Die Festnahme eines 17 Jahre alten unbegleiteten Flüchtlings, der der Tötung einer Studentin in Freiburg verdächtigt wird, beschäftigt auch die Bundesregierung und mehrere Bundespolitiker. Sollte sich der Verdacht bestätigen, dann müsse der 17-Jährige für die abscheuliche Tat bestraft werden, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. "Aber wir dürfen nicht vergessen, wir reden dann von der möglichen Tat eines afghanischen Flüchtlings, nicht einer ganzen Gruppe von Menschen, die wie er Afghanen oder Flüchtlinge sind."

SPD-Chef Sigmar Gabriel mahnte, den Fall richtig einzuordnen. "So bitter es ist: Solche abscheulichen Morde gab es schon, bevor der erste Flüchtling aus Afghanistan oder Syrien zu uns gekommen ist", sagte Gabriel der Bild-Zeitung. "Wir werden nach solchen Gewaltverbrechen – egal, wer sie begeht – keine Volksverhetzung zulassen." CSU-Chef Horst Seehofer nahm die Verhaftung des minderjährigen Afghanen als Anlass, einen neuen Vorstandsbeschluss mit der Forderung nach einer Flüchtlingsobergrenze auf kommendes Jahr zu vertagen. Das Papier soll nach der Festnahme noch einmal ergänzt werden.

Der 17-Jährige war am vergangenen Freitag von der Polizei festgenommen worden. Er steht im Verdacht, eine junge Frau vergewaltigt und getötet zu haben. Die 19 Jahre alte Freiburger Medizinstudentin war Mitte Oktober auf dem Heimweg von einer Uniparty vergewaltigt worden, ihre Leiche wurde im Fluss Dreisam gefunden. Den Ermittlern zufolge ist sie ertrunken.

Freiburgs OB warnt vor "Pauschalurteilen"

Der Tatverdächtige war im Jahr 2015 nach Deutschland eingereist und lebte als minderjähriger, unbegleiteter Flüchtling bei einer Pflegefamilie. Es gebe bisher keinen Hinweis darauf, dass sich der 17-Jährige und das Opfer kannten, sagte eine Polizeisprecherin. Der Jugendliche ohne Vorstrafen hat sich bislang nicht geäußert. Ein auffällig blondiertes schwarzes Haar am Tatort hatte die Ermittler auf die Spur gebracht.

Freiburger Lokalpolitiker gehen mit gemischten Gefühlen mit dem Fall um. "Es ist ein großer Fahndungserfolg für die Polizei, dass sie diesen grausamen und schrecklichen Mord so schnell aufklären konnte", sagte Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon (Grüne) der Badischen Zeitung. Er rief dazu auf, "die Herkunft des Täters nicht für Pauschalurteile heranzuziehen, sondern den Einzelfall zu betrachten".

"Der Fall ist tragisch unabhängig von der Herkunft des Täters", sagt auch der SPD-Kommunalpolitiker Ismael Hares, der in Kabul geboren wurde und als Kind nach Deutschland kam. "Wenn man einen afghanischen Background hat, nimmt einen das noch mal stärker mit", sagt der Unternehmer. "Man fragt sich, wie es sein kann, dass jemand dieses Land im Kriegszustand verlässt und dann so eine Tat begeht." Hares kritisiert, dass die örtliche AfD keine 24 Stunden nach der Bekanntgabe der Festnahme am Sonntagnachmittag zu einer Kundgebung "gegen die Merkelsche Politik" auf dem Freiburger Münsterplatz gerufen hatte. In einer Pressemitteilung sprach der Freiburger Kreisverband von einem weiteren "Opfer der Willkommenskultur". Am Ende trafen 30 AfD-Anhänger auf 300 Gegendemonstranten.

Der Mordfall hatte schon vor der Festnahme bundesweite Aufmerksamkeit erregt. Drei Wochen nach der Tat in Freiburg wurde eine 27 Jahre alte Joggerin in Endingen, rund 20 Kilometer nördlich von Freiburg, Opfer eines tödlichen Sexualverbrechens. Mitte November strahlte das ZDF einen Beitrag über beide Fälle in der Sendung Aktenzeichen XY… ungelöst aus. Hinweise auf einen Zusammenhang hat die Polizei nicht, sie kann ihn aber auch noch nicht ausschließen. In einem Videointerview der Badischen Zeitung äußerten sich Frauen in Freiburg nach den Sexualmorden verängstigt und besorgt um ihre Sicherheit.