervor?

Sexualität ist ein intimes, gefühlsbesetztes Thema. Die Stärke und Richtung des Begehrens, das persönliche Verständnis des eigenen Geschlechts, erotische Intimität und der Wunsch nach unbedingtem Angenommensein sowie alle damit zusammenhängenden potenziellen Glücksgefühle und Ängste gehen alle Menschen an. Insbesondere die eigenen Kinder sollen sich möglichst liebe- und verantwortungsvoll entwickeln können und vor unzumutbaren Irritationen und Verletzungen bewahrt werden.

Konkrete Ängste von Eltern beziehen sich darauf, dass ihre Kinder sexuell verwirrt und überfordert werden. Vieles in ihrer realen Lebenswelt kann in der Tat verwirren, wenn Kinder sich selbst überlassen bleiben oder auch von allem abgeschirmt werden. Private wie öffentliche Erziehung sollten möglichst kooperativ die Aufgabe übernehmen, die vielen Eindrücke einzuordnen, zu reflektieren und damit den Kindern zu helfen, den Alltag zu bewältigen.

Manche Erwachsenen sind besorgt, dass Kinder und Jugendliche neugierig gemacht werden auf Dinge, denen sie noch nicht gewachsen sind, sodass sie in Gefahrensituationen hineintappen. Eine altersgerechte Sexualerziehung – und das ist durch Studien belegt – hilft jedoch, ein Sich-Verlieren in der reizvollen virtuellen Welt des Internets, sexuelle Übergriffe, sexuell übertragbare Krankheiten und ungewollte Schwangerschaften zu verhindern. Sexualitätskompetente Kinder und Jugendliche sind weniger anfällig gegenüber pädosexuellen Übergriffen als ahnungslos heranwachsende.

Konzept zur Sexualerziehung eng mit Erziehungsberechtigten abstimmen

Eltern sind jedoch oft zu Recht verunsichert und fürchten, dass sie vieles in ihrer Umgebung nicht mehr verstehen und ihre Kinder nicht sachgerecht und fürsorglich begleiten können. Sie haben selbst Angst vor der Unübersichtlichkeit, vor Schillerndem und Ambivalentem in der Welt und übertragen diese Angst auf ihre Kinder. Hinzu kommt die eigene Scham, in der Familie offen über Sexuelles zu reden. Öffentliche Einrichtungen wie Schulen haben in dieser Situation eine wichtige ergänzende Bildungsaufgabe.

Manche Erwachsenen befürchten außerdem, dass sich die Kinder von den elterlichen Wertvorstellungen entfremden und andere Wege des Liebeslebens einschlagen. Das kann von Eltern als schmerzlich empfunden werden. Mündig werden heißt aber auch, dass die nächste Generation die Chance bekommen muss, sich nach eigenen Vorstellungen frei zu entwickeln.

Was sollte in Schulen gelehrt werden?

Die Schule ist dazu verpflichtet, die Mündigkeit der Kinder und Jugendlichen schrittweise und didaktisch behutsam zu fördern. Das gilt nicht nur für die fachlich-intellektuelle Seite des schulischen Unterrichts, sondern ebenso für die Entwicklung psychischer und sozialer Kompetenzen, also hin zu mehr Autonomie und Verantwortung. Sich selbst in der persönlichen sexuellen Identität annehmen zu können und das Anderssein des Anderen zu achten, ist das Ergebnis von Lernprozessen, die nicht nur – aber auch – durch schulische Bildung angeregt werden. Ob diese Persönlichkeitsziele erreicht werden, entscheidet sich schon früh, sowohl in der familiären Erziehungs- und Sexualkultur als auch durch alle weiteren Einflussfaktoren, denen Kinder und Jugendliche ausgesetzt sind.

Deshalb sind besonders Kindertagesstätten und Grundschulen mit Recht dazu angehalten, ihr Konzept zur Sexualerziehung eng mit den Erziehungsberechtigten abzustimmen und didaktisch sensibel mit der bisherigen sexuellen Sozialisation der Kinder umzugehen. Beide Seiten müssen bereit sein zu lernen und Kompromisse zu machen, um keine entwicklungshemmenden Konflikte auszulösen. Kindheit ist heute, trotz aller notwendigen Schutzräume für eine ungestörte sexuelle Entwicklung, zumindest lebensweltlich und vor allem medial derart entgrenzt, dass die verantwortlichen Eltern und Lehrkräfte mit Fragen und Herausforderungen rechnen müssen, von denen in früheren Jahrzehnten erst Jugendliche betroffen waren.

