Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Zunächst wie immer Aktuelles:

Ein mir gewogener Leser schrieb mir kürzlich, ich möge aufpassen, nicht in einer Schleife der Selbstreflexion hängenzubleiben. Ein wichtiger Hinweis. Er ist allerdings, wie die Kenner und Analytiker dieser Kolumne wissen, auch ein bisschen vertrackt, weil die Selbstreflexion, wo sie auch stattfindet, eben gerade immer auch Thema dieser Kolumne ist. Oder sagen wir: Die Bespiegelung dessen, was unter dem Namen "Recht" emporstrudelt aus den dunklen Tiefen in uns, bei uns, für uns, unter uns. Da gehört ein bisschen Autoreflexion einfach dazu.

In einer am vergangenen Freitag (es war 4. November) per Livestream übertragenen Fragestunde bei ZEIT ONLINE stellte mir Frau Anne Wizorek, nach Selbstbeschreibung als "Media-Consultant" und "Speakerin" tätig, die Frage: "Herr Fischer, warum hassen Sie Frauen?"

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Nun muss man wissen, dass Frau Wizorek auf der re:publica 2015 erläutert hatte, was ihrer Auffassung nach "Hatespeech" sei. Es gebe, so sprach sie, "keine bestimmten Hatespeech-Wörter", vielmehr müsse die jeweilige Speech "im jeweiligen Kontext betrachtet werden". Als Kennzeichen der "Hatespeech" zitierte sie unter anderem: "Derealisierung, zum Beispiel verzerrte Aussagen wie: 'Alle Politiker hassen Deutschland'"; eine Gegenüberstellung von "Wir" und "Ihr" als Gruppen; und drittens das "Konstruieren eines Handlungszwangs". Hatespeech dient, so Wizorek, "zur Entmenschlichung der betroffenen Person".

Dass Frau Wizorek ihre Lehrinhalte nicht nur im großen theoretischen Wurf beherrscht, sondern auch in der Lebenswelt erahnt, zeigt das folgende – wahllos herausgegriffene – Zitat aus einem ihrer großen Interviews (Stern, 5. März 2015: "Das bringt ja nichts, wenn alle ausrasten", in Verbindung mit "Sophia Thomallas dreist-dämlicher Auftritt"). Frage des Stern: "Was sind die dümmsten Vorurteile gegen den Feminismus, die Ihnen begegnet sind?" Wizorek: "Die Klassiker wie: Wir hassen alle Männer."

Dieselbe Frau Wizorek stellte also am 4.11. in aller Öffentlichkeit die Frage an den Kolumnisten: "Warum hassen Sie Frauen?" Die Frage kommt offenkundig aus einem Raum vollständiger Selbstgewissheit. Sie ist – "im Kontext" – die kürzestmögliche beispielhafte Zusammenfassung aller Lehrsätze über Demagogik und Ausgrenzung, die tiefstmögliche Entmenschlichung der Konsumenten und die höchstmögliche Verdichtung vorurteilsgesteuert-eindimensionaler Hatespeech nach Maßgabe des Merkmalskatalogs unserer Speakerin herself. Hierbei interessant ist nicht die angestrebte Provokation des Angesprochenen: Wer auf eine derartige Frage antwortet, ist selbst schuld.

Interessant ist vielmehr die Instrumentalisierung der Zuschauer, Leser, Zuhörer. Angewandtes "Medien-Consultung", nach vier Einheiten Vertriebsschulung: Warum lieben Sie Perwoll? Wie enttäuscht sind Sie von ihrer derzeitigen Versicherung? Sollte nicht auch eine Frau wie Sie sich um eine gepflegte Erscheinung bemühen? Wollt ihr den totalen Krieg gegen Keime im Bad?

Man kann (und sollte) über die Frage ein bisschen lachen. Aber das Lachen bleibt einem doch im Halse stecken, wenn man die Gewalt, den Druck, die Starrheit berücksichtigt, mit welcher solches Denken und Reden sich derzeit allenthalben freie Bahn zu schaffen und als "Wir" – gegen das imaginierte "Ihr" – durchzusetzen sucht. Es gibt zwischen "Warum hassen Sie Frauen?" und "Warum hassen Sie das deutsche Volk?", zwischen "Warum schützen Sie Vergewaltiger?" und "Warum wollen Sie die deutsche Bevölkerung austauschen?" keinerlei qualitativen Unterschied: Der eine Frager steht stramm und starrt den imaginären Volksfeind an, die andere Fragerin hampelt hinterm Mikro herum und sagt alles paar Sekunden "genau". Das ist Geschmackssache, die Denke ist dieselbe.

Mir scheint, es gibt in unserer Gesellschaft zwei Methoden, die den Erfolg des Bemühens wahrscheinlich machen: Geld und Opfer-Status. Geld, personifiziert, ist pure Macht. Erst wenn zwanzigmal abgesichert ist, dass Thomas Middelhoff ganz bestimmt pleite ist und auf seinen Ländereien nur noch als Gast (oder Geist) herumspaziert, traut sich die Presse, ihm "knallharte" Fragen zu stellen, als sei er ein Schmarotzer vom Blute der Fleißigen. Opferstatus, personifiziert, ist Anspruch pur: auf Aufmerksamkeit, Zuwendung, Bedeutung, Geld. Und dadurch: auf Macht.