Der Onlineshop von "Migrantenschreck". © Michael Pfister für ZEIT ONLINE

Die Besteller kommen aus der ganzen Republik. Die meisten Kunden wollten den handlichen Revolver haben, der Hartgummikugeln mit 80 Joule verschießt – so wie der Fleischer M. aus Berlin. Das Modell wurde 84 Mal verlangt. Andere Besteller entschieden sich für die Flinte oder das Gewehr, das einer Kalaschnikow ähnelt. Auch eine kleine Pistole für "jede Frauenhandtasche" gibt es.

Für den Betreiber von Migrantenschreck ist das ein großes Geschäft. Der beliebte Revolver kostet schon 349 Euro, die falsche Kalaschnikow sogar 749 Euro. Manche der Besteller gaben bis zu 4.000 Euro aus. Seit Mai, so zeigen die Daten, hat der Onlineshop 110.000 Euro umgesetzt.

All diese Waffen sind in Deutschland nicht zugelassen. Hierzulande ist es verboten, durch den Lauf einer Schreckschusswaffe ein Geschoss zu treiben, zumal mit solcher Kraft. Schreckschusspistolen dürfen in Deutschland höchstens 7,5 Joule entwickeln, nicht 80 oder 120 wie die Modelle aus dem Onlineshop.

Ingo Meinhard hat gesehen, was die Waffen anrichten können. Er ist Geschäftsführer des Verbands Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler. In einem Prüfinstitut konnte Meinhard beobachten, wie ein Gewehr und eine Pistole von Migrantenschreck getestet wurden. Er war erschrocken. "Die Prüfer haben auf ballistische Seife geschossen, die der Stärke der Haut eines Menschen ähnelt. Die Geschosse sind bis zu zwei Zentimeter eingedrungen." Ein Treffer aus einer der Waffen könne das Gewebe schwer verletzen, sagt Meinhard. Im schlimmsten Fall seien die Schüsse tödlich.

Ganz normale Leute

Die Kunden, die sich in den Daten finden, verkaufen Zäune, schreiben Dissertationen oder arbeiten als Landvermesser. Da ist der Familienunternehmer aus Baden-Württemberg, der öffentlich gegen Rassismus eintritt und sich eine friedliche Gesellschaft wünscht, aber im Netz ein Gewehr bestellte. Der Steuerberater aus Hamburg, der sich die Waffe direkt in die Firma schicken ließ. Der Autohändler aus Nordwestdeutschland, der liebevoll aufgearbeitete Oldtimer an Fans verkauft und einen Revolver orderte. Der Zahnarzt aus Bayern, die Internistin aus Thüringen, der Physiker aus Sachsen, der Firmenkundenbetreuer einer großen Geschäftsbank aus Holstein (Hobbys: Segeln und Golf), der Programmierer aus Berlin, noch mehr Mediziner: der Hausarzt und der Psychiater, diesmal aus Nordrhein-Westfalen, schließlich vier Lokalpolitiker der AfD aus Hamburg, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

Und dann gibt es natürlich noch die Kunden, die man eher als Besucher einer solchen Hetzseite erwartet hätte: den Reichsbürger aus dem Südwesten, das Mitglied der rechtsextremen Kleinpartei Pro Deutschland aus Schleswig-Holstein, den Erzieher aus Brandenburg, der in einer Grundschule arbeitet und auf Facebook rechte Propaganda teilt.

Was haben sich all diese Leute nur gedacht, als sie sich im Netz eine Waffe gegen Migranten kauften? Und wie funktioniert der Waffenhandel?

Die Spur führt nach Ungarn, in die Hauptstadt Budapest. Majestätisch thront das Parlamentsgebäude in neogotischer Pracht am Ufer der Donau. Gleich auf der anderen Seite des Flusses, nur einen Straßenzug vom Ufer entfernt, hat die ungarische Post im Erdgeschoss eines restaurierten Gründerzeithauses eine Filiale. Mehrmals in der Woche gibt dort jemand die Pakete auf, unscheinbare Pappkartons mit gefährlichem Inhalt. Die ungarischen Postmitarbeiter versehen jedes dieser Pakete mit einer Sendungsnummer. Wer diese Nummer kennt, der kann den Weg des Pakets durch Europa nachverfolgen.

Die Firma, die Migrantenschreck betreibt, nennt sich – ausweislich des Impressums der Website – Deutsch-Ungarische Handels- und Vertriebsgesellschaft mbH und sitzt in Budapest. Aus dem Eintrag im ungarischen Unternehmensregister lässt sich ersehen, dass die Firma Sicherheitssystem-Dienstleistungen anbietet, mit "anderenorts nicht klassifizierten" Waren handelt und mit einem Eigenkapital von drei Millionen Forint – etwa 10.000 Euro – gegründet wurde. Auch eine Adresse findet sich im Unternehmensregister.