Am vergangenen Freitag, lange bevor ein Sattelschlepper in Berlin zur Mordwaffe wird, steigt ein Mann in die Führerkabine seines Lastwagens und startet den Motor. Gerade haben Mitarbeiter einer Stahlfirma in Turin die Ware im Auflieger verstaut: 25 Tonnen Baustahl. Der Mann soll das Material von Italien nach Deutschland bringen. Das Ziel ist eine Niederlassung des Stahlkonzerns ThyssenKrupp in Berlin. Rund 1.200 Kilometer Fahrt liegen vor ihm, am Montag soll er in der Hauptstadt sein.

Der Mann heißt Lukasz U., ist 37 Jahre alt und lebt mit seiner Frau und seinem 17 Jahre alten Sohn in Polen. Er ist stämmig und schwer, wiegt fast 130 Kilogramm. So beschreiben ihn seine Kollegen. Sie nennen ihn "Inspektor", weil sich der Fahrer so penibel an die gesetzlichen Vorgaben hält. Lukasz U. ist seit 15 Jahren im Geschäft, viel war er schon in Europa unterwegs. Nur in Berlin war er bisher selten.

Der Truck, so steht es in den Büchern der polnischen Spedition Żurawski, für die Lukasz U. arbeitet, ist ein neuer, schwerer Sattelschlepper der Marke Scania. Er hat erst 70.000 Kilometer auf dem Tacho. Der Wagen ist dunkelgrau lackiert, eine schwarze Plane verdeckt die Ladung. Ein modernes Fahrzeug, mit dem sich die Spedition auf ihrer Homepage rühmt.

Die Route des Sattelschleppers

Eine Fahrt von Turin nach Berlin ist für die Spedition Żurawski nichts Besonderes. Die polnische Firma aus Sobiemyśl, einem kleinen Ort rund 45 Kilometer südöstlich von Stettin, schickt regelmäßig Laster durch ganz Europa. Als das Unternehmen 2005 gegründet wurde, hatte es nur einige Kleintransporter in seinem Fuhrpark. Heute fährt Żurawski die Ware in acht dicken Trucks von bis zu 40 Tonnen nach Deutschland, Italien oder Dänemark. In Lkw wie jenem, in dem Lukasz U. nun nach Berlin unterwegs ist.

Die Fahrt wäre nicht der Rede wert, ein Transport von vielen, hätte der Truck am Montag nicht elf Menschen getötet und 45 verletzt, als er über den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche donnerte. Seither ist es von Belang, zu verstehen, wie der Lastwagen in die Hauptstadt kam, wer ihn steuerte und am Ende zur Mordwaffe umfunktionierte. Auch wenn die Erklärung noch viele Lücken aufweist, lässt sich der Weg des Trucks anhand von GPS-Daten, Zeugenaussagen und Behördenangaben rekonstruieren.

Drei Tage ist Lukasz U. mit der Ladung Stahl von Turin nach Berlin unterwegs. Am Montagmorgen gegen neun Uhr biegt er in das Friedrich-Krause-Ufer im Berliner Stadtteil Moabit ein, eine ruhige Straße am Nordhafen. Hier hat ThyssenKrupp eine Niederlassung.

Die Ladung kam zu früh

Lukasz U. will seine Ladung dort löschen und mit einer neuen Fuhre weiter nach Dänemark fahren. Doch die Mitarbeiter von ThyssenKrupp weisen ihn ab. Der Konzern wird später angeben, dass das Lager noch nicht bereit gewesen sei, um das Material aufzunehmen. Zudem habe die polnische Spedition die Ladung einen Tag zu früh geliefert. Der Transportleiter von Żurawski, Lukasz Wasik, bestätigt, dass ThyssenKrupp den Fahrer abgewiesen hat. "Man hat ihm gesagt, er solle am nächsten Tag kommen", sagt Wasik.

Lukasz U. steuert den Lastwagen vom Gelände von ThyssenKrupp herunter und parkt ihn unweit der Niederlassung. Das geht aus GPS-Daten des Lastwagens hervor, die die Spedition ausgewertet hat. Auch der Transportleiter Wasik bestätigt das im Gespräch. Danach hat die Firma offenbar nur noch Telefonkontakt zu ihrem Fahrer. Im polnischen Fernsehen wird der Chef der Spedition, Ariel Żurawski, später sagen, dass er bis gegen 15 oder 16 Uhr noch gewusst habe, was mit dem Lastwagen los sei. "Lukasz hat mir sogar ein Foto aus dem Döner-Laden geschickt, in dem er gegessen hat." Danach bricht der Kontakt zu dem Mann im Truck vollständig ab.

Was in diesen Nachmittagsstunden geschieht, ist bisher unklar. Die GPS-Daten der Spedition liefern jedoch Anhaltspunkte. Das polnische Internetportal money.pl hat sie veröffentlicht, ZEIT ONLINE hat versucht, sie so weit wie möglich zu verifizieren. Demnach versucht um 15.44 Uhr jemand, den Lkw zu starten. Von 16.32 Uhr bis 17.34 Uhr ist der Motor wieder in Betrieb. Danach wird der Lkw noch mehrmals gestartet und bewegt. "Es sieht so aus, als ob jemand versuchte, sich mit dem Fahrzeug vertraut zu machen. Ein erfahrener Fahrer macht es nicht. Auch nicht, um die Kabine zu wärmen. Dafür gibt es andere Systeme", heißt es seitens der Spedition.

Anschlag in Berlin - So gelangte der Lkw zum Weihnachtsmarkt Bei dem Anschlag am Montagabend wurden 12 Menschen getötet, es gibt viele Verletzte. Unsere Video-Grafik zeigt die Route des Lkw, mit dem der Täter auf den Weihnachtsmarkt fuhr.

Um 19.37 Uhr beginnt die letzte Fahrt

Um 19.37 Uhr macht sich der Truck schließlich auf seine Fahrt ins Stadtzentrum. Eine Stichstraße nach Süden hinunter, vorbei an Fabrikgebäuden, vorbei am Berliner Tiergarten, über mehrspurige Straßen, durch dichten Verkehr. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Fahranfänger diese Strecke mit einem Sattelschlepper zurücklegen kann. Vielleicht fuhr der Attentäter selbst, weil er geübt war. Vielleicht zwang er Lukasz U. dazu, den Lkw zu steuern. Um 20.02 Uhr rast der Sattelschlepper schließlich in die Menschenmenge am Breitscheidplatz. Als die Polizei den Wagen später untersucht, findet sie den polnischen Fahrer erschossen auf dem Beifahrersitz.

Was seinem Angestellten zugestoßen ist, erfährt Ariel Żurawski spät in der Nacht zum Dienstag. "Die Polizei hat mich informiert, dass der Tote in der Kabine mein Fahrer ist", sagte er am Dienstag der polnischen Presse. Zuvor hatte er seinen Fahrer und Cousin auf einem Foto identifiziert, das ihm die Polizei gezeigt hatte. "Der Leichnam sah schlimm aus." Nun ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Stettin. Wegen Mordes.