"Es macht mich so wütend" – Seite 1

Shakiba aus Afghanistan befand sich am vergangenen Abend nur ein paar Gehminuten vom Anschlagsort am Breitscheidplatz entfernt. Ihr gingen die gleichen Gedanken durch den Kopf wie so vielen anderen Berlinern auch in diesem Moment: Was passiert hier gerade? "Auf den Weihnachtsmarkt sind wir auch oft gegangen", sagt sie. Shakiba wohnt mit 360 anderen Flüchtlingen in einem ehemaligen Hotel An der Urania. "Wir kennen solche Anschläge aus Afghanistan", sagt sie. Zu hören, dass möglicherweise ein Flüchtling tatverdächtig sein könnte, macht sie traurig.

Ausgerechnet heute, einen Tag nach dem Anschlag, soll in ihrer Notunterkunft die Weihnachtsfeier stattfinden. Im Foyer steht ein Tannenbaum, geschmückt mit goldenem Lametta und Kugeln aus Papier, bemalt von den Kindern der Bewohner. Es wird Geschenke und Süßigkeiten geben, die Kinder werden ein Theaterstück aufführen. Ein Mann läuft mit einer Weihnachtsmannmütze über den Flur. Sein akkurat rasierter Bart ist weiß geschminkt.

Zur gleichen Zeit ist immer noch wenig über die Hintergründe des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche bekannt. Zu den gesicherten Fakten gehört, dass ein Lkw am Montagabend ungebremst in den Markt fuhr und dabei zwölf Menschen tötete. Offen ist aber, wer der Täter war, woher er stammte und warum er die Tat beging. Die Polizei hatte zwar vorübergehend einen pakistanischen Flüchtling festgenommen. Aber da sich der Verdacht gegen ihn nicht erhärtete, wurde der Mann am Dienstagabend wieder freigelassen.

Es könnte ein anderer Flüchtling gewesen sein – aber das lässt sich weder ausschließen noch bestätigen. AfD und NPD kümmern die vielen offenen Fragen nicht. Die Opfer seien "Merkels Tote", twitterte der nordrhein-westfälische Landtagsvorsitzende der AfD, Marcus Pretzell. Die Berliner NPD hat für Mittwoch zu einer Demo aufgerufen: "Grenzen dicht machen – An Merkels Händen klebt Blut".

Anruf aus Syrien

Die Afghanin Nafise (l.) mit einer anderen Bewohnerin des Flüchtlingsheims

Viele Berliner erhielten am Abend zuvor Nachrichten von ihren Freunden und Familien, die sich erkundigten, ob es ihnen gut gehe. Auch bei Nafise im ehemaligen Hotel An der Urania klingelte das Telefon. Während sie auf ihrem Zimmer die Nachrichten im Fernsehen verfolgte, riefen Freunde an und erkundigten sich. Einer ihrer Mitbewohner, er stammt aus Syrien, sagt: Selbst seine Mutter, die noch in dem Bürgerkriegsland ist, habe sich besorgt bei ihm gemeldet.

"Die Menschen leben hier in Nachbarschaft mit dem Ku'damm, mit den Touristen", sagt Friedrich Kiesinger, der die Unterkunft leitet. Ein Sicherheitsmann habe den Anschlag beobachtet, als er gerade in der Nähe unterwegs war. "Alle hatten Angst, dass auch Bewohner unter den Opfer sein könnten", sagt Kiesinger. Viele Jugendliche seien abends draußen und auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz unterwegs. Inzwischen wissen sie, dass niemandem etwas passiert ist. Dafür verbreiteten sich nun andere Sorgen, sagt Kiesinger: Könnte das Asylrecht verschärft werden?

Das sind Ängste, die auch andere Flüchtlinge teilen. "Es ist schrecklich. Ich habe die ganze Nacht Nachrichten gesehen", sagt Meera Jamal. Sie lebt in Wiesbaden und ist 2008 nach Deutschland gekommen, nachdem sie wegen ihrer Arbeit als Journalistin in ihrer Heimat Pakistan von Islamisten bedroht wurde. 

Dass jemand aus Pakistan verdächtigt wurde, den Laster gesteuert zu haben, schockiert sie. Sie weist aber auch darauf hin, wie unklar die Lage derzeit ist.

"Die Angst vor der AfD ist groß"

Sie gehe gerne auf den Weihnachtsmarkt, Glühwein trinken. "Ein Bekannter aus Pakistan hat mir jetzt geschrieben: Pass auf dich auf, geh nicht raus." Auch in einer Facebook-Gruppe pakistanischer Frauen in Deutschland habe eine von ihnen gepostet, sie alle sollten nicht rausgehen, bevor klar ist, was es mit dem Anschlag auf sich habe. Aus Angst vor Terrorismus – aber auch aus Furcht vor Reaktionen aus der Bevölkerung. "Die Angst vor der AfD und ihren Anhängern ist groß, auch vor dem Anschlag war sie das schon", sagt Meera Jamal.

Es gehe ihr schlecht, sagt sie. "Ich bin Atheistin, aber ich werde Weihnachten mit meiner Nichte und meinem Neffen feiern. Doch dieses Jahr wird es nicht dasselbe sein."

"Diese Tat wird unsere Anstrengungen zerstören"

"Ich verurteile diesen Anschlag", sagt Rami Abo Zarad, "doch ich weiß, dass er auf alle Flüchtlinge in Deutschland zurückfallen wird." Der Dreißigjährige stammt aus Syrien und lebt in einer Turnhalle in Berlin-Pankow. Er habe Angst, sagt er. Davor, dass es noch schwieriger werde, sich zu integrieren, und vor den politischen Folgen: "Die Gesellschaft, die uns willkommen geheißen hat, wurde womöglich von einem von uns angegriffen. Ich befürchte, dass sie es jetzt bereuen könnte. Natürlich stärkt das die fremdenfeindliche Rhetorik."

Abo Zarad selbst hat ein Jobangebot einer Universität, aber er kann es nicht annehmen, solange sein Asylantrag nicht bewilligt ist. Darauf wartet er bereits seit über einem Jahr. "Egal, welche Anstrengungen wir in den vergangen Monaten geleistet haben, diese Tat wird so viel davon zerstören", sagt er. "Es macht mich so wütend."

Ahmad aus Syrien vor dem alten Hotel. Sein Gesicht wollte er nicht fotografieren lassen.

Draußen vor dem alten Hotel nahe dem Breitscheidplatz zieht zäh der Verkehr vorbei. An der nächsten Kreuzung hat die Polizei mit zwei Streifenwagen und Blaulicht noch die Straße gesperrt. Vor der Tür des Heims steht Ahmad aus Syrien. "Ein Freund hat mich gestern Abend angerufen und sagte: Geh nicht raus", berichtet er. Jetzt hat er Angst, dass sich etwas verändert bei der Stimmung in Deutschland und den Menschen.

"Wir kommen doch schon aus dem Krieg", sagt er. Gegenüber ist eine Veranstaltungshalle, auf schwarzem Grund prangt auf einem Bildschirm an der Fassade: Trauer ja, Angst nein – wir leben Freiheit.

Der Besuch des Weihnachtsmarkts hat für Shakiba aus Afghanistan bisher Freiheit bedeutet. "Ich wollte Neues kennenlernen, aber jetzt bin ich unsicher." Ihre große Angst: "Wenn im Fernsehen von kriminellen Afghanen die Rede ist, denken die Leute, alle sind so." Dabei machen die Flüchtlinge in dem alten Hotel im Herzen Berlins genau das, was der oder die Täter bekämpfen wollten. Sie feiern Weihnachten.