Die deutschen Behörden haben gegen den mutmaßlichen Attentäter vom Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche bereits früh wegen unterschiedlicher Identitäten ermittelt. Nach Angaben eines Sprechers der Staatsanwaltschaft Duisburg hatte die Behörde im April ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugs gegen den Tunesier eröffnet. Demnach hat Amri im November 2015 unter zwei Namen Sozialleistungen in Emmerich und in Oberhausen beantragt. "Es geht um eine Überschneidungszeit von wenigen Tagen", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Im November sei das Verfahren eingestellt worden, weil nicht bekannt gewesen sei, wo sich Amri aufhalte.

Ähnliche Probleme hatten nach einem Bericht des Spiegel auch Fahnder in Berlin. So wurde Amri auch bei der Berliner Staatsanwaltschaft aktenkundig und zwar bereits im Jahr 2015. Damals soll er auf dem Gelände des Berliner Landesamts für Gesundheit und Soziales (Lageso), wo der Tunesier offenbar unter dem Namen "Ahmad Zaghoul" auftrat, einem Wachmann mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Das Verfahren wurde eingestellt, weil "Zaghoul" nicht auffindbar war.

Wie der Spiegel weiter berichtet, soll das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) Amri später absichtlich unter einem falschen Namen geführt haben, um ihn trotz laufender Ermittlungen in Sicherheit zu wiegen. Demnach handelte das Bamf so auf Bitten der Sicherheitsbehörden, die bei einer Besprechung im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) im März an einen damals anwesenden Vertreter der Behörde weitergegeben wurden. So ließ das Bamf Amri in dem Glauben, es kenne seinen richtigen Namen nicht. Die Ausländerbehörde in Kleve stellte daraufhin eine Duldungsbescheinigung aus – auf Ahmed Almasri.

Nach Angaben des Recherchenetzwerks von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR soll der mutmaßliche Attentäter von Berlin zwischen Februar und November 2016 mindestens sieben Mal Thema im GTAZ gewesen sein. Behördenunterlagen, die nur fünf Tage vor der Tat entstanden, würden seinen Werdegang in Deutschland beschreiben. Demnach suchte Amri im Internet Anleitungen für den Bau von Rohrbomben und knüpfte im Februar Kontakt zur Terrormiliz "Islamischer Staat", der er sich als Selbstmordattentäter angeboten habe. Mindestens zwei Mal wurde dem Bericht zufolge im GTAZ die Frage diskutiert, ob Amri einen konkreten Anschlag in Deutschland plane. Beide Male wurde dies demnach als unwahrscheinlich eingestuft.

Der 24-jährige Amri soll für den Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt nahe der Berliner Gedächtniskirche verantwortlich sein. Am 19. Dezember soll er mit einem Lastwagen in den Weihnachtsmarkt gefahren sein; Fingerabdrücke des Tunesiers fanden sich am Sattelschlepper. Zwölf Menschen wurden bei dem Anschlag getötet, mehr als 50 teils schwer verletzt. Auf seiner Flucht wurde Amri am Freitag vor Weihnachten in Italien von Polizisten erschossen.

Derweil beantragte die Opposition im Düsseldorfer Landtag eine Sondersitzung des Innenausschusses des Parlaments gleich zu Beginn des neuen Jahres. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur haben die Fraktionen von CDU, FDP und Piraten einen gemeinsamen Brief an Landtagspräsidentin Carina Gödecke geschrieben. "Wenn die Enthüllungen stimmen, dass ein ausreisepflichtiger terroristischer Gefährder, der den Behörden bekannt ist, sich völlig frei bewegen und in radikalen Moscheen im Ruhrgebiet ungestört Hass predigen kann, dann ist dies der absolute Tiefpunkt von sechs Jahren rot-grüner Innenpolitik in NRW, der jetzt schonungslos aufgeklärt werden muss", sagte der nordrhein-westfälische CDU-Chef Armin Laschet. Nordrhein-Westfalen war einer Hauptaufenthaltsorte Amris; nach Recherchen des WDR soll er im Ruhrgebiet deutlich besser vernetzt gewesen sein als bislang angenommen.