Tja, was sagt man da, J.? Sagt man überhaupt irgendwas? Sind das die Bürger, deren Sorgen und Ängste wir – wer immer das sein mag – uns ernst zu nehmen vorgenommen haben? Ehrlich gesagt: Ja. Denn wen sollten wir ernst nehmen, wenn nicht unsere Feinde? Wenn nicht die, die sich eine Freude aus dem Traum machen, uns "die Fresse einzuschlagen", uns zu vernichten, alles in den Dreck zu treten, was unsere Kultur, unsere Freiheit, unsere Möglichkeiten ausmacht?

Täglich hören wir, der Rechtsstaat müsse aufrüsten im Kampf gegen die tödliche Bedrohung durch den Terror. Die fusselbärtigen Koranverschenker wurden kürzlich verboten, und "unfassbar" fand es die Deutsche Polizeigewerkschaft, wie eine sogenannte Ausländerbeauftragte dem Bundesminister des Inneren "in den Rücken gefallen" (Dolchstoß) sei mit dem Hinweis, man möge bitte bei der Verfolgung terrorismusaffiner Mohammed-Jünger "mit Augenmaß" vorgehen. Da sei, so sprach der gewerkschaftsvorsitzende Kriminalkommissar, aber schleunigst ein Machtwort der Bundeskanzlerin fällig. Eiligst schob die unfassbare Arme nach, sie habe das eigentlich anders gemeint, das sei ja alles ein schreckliches Missverständnis, jedenfalls habe der Bundesminister des Innern alles richtig gemacht. Sie habe das mit dem Augenmaß ja nur mal so sagen wollen. Ein schönes Statement, ein wahres Wort. Es wurde übertroffen vom Gregorianischen A-Capella-Chor derjenigen, die uns mitteilten, es sei keinesfalls "mit Augenmaß", sondern "mit ganzer Härte" gegen das islamistische Geschmeiß vorzugehen.

Ich habe an sich gar nichts gegen eine gewisse Härte, solange ihr Inhalt diskutabel bleibt und nicht zum debilen Selbstzweck (siehe oben) erklärt wird. Ganz gewiss habe ich auch nichts gegen die Verfolgung und Bestrafung fanatischer Gewalttäter und Mordgesellen, die im Namen irgendwelcher Außerirdischer unschuldige oder schuldige Menschen massakrieren (wollen). Härte statt Augenmaß zu fordern, erscheint mir allerdings eher eine skurrile Reaktion, die befördert, was sie zu "bekämpfen" vorgibt.

Wir fragen uns bei dieser Gelegenheit wieder: Warum gelten Schmarotzer-Abfackler oder Fresse-Einschlager eigentlich weiterhin als bedauerlich fehlgeleitete sorgenvolle Bürger oder grundgute, aber leider unverstandene deutsche Jungs, und nicht als ultimative Bedrohung des Abendlands, bei deren bloßer Namensnennung das süße Gift des Einsatz-Adrenalins in die vermummten SEKs der Republik fährt? Braucht man außer NSU-Serienmorden und tausend rechtsradikalen Gewalttaten tatsächlich immer noch weitere Anhaltspunkte, um dem "Augenmaß" des entschlossenen Wegsehens ein wenig von der "ganzen Härte" beizugeben?

Zur Sache

Erinnern Sie sich noch, verehrte Leser, an den kürzlich ausgestrahlten Blockbuster Terror? (Hier folgt gleich die erste Abschweifung: Die cineastische Kategorie des Blockbuster ist, dies muss einmal gesagt werden, eine der erbärmlichsten Sprachidiotien aller Zeiten. Selbst in den dunkelsten Zonen des deutschen Privatfernsehens würde man nicht auf die Idee kommen, Florian Silbereisen als "Fassbombe", Günther Jauch als "Splitterhandgranate" oder Simone Thomalla als "taktischen Nuklearsprengkopf" der Filmkunst zu bezeichnen.)

Eine Auswahl der ZEIT-ONLINE-Kolumnen von Thomas Fischer finden Sie auch in seinem Buch "Im Recht. Einlassungen von Deutschlands bekanntestem Strafrichter". Es ist im März 2016 bei Droemer erschienen. © Droemer

In einer bemerkenswerten Szene jenes nervenzerfetzenden Thrillers sagt der Angeklagte zum Vorsitzenden der Großen Strafkammer: Darf ich Ihnen einmal kurz schildern, was meine Beweggründe waren? Nein!, antwortet der Schirach'sche Vorsitzende entschlossen, wir sind hier vor Gericht. Da interessieren Ihre Motive und Sichtweisen überhaupt nicht, sondern nur Tatsachen. Das ist, man kann es nicht anders sagen, ein Höhepunkt an Verdrehung und ein Tiefpunkt an Information.

Denn das genaue Gegenteil ist richtig: Auf die Sichtweise, die Annahmen, die Vorstellungen, die Motive des Beschuldigten kommt es im Strafprozess entscheidend an. Ein Strafrichter oder Strafkammer-Vorsitzender, der einem Beschuldigten untersagt, sich zu seinen Vorstellungen und Motiven zu äußern, würde sich dem dringenden Verdacht der Dienstunfähigkeit wegen Demenz oder der Rechtsbeugung aussetzen.

Um das ein bisschen zu verstehen, muss man drei Szenarien unterscheiden: 1) den deutschen Zivilprozess, 2) den amerikanischen Strafprozess und 3) den deutschen Strafprozess. Die Unterscheidung ist deshalb wichtig, weil sie zugleich ein jeweils verschiedenes Licht auf das Recht selbst und auf den Staat wirft. Denn "das Recht" ist ja, anders als sehr viele Bürger meinen, nicht etwas, was dem Staat – oder sagen wir: der Macht – vorgeordnet ist, eine Art ewiger Schatz, ein Diamant, der von irgendeiner Himmelstreppe auf uns heruntergepurzelt ist und seit Hamurabi von den Gesellschaften immerzu "gefunden" oder "verfehlt" wird wie die Zehn auf der Zielscheibe.