Rachat Alijew, der frühere Schwiegersohn des kasachischen Präsidenten und zeitweise Österreichs prominentester Häftling, soll ermordet worden sein. Das geht aus einem neuen Gutachten hervor, das Alijews Anwälte beim renommierten deutschen Rechtsmediziner Bernd Brinkmann in Auftrag gegeben hatten. Es ist eine spektakuläre Wende in einem Kriminalfall, der in Österreich seit Jahren Schlagzeilen macht. Es geht um Korruption, Geldwäsche, politische Intrigen, nicht zuletzt um: Mord.

Der ehemalige Geheimdienstchef und Botschafter seines Landes in Österreich wurde im Februar 2015 tot in einer Wiener Gefängniszelle gefunden. Ein Wärter und eine Krankenschwester entdeckten ihn in seinem Bad, mit einer verknoteten Mullbinde um den Hals, aufgehängt an einem Kleiderhaken. Nach der ersten Obduktion stand für die Ermittler fest, dass Alijew sich selbst das Leben genommen hatte. Zwei weitere Gutachter stellten darauf ebenfalls einen Suizid durch Erhängen als Todesursache fest.

Qualvoll erstickt

Doch das ist für den Rechtsmediziner Brinkmann schlicht "nicht möglich". Vielmehr sei Alijew durch eine so genannte Perthes'sche Druckstauung getötet worden. Der oder die Täter müssen sich auf ihn gesetzt und ihm so den Brustkorb zusammengedrückt haben. Zusätzlich haben sie ihm Nase und Mund zugehalten. Er ist qualvoll erstickt. Und wurde wohl erst nach seinem Tod aufgehängt. "Es handelt sich damit um eine Tötung durch fremde Hand", schließt das Gutachten, das der ZEIT vorliegt.

"Dass man erst als Opferanwalt auf eigene Kosten die Wahrheit erfährt, ist nicht nur rechtsstaatlich bedenklich, sondern schlicht ein Skandal", sagte Alijews Verteidiger Klaus Ainedter der ZEIT.

Weggelobt nach Wien

Zumal es sich bei diesem Häftling um den wohl prominentesten des Landes handelte. Rachat Alijew war ein mächtiger Mann in Kasachstan gewesen, viele Jahre lang war er mittendrin im engsten Zirkel des kasachischen Autokraten Nursultan Nasarbajew, verheiratet mit dessen Tochter Darigha. In den Wirren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war er in dem rohstoffreichen Land schnell aufgestiegen, führte zunächst eine Bank, wurde später Chef der Steuerfahndung, stellvertretender Außenminister, Vizegeheimdienstchef, verdiente Dutzende Millionen.

Rachat Alijew Nasarbajew © Shamil Zhumatov/​Reuters

Doch dann überwarf er sich mit Nasarbajew und wurde nach Österreich weggelobt. 2007 setzte der Präsident seinen Schwiegersohn als Botschafter in Wien ab. In Abwesenheit wurde er in Kasachstan zu zweimal 20 Jahren Straflager verurteilt, unter anderem wegen der Bildung einer mafiösen Vereinigung und der Planung eines Staatsstreichs. Mit aller Macht versuchte Nasarbajew, seinen einstigen Zögling zurück ins Land zu holen, doch Österreich lieferte ihn nicht aus, da er in seinem Heimatland nicht mit einem rechtsstaatlichen Verfahren rechnen könne. Insgesamt drei Mal versuchte der kasachische Geheimdienst, Vertraute von Alijew aus Österreich zu entführen.

Freigesprochen

Alijew gab sich stets als politisch Verfolgter, all die Vorwürfe gegen ihn – Geldwäsche, Erpressung, Mord – seien nur erfunden. Auch jener, für den er sich nur wenige Monate nach seinem Tod vor dem Wiener Straflandesgericht hätte verantworten müssen: Gemeinsam mit zwei anderen Männern soll er zwei Angestellte seiner Bank, die ihn um Geld betrogen haben sollen, auf bestialische Weise umgebracht haben. Wegen dieses Vorwurfs saß Alijew in Untersuchungshaft. Er hatte sich selbst gestellt und stets betont, mit der Tat nichts zu tun zu haben. Die beiden anderen wurden in einem komplexen Verfahren mit enorm schwieriger Beweisführung inzwischen vom Vorwurf des Mordes freigesprochen – und Alijew damit posthum auch.

Der 52-Jährige war ein gerissener Geschäftsmann, mit exzellenten Kontakten zu österreichischen Spitzenpolitikern und Wirtschaftsführern. Der heutige österreichische Justizminister Wolfgang Brandstetter etwa war einst sein Anwalt, begleitete ihn in den Auslieferungsverfahren – und verschaffte ihm eine Meldeadresse in Niederösterreich, die über eine Gesellschaft Brandstetter zuzuordnen war.

Lesen Sie am Donnerstag die ausführliche Geschichte um den Tod von Rachat Alijew in der neuen Ausgabe der ZEIT.