Verliebtsein, Sexualpraktiken der Erwachsenen, Pornos

Die Themen erstrecken sich von körperlichen Veränderungen über Erfahrungen des Verliebtseins und den aufregenden und Angst machenden Kontakten zu Gleichaltrigen, der Konfrontation mit den Beziehungen und Begriffen für Sexualpraktiken der Erwachsenen bis zu verstörenden pornografischen Videos im Internet. Das alles ist die Realität, die von Eltern und pädagogisch geschultem Personal begleitet werden muss.

Das geschieht auch weitgehend mit dem pädagogisch gebotenen Takt, der die Kinder und Jugendlichen weder überfordert noch allein lässt. Der Professionalität der Lehrkräfte und außerschulischen Pädagogen und Pädagoginnen muss überlassen bleiben, wie intensiv sie auf die je konkrete Situation und auf die Bedürfnisse und Bildungserfordernisse der Schülerinnen und Schüler eingehen.

Durch verschiedene Fachkräfte, unterschiedliche Settings und die Zusammenarbeit mit außerschulischen Akteuren, zum Beispiel von pro familia, dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) oder der Arbeiterwohlfahrt (Awo) lässt sich ein breites Angebot sexueller Bildung organisieren, selbstverständlich in Kooperation mit den schulisch Verantwortlichen. Dazu gehören neben der informativen Aufklärung im Klassenverband Gespräche über Gefühle, Beziehungen und moralische Orientierung in freiwilligen Gruppen am Nachmittag wie auch vertrauliche Gespräche in speziellen professionellen Beratungssprechstunden unterschiedlicher Fachorganisationen.

Für das gesamte Angebot sind die Schulleitung und möglichst multiprofessionell zusammengesetzte Kollegien verantwortlich, flankiert von Elternarbeit. Zu den Rahmenbedingungen gehören Schulgesetze, Fachcurricula, Richtlinien und Bildungspläne. Letztere legen in fast allen Bundesländern zur Zeit ein Schwergewicht auf die Abbildung der gesellschaftlichen Veränderungen sowohl im Hinblick auf bisher diskriminierte Identitäten und Lebensweisen als auch auf das gewachsene sexuelle Weltwissen der Schülerinnen und Schüler.

Berechtigte Ängste von Eltern werden mit schillernden Kampfbegriffen instrumentalisiert

Was ist "staatliche Frühsexualisierung"?

Mit dem Begriff der Frühsexualisierung wird suggeriert, Sexualpädagogik wolle Kinder und Jugendliche mit Themen konfrontieren, die nichts mit ihrem Leben zu tun hätten, als pflanze man die schuldige Sexualität der Erwachsenen in unschuldige Kinder. Sie würden als sexuelle Wesen betrachtet, obwohl das ihren Bedürfnissen und Lebensäußerungen widerspräche. Das Wort Frühsexualisierung impliziert, dass Kinder keine sexuellen Wesen seien, dass sie keine körperliche Neugierde, Lusterfahrungen, zärtlichen Gefühle oder Bindungs- und Beziehungswünsche hätten. Das widerspricht jedoch jeder wissenschaftlichen Evidenz und persönlichen Alltagserfahrung.

Wenn jedoch mit Frühsexualisierung die pädagogisch nicht vertretbare massive Konfrontation von Kindern mit sexuellen Problemen und Insignien der Erwachsenenwelt gemeint sein soll, dann wäre es angebracht, genau das konkret zu beschreiben und zu belegen und nicht mit dem schillernden, viel- und nichtssagenden Kampfbegriff zu ummänteln. Denn in der Tat machen sich Erwachsene damit schuldig. Das ist sexuelle Grenzüberschreitung auf dem Hintergrund von Machtmissbrauch oder gar sexuellem Missbrauch.

