Da weint der Unterlegene noch ein Weilchen, lässt eine Berufung schreiben von einem, den er am Stammtisch sonst gern "Rechtsverdreher" schimpft, weil er genau weiß (bzw. veranlasst oder verlangt), dass sein Anwalt für Geld die Unwahrheit sagt, ebenso wie der Anwalt der Gegenseite. Wenn er verliert, denkt er, der "Rechtsverdreher" des Gegners sei geschickter oder noch skrupelloser gewesen als der eigene. Spiegelbildlich preisen der Gewinner und seine Rechtsanwältin die eigene "Geschicklichkeit". An beiden Positionen haftet Modergeruch und Unehrlichkeit: Eine stillschweigende Übereinkunft, dass nicht Wahrheit das herausragende Ziel des Zivilprozesses sei, sondern etwas, das man (überaus euphemistisch) Rechtsfrieden nennt, oder jedenfalls Rechtskraft.

Nicht unähnlich funktioniert die Wahrheitsfindung im amerikanischen Strafprozess (auch hier vereinfacht): Partei ist hier einerseits der Staat (vertreten durch eine Staatsanwaltschaft), andererseits der Beschuldigte. Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage oder auch nicht, wie sie will. Sie disponiert also über die Verfolgung und den sogenannten Strafanspruch, wie in Deutschland ein Gläubiger über seinen Anspruch gegen den Schuldner. Wenn sie Anklage erhebt, vertritt sie diese: Sie ist also parteiisch, einseitig, voreingenommen, sie will die Verurteilung erreichen.

In den Filmen, die wir in Kopf, Seele und Herz aufgesogen haben, hängen sich der zuständige (entweder mutterseelenallein gegen eine schreckliche Verschwörung kämpfende oder schmierig-korrupte Staatsanwalt) oder die (entweder fanatisch-dumme oder naiv-aufklärerische) Staatsanwältin so richtig rein und erklären den (Film-)Geschworenen, was für ein schlechter Mensch der Beschuldigte ist und warum es keine andere Möglichkeit gibt, als dass er der lange gesuchte Serienmörder sei.

Dann kommt der Verteidiger in Gestalt von Atticus Finch (Gregory Peck) oder Deck Sifflet (Danny DeVito), hängt sich seinerseits auch mächtig rein, aus Geldgier oder purer Liebe zur Gerechtigkeit, und haut den Beschuldigten raus, selbst wenn er der Teufel persönlich ist (was dann wiederum eine schöne blonde Gerechtigkeitskönigin – Witherspoon, Johansson, notfalls Elke Sommer oder die Kessler-Zwillinge – und/oder einen desillusionierten, aber im Kern guten ehemaligen CIA-Agenten – Hackman, Costner, notfalls Lauterbach – dazu bringt, die ganze Sache für das Remake noch mal aufzurollen.)

Oben sitzt jedenfalls, Charles Laughton lässt grüßen, ein weiser oder unweiser Richter, haut mit einem Hämmerchen auf ein Holzklötzchen und belehrt die Parteien, die ständig "Einspruch, Euer Ehren!" rufen, darüber, was sie dürfen oder nicht ("Einspruch abgelehnt"). Das alles hat mit dem bei uns geltenden Strafprozess fast gar nichts zu tun, auch wenn das von 90 Prozent der Bevölkerung geglaubt wird.

Erforschung der Wahrheit

"Das Gericht hat zur Erforschung der Wahrheit die Beweisaufnahme von Amts wegen auf alle Tatsachen und Beweismittel zu erstrecken, die für die Entscheidung von Bedeutung sind."

Das ist der Wortlaut von Paragraf 244 Absatz 2 unserer Strafprozessordnung. Schon ein erstes Lesen drängt die Annahme auf, dass hier etwas ganz anderes beschrieben wird als im US-Strafprozess oder im deutschen Parteienprozess des Zivilrechts: Hier hat "das Gericht" (das ist, wir sagen es immer wieder gern, nicht der Vorsitzende, sondern der zuständige "Spruchkörper", also alle beteiligten Richter, gleichberechtigt) das Sagen, also der Staat, und zwar "von Amts wegen". Das bedeutet: auch ohne jeden Antrag, sogar gegen Anträge, einfach nur aufgrund einer gesetzlichen Pflicht zur Aufklärung, die dem Gericht auch nicht abgenommen werden kann.

Letzteres wird oft und auf verschiedenem Weg versucht. Der wichtigste ist die sogenannte "Absprache im Strafprozess": Was schert uns die Wahrheit, wenn es einfacher geht, fragen und missverstehen viele. Auch Richter, Staatsanwälte, Verteidiger sind leider darunter. Sie bewegen sich damit aber außerhalb des gesetzlich Zulässigen. Denn sogar die gesetzliche Grundnorm über die Absprache ordnet an: "Paragraf 244 Absatz 2 bleibt unberührt"; das heißt: Die Aufklärungspflicht gilt auch hier und geht im Zweifel vor.