So ist es natürlich nicht; das weiß jeder und jede – behaupten sie, und verhalten sich dennoch oft so, als stimme das nicht. Weder das Recht hat eine absolute Qualität noch die Wahrheit, und erst recht nicht der Zugriff des Rechts auf dieselbe, meint: die Offenheit, die Kenntnisnahme, die Filterwirkung, die Sicherheit, die Methode der Feststellung. Selbst die "Ewigkeits-"Garantien unserer Verfassung gelten nur, solange diese anerkannt wird. Oder meinen Sie, die unter unseren Augen und mit unserer Hilfe zerfallenen Staaten Somalia, Sudan, Irak, Syrien oder Libyen hätten keine "Ewigkeits-"Klauseln gehabt? 

Es ist leicht, mittelalterliche "Wahrheitsprüfungen" für puren Aberglauben zu halten, aber ziemlich schwierig, sie für "illegitim" zu erklären: Dass man im Jahr 850 oder 1210 die Schriften der Herren Descartes und Kant noch nicht gelesen hatte, ist eher Pech als Schuld.

So geht also jede Gesellschaft auf dem jeweiligen Stand ihrer Struktur und dem daraus folgenden Höchststand von Erkenntnisfähigkeit mit der Wirklichkeit und der Wahrheit über Vergangenes um. "Höchststand" deshalb, weil es für eine menschlich (im anthropologischen Sinne) funktionierende Gesellschaft nichts Wichtigeres gibt (das bloße Überleben einmal außer Acht gelassen) als das: Definition von gemeinsamer Wirklichkeit und sozialintegrierende Definition von Vergangenheit im Sinn von "Zuschreibung" von Verantwortung.

Drei Modelle

Unser aktueller Zivilprozess fußt auf der Fiktion (Achtung: Das halten viele wahrscheinlich schon wieder für einen Kampfbegriff, sie würden formulieren: Annahme oder Erkenntnis), der Mensch sei – als Wesen oder jedenfalls Bürger – ein in sich begründetes, ruhendes, bestimmtes Ausgangszentrum von "Autonomie". Ein vernünftiger Mensch sei also "Person", und trete mittels "Rechtsfähigkeit" in die reale Welt ein. "Die Rechtsfähigkeit des Menschen beginnt mit der Geburt", formuliert Paragraf 1 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) vom 1. Januar 1900, und meint damit: Egal, was ein Mensch als biologisches Wesen auch immer sein mag – wir reden über Recht und über die (überaus voraussetzungsvollen) Folgen daraus. 

Deshalb versuchten nationalsozialistische Zivilrechtsprofessoren in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, Paragraf 1 BGB zu ändern. Eine Unterscheidung zwischen "Mensch" und "Jude" müsse her, forderte der Kieler Professor für Bürgerliches Recht, Wolfgang Siebert, damit man den Juden zukünftig aus dem Recht ausscheiden könne.

Ab 1950 lehrte Herr Siebert wieder in Göttingen und Heidelberg; er war Doktorvater des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Als der Kolumnist dies einmal kritisch erwähnte (in der Festschrift für Rissing-van Saan, 2010), schrieb ihm ein berühmter Strafrechtslehrer, der Sieberts Nachkriegslehre sehr gelobt hatte: "Wir Studenten der Nachkriegszeit (er meinte 1953) hatten Besseres zu tun, als uns mit Einzelheiten des Lebenslaufs unserer Lehrer zu befassen", und kündigte dem Kolumnisten jeglichen kollegialen Kontakt auf.

Das Recht des Zivilprozesses geht – vereinfacht – davon aus, dass jede Partei (also eine von zwei streitenden Seiten) in ihrem eigenen Interesse vortragen, bestreiten, unter Beweis stellen wird, was ihrem Prozess-Ziel nutzt. Juristisch ausgedrückt: Dispositionsgrundsatz, Beibringungsgrundsatz. Wenn Frau A der Frau B ihr Auto geliehen hat und B es nicht zurückgibt, kann A frei darüber entscheiden, ob sie B verklagen will oder nicht. Tut sie es, kann B  frei darüber entscheiden, ob sie Einwendungen erhebt und unter Beweis stellt, dass es sich in Wahrheit um eine Schenkung gehandelt habe. Nach diesem Muster entfaltet sich im Grundsatz der ganze Zivilprozess.

Wahrheit spielt da nur eine sekundäre, vermittelte Rolle. Wenn Frau B die Leihe bestreitet und Schenkung behauptet und Frau A deshalb den Zeugen X benennt zum Beweis der Tatsache, dass bloß die Leihgabe vereinbart war, muss der Zeuge X zwar die Wahrheit sagen. Aber die Beweiswürdigungen der Zivilgerichte sind, wie die Parteien immer wieder schmerzlich zur Kenntnis nehmen müssen, im Durchschnitt sehr schematisch und wenig tiefschürfend: Wenn Zeuge X sagt, dass er hörte, wie die A "Leihe ich dir" sagte, und der von B aufgebotene Zeuge Y sagt, dass er hörte, wie die A "Schenke ich dir" sagte, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Klage im Nirwana endet, also hier in der Abweisung wegen "Unerweislichkeit" der Klagebehauptung. Rapp-Zapp, nächster Fall.