Aber hier wird offenbar, dass die Angst nicht auf die Sexualerziehung gerichtet werden darf. Behauptungen, Kinder würden in Grundschulen gezwungen, sich mit Dildos und Peitschen zu konfrontieren, sind frei erfunden und dienen nur der eigenen Sensationsgier. Dass sie in didaktischen Materialien enthalten sind, sagt noch gar nichts über die reale Verwendung im schulischen Kontext. In der Regel haben sie dort nichts zu suchen. Solche konkreten Artefakte von Erwachsenensexualität können mit Jugendlichen in ganz spezifischen pädagogischen Settings thematisiert werden, wenn sie ohnehin schon Thema sind und einer orientierenden Einordnung bedürfen

Die Angst, Kinder würden überfordert, muss sich also eher auf die Konsumindustrie und jene Eltern richten, die ihre Kinder mit aufreizenden Kleidungsstücken ausstatten, oder auf jene Familien, in denen die Kinder in sexuell getönte Auseinandersetzungen und erotische Konsumgewohnheiten hineingezogen werden. Dann passiert so etwas wie sexuelle Überforderung, die mit dem Begriff der Frühsexualisierung jedoch nicht adäquat beschrieben ist. Der Begriff ist also lediglich ein emotionalisierter Kampfbegriff ohne jeden inhaltlichen Sinn, der die Sexualerziehung diskreditieren soll. Dabei kann nur sexuelle Bildung Kinder und Jugendliche gegen die tatsächlichen gesellschaftlichen Gefährdungen – einschließlich des sexuellen Missbrauchs – stärken.

Sie verbinden Sexualität mit Gefahr

Allein die Tatsache, dass in sexualpädagogischen Publikationen von Sexualfreundlichkeit die Rede ist, von sexueller Selbstbestimmung und dass verschiedene sexuelle Identitäten von Minderheiten anerkannt werden sollen, verletzt die Normalitätsmuster verschiedener Gruppen wie etwa der AfD. Sie fühlen sich in ihren emotional tief verankerten Grundüberzeugungen herausgefordert. Denn sie verbinden Sexualität mit Gefahr und erkennen sie nicht als Kraftquelle für Liebeserfahrungen und Lebensmut. Homosexualität ist ihnen ein Gräuel, das notgedrungen toleriert, keinesfalls aber akzeptiert werden kann. Kinder werden als sexualitätsfreie Wesen betrachtet. Sexualität wird als Konsequenz aus alledem nur auf Volksreproduktion beschränkt.

Weil sexuelle Selbstbestimmung – Selbstbestimmung überhaupt – die Menschen kräftigt und weniger lenkbar macht, wird sie mit Argwohn betrachtet. Weil sexuelle Lebensenergie den Eigensinn nährt, wird sie in einem Konzept, das auf Dogmatismus und Autoritarismus gegründet ist, ungern beim Namen genannt und pädagogisch kultiviert.

Sexualerziehung soll allein in Ehen und Familien stattfinden, die als "Keimzelle der Nation" dienen, die Geschlechterpolarität und Heterosexualität zu fördern haben. "Nicht Triebbefriedigung", so heißt es im Magdeburger AfD-Papier, "sondern eine intakte Familie soll Lebensziel werden". "Natürliches Schamgefühl" wird gegen sexuelle Bildung gesetzt, die "in Wort, Bild und Ton" angeblich "persönlichkeitsverletzend" wirke. Hier geht es nicht um menschenfreundliche und bemündigende Sexualerziehung, sondern Sexualität wird für völkische Ideale instrumentalisiert.

Berechtigte Anliegen und Ängste von Eltern und besorgten Bürgerinnen und Bürgern werden mit schillernden Kampfbegriffen unter Verdrehung der Fakten und mit wissenschaftlich nicht haltbaren Argumenten instrumentalisiert für eine autoritäre, nationalistische und rassistische Politik. Das wurde unter Rückbezug auf den Nationalsozialismus durch die 68er-Bewegung schon einmal entlarvt, wenn auch damals noch recht hilflos und manchmal mit machtblinden Beimischungen in den eigenen Reihen dieser Bewegung. Doch die Grunderkenntnis bleibt auch heute gültig, dass eine repressive oder gar nicht stattfindende Sexualerziehung Menschen verführbar macht zur Anpassung an hierarchisch-autoritäre Verhältnisse und die Ausgrenzung von Anderslebenden. Dabei hat uns der Sozialphilosoph Theodor W. Adorno in den 1960er Jahren den Wunsch hinterlassen, man möge an einer Gesellschaft arbeiten, in der jede und jeder "ohne Angst verschieden sein kann" – auch sexuell!