Berlin-Neukölln, das Gedränge ist groß im Café, es riecht nach Rührei, Kellner flitzen mit Tabletts umher. "Müssen die alle nicht arbeiten?", murmelt einer, der von draußen reinschneit und sich wundert, dass hier kein Platz mehr frei ist, aber selbst erst um 11.43 Uhr ans Frühstücken denkt. Dann wird es kurz laut, es scheppert, ein Teeglas rutscht einem der Kellner vom Unterteller und knallt auf den gescheuerten Betonboden. Eine Blondine tastet hastig ihren teuer aussehenden Mantel ab, der über der Lehne ihres Stuhles hängt. "Keine Angst, ist nichts passiert", versichert ihr der Kellner. Alles trocken. Sie lächelt etwas gequält.

Keine Angst, ist nichts passiert. Das ist ein Satz, der dann doch verhältnismäßig einfach über die Lippen geht, 48 Stunden nach dem Anschlag vom Breitscheidplatz, jener feigen Attacke, bei der am Montagabend zwölf Menschen auf einem Berliner Weihnachtsmarkt ums Leben kamen. Was da passiert ist, ist eigentlich unfassbar: Irgendjemand (die Polizei sucht noch nach einem Verdächtigen) hegt einen derartigen Hass oder Lebensmüdigkeit, dass er mit einem Lkw in eine Menschenmenge raste.

Es wäre nicht der erste Anschlag in diesem Jahr in Deutschland. Aber mit einem Mal, da sind sich alle so gut wie einig, scheint der Terror in der Hauptstadt angekommen zu sein. Nur: Ist er das wirklich? Hat er Berlin auch erreicht, im Sinne von berühren, aus der Routine geschmissen? Oder ganz stumpf formuliert: Lässt sich davon überhaupt jemand hier beeindrucken?

In dem Café kreisen die Gespräche um vergessene EC-Karten im Bankautomaten, um Abschlussarbeiten nach den Semesterferien, um Weihnachtsgeschenke für die Verwandten und Mitfahrgelegenheiten in die pfälzische Heimat. Hier in Berlin-Neukölln, sechs Kilometer Luftlinie vom Tatort, ist der Terror etwa so weit entfernt wie die Avocados, die hier massenweise auf Toastbrot bestellt werden, von ihrer Ursprungsplantage.

Draußen ums Eck weht ein eisiger Dezemberwind auf der Karl-Marx-Straße. Gemüsehändler haben die Kragen ihrer Westen hochgestellt. Der Qualm ihrer Pausenzigaretten zieht nur kurze Schweife in der kalten Luft. Auch hier spielt der Terror nicht die erste Geige, eher das Parken in der zweiten Reihe. Irgendwie müssen die Mandarinenkisten ja von der Ladefläche zur Ladenfläche kommen. Wer da als Autofahrer wild rumhupt, statt um die Transporter und ihre ausladenden Fahrer zu navigieren, bekommt einen Spruch gedrückt: "Reg dich ab, Kollege. Da pass ich mit’m Panzer durch."

Panzer auf Berliner Straßen, soweit ist es noch nicht – beziehungsweise: war es lange nicht mehr. Sicher doch, da draußen läuft jemand rum, der zwölf Menschen auf dem Gewissen hat. Aber in Berlin haben sie den Zweiten Weltkrieg überstanden, die Luftbrücke, die Honeckers, sogar Thilo Sarrazin. Hier kommt die Love Parade her, hier soll der BER gebaut werden, hier steckt in Brillengestellen Fensterglas. Wenn irgendwer den Durchblick behält und womöglich eine charmant-rotzige Antwort auf anormale Umstände findet, dann die Berliner.

Wer sich mal länger im englischen Sprachraum aufhält, stößt in Verbindung mit Deutschlands historischer Rolle als Nation auf der Weltbühne immer mal wieder auf den Begriff German Angst. Der Deutsche, will uns der Angelsachse weismachen, sei ein schöner Angsthase, der sich ganz seiner unbegründeten Furcht ergibt. Stimmt das?

Berlin - "Euer Hass ist unser Ansporn" Am zweiten Abend nach dem Terroranschlag demonstrierten in Berlin linke und rechte Gruppierungen. Dabei kam es auch zu unangekündigten Aktionen Rechtsextremer. © Foto: ZEIT ONLINE