Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Zunächst wie immer: Aktuelles

1. Ein Mailwechsel zur Kolumne.

"Sehr geehrter Herr Fischer, ich zitiere Sie: 'Bei einer Fortbildungsveranstaltung für Richter … hielt mir ein Strafkammervorsitzender Folgendes entgegen: Eine Wortlaut-Protokollierung von Zeugenaussagen sei total unpraktikabel, denn dann müsse eine Strafkammer beim Abfassen der Urteilsgründe ja das ganze Protokoll ja noch einmal lesen. Denn die üblichen eigenen handschriftlichen Notizen seien meistens so falsch oder lückenhaft, dass man daraus gar nicht mehr sicher rekonstruieren könne, was ein Zeuge wirklich gesagt habe …'

Gott sei Dank, dass Sie so etwas schreiben. (…) Ich vermute, dass … viele Ihrer Leser denken, Sie hätten sich die obige Äußerung des Strafkammervorsitzenden nur ausgedacht oder es handle sich um eines Ihrer Späßchen. Bitte stellen Sie klar, dass es wirklich Richter gibt, die solche Sprüche raushauen und es auch ernst meinen. Mit freundlichen Grüßen, N. N."

"Sehr geehrter Herr N.N., Nein, den StK-Vorsitzenden gab/gibt es wirklich. Er kam aus Berlin und meinte es eigentlich richtig gut. TF"

"Sehr geehrter Herr Fischer, ich weiß, dass es diesen Strafkammervorsitzenden gibt. Es gibt ihn auch in Heidelberg, Mannheim und Frankenthal und vor allem in Darmstadt. Aber nur weil ich das weiß, wissen es noch lange nicht alle Ihre Leser (*innen). Bitte sagen Sie Ihren Lesern, dass es solche Strafkammervorsitzenden wirklich gibt! Die halten das sonst für einen besonders ausgefallenen Witz Ihrerseits. Das wäre schade. Mit freundlichen Grüßen N.N."

2. Ein Rechtsfreund!

Deutschland am Rande des Nervenzusammenbruchs. Hillary, Garantin für das Schöne + Rechtmäßige in der Welt, Josefine Blatterin von Woodstock, die lächelndste Helmträgerin nach von der Leyen: Abgemeiert vom Proletariat! Kläglich gescheitert am alten weißen Mann. 625.000 amerikanische Taler war, so hören wir, ihr Höchstpreis für einen Vortrag. Da kann einer auf die Idee kommen, Donald F*** sei einfach die seriösere Variante.

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Überhaupt: Der "alte weiße Mann" darf in keiner seriösen empirischen Aussage über den gegenwärtigen Zustand der Welt mehr fehlen. Er ist die ultimative Verbindung zwischen Wissenschaft und Emotion. Er wurde entdeckt von Menschen, denen im Lebtag noch kein uralter schwarzer oder blutjunger gelber Mann und erst recht keine mittelalte schwarzrote Frau begegnet war, bevor sie von Mama und Papa oder dem Studienwerk einen Aufenthalt an einer echten University in den original USA bezahlt kriegten, das frischgebackene Abitürchen am Heckfenster. Da saßen sie dann im Lesesaal voll grüner Lampen, nahmen ein erstes Buch zur Hand, und jemand aus der Ewigkeit sprach zu ihnen: ja, alte weiße Männer. Und sie, die bisher gedacht hatten, es gebe nur entweder vegane bergwandernde oder süße bouldernde oder krass nerdartige oder papamäßig peinliche Männer, schrieben dann von November bis März das Referat ihres Lebens: Wie ich untersuchte, ob das Cheerleadertum von Frauen zwischen 14 und 23 Jahren getragen wird! Soziologie ist eine wunderbare Wissenschaft! Sie hat zum Beispiel erforscht, dass der Robbenfang der Inuit von krummbeinigen schwarzhaarigen Männern dominiert wird. Kein Wunder, dass es schlecht steht um die Kegelrobbe. Der Feminismus in Schweden hingegen wird getragen von blondhaarigen Frauen zwischen 20 und 60. Praktisch alles dazwischen hat der alte weiße Mann fest in der Hand, selbst das Mercedesfahren in Deutschland.

30 Prozent der glutäugigen Latinos und der noch viel glutäugigerinnen Latinas wählten jedenfalls Herrn Trump, obwohl dieser ihnen entgegengeschleudert hatte, sie seien allesamt Schmarotzer und Vergewaltiger und gehörten in den Ausguss der Schnellrestaurants, in denen sie hochqualifizierten 140 kg schweren 56-jährigen Ex-Rodeo-Reitern die Existenzgrundlage gestohlen hätten. Und wenn schon nicht den Reitern, dann doch mindestens den Eisenbiegern, Zeitungsausträgern und Nebenjob-Inhabern.

Haben Sie, verehrte Narren und Närrinnen, am 9. November, zwei Tage vor Beginn der Helau-Saison 2017, die schöne Sendung Maischberger gesehen? Sahen Sie das Duell des Jahres zwischen der Trump-Erklärerin Nadja Atwal und der Welterklärerin Alice Schwarzer? Wer hat gewonnen? Wir wissen es nicht. Es schrien die Experten umeinander: der Thomas Roth, der Oskar Lafontaine, der Dings von der BILD, ein Herr Hansen. Frau Maischberger, verloren im ewigen Kampf des Maischbergerseins, schrie am lautesten, aber das war eine unfaire Messung, weil dahinter steckt einfach nur die Regie. Ach, was für eine herrliche Vergeudung, und was für ein Gemetzel des Intellekts! Zu einer Tageszeit, da die Minderjährigen noch auf den Sofas saßen und für das Leben lernen sollten.

Ach so: Trump! Deutschland fassungslos. Ein Schreihals-Darsteller ist von Schreihälsen zum Kaiser aller Hälse gewählt worden. Da wackelt Herr Lafontaine verzweifelt mit dem Haupt, Herr Roth mit den Augendeckeln. Herr Hansen aus Amerika sitzt wie vom Donner gerührt. Frau Maischberger lächelt, sie lächelt, sie lächelt, sie hätte noch viele Fragen, aber leider liebe Zuschauer – die Zeit ist um! Danach: Die Börsen, die Börsen! Gestern noch im präsumtiven Trump-Crash, Millionen von Börsianern sprangen vor unserem inneren Auge aus den Fenstern. Heute zeigten sie sich gut erholt mit einem Plus von Zwokommasechs. Es geht schon wieder. Frau Dr. Merkel, so hören wir, sei das einzig verbliebene Trump-Neutralisierungs-Mittel, welches unsere Republik einzubringen hat, eine Art Kaiser-Natron.