ZEIT ONLINE: Frau Khankan, Sie arbeiten als Predigerin und Moscheevorsteherin. Wie kann man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Sherin Khankan: Die Mariam Moschee ist in einer Wohnung in der Innenstadt von Kopenhagen untergebracht, wir haben für etwa 70 Leute Platz. Kopftuch ist bei uns keine Pflicht, jede Frau kann selbst entscheiden, ob sie eins tragen möchte. Auch Nicht-Muslime sind willkommen. Wir haben die Moschee vor ein paar Monaten eröffnet und sind noch dabei, die Gemeinde aufzubauen.

ZEIT ONLINE: Kommen nur Frauen in die Moschee?

Khankan: Unsere Moschee ist offen für alle. Nur bei den Gebeten sind Männer nicht dabei, ansonsten schon. Freitags öffnen wir nach dem Mittagsgebet unsere islamische Akademie. Dort halten Professoren und Professorinnen Vorträge, etwa über die arabische Philosophie. Es herrscht ja weithin das Vorurteil, dass Muslime zur Philosophiegeschichte nichts beigetragen hätten. Sie wird entweder den alten Griechen oder der europäischen Aufklärung zugeschrieben. Dabei gibt es eine große Fülle von Muslimen und Musliminnen, die zentrale philosophische Werke verfasst haben. Das wollen wir wiederbeleben.  

ZEIT ONLINE: Warum sind die Männer bei den Gebeten, die Frauen bei Ihnen führen, nicht dabei?

Khankan: Das war eine bewusste Entscheidung. Wir wollen einen langsamen Wandel. Sonst baut man keine Brücken, sondern reißt sie hinter sich ab. Die muslimischen Gemeinden sind noch nicht bereit dafür. Wir wollen zurück zu den Ursprüngen des Islam. Wir versuchen, die traditionellen Denkweisen aufzubrechen, aber wir tun das Schritt für Schritt.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Sie fühlen sich nicht wohl in Moscheen, in denen Frauen in den Nebenräumen beten müssen.


Khankan: Ja. Wir wollen die patriarchalischen Strukturen aufbrechen, die bis heute in unseren religiösen Institutionen – übrigens nicht nur im Islam, sondern auch im Juden- und Christentum – herrschen. Mein Vater ist ein politischer Flüchtling aus Syrien, ein Muslim und Feminist. Meine Mutter ist Finnin und Christin. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, eine Muslima zu sein. Ich bin als Studentin für meine Abschlussarbeit nach Damaskus gegangen, um dort über den Sufismus, eine spirituelle Strömung des Islams, zu forschen. Ich habe acht Monate in einer Sufi-Gemeinde verbracht, begonnen, Sufi-Literatur zu lesen, war in den einschlägigen Zirkeln in Damaskus unterwegs. Der islamische Feminismus ist durch den Sufismus sehr geprägt.

ZEIT ONLINE: Dennoch bestimmen seit Jahrhunderten Männer die Regeln des Islam.

Khankan: Ja, aber das ändert sich. Es gibt einige weibliche Imame in Europa, in Belgien, Deutschland, aber auch in den USA und in der islamischen Welt, in Marokko etwa. In China hat es eine lange Tradition. Frauen haben sich dort seit den 1820er Jahren selbst in den Moscheen organisiert. Wir sind also nicht die Ersten.

ZEIT ONLINE: Gelten Predigerinnen noch als Tabu?

Khankan: Sagen wir es so: Es wird langsam besser. Man kann sich kaum noch vorstellen, welchen Aufschrei es unter traditionellen Muslimen gegeben hat, als die amerikanische Islamwissenschaftlerin Amina Wadud 2005 ein islamisches Freitagsgebet vor Männern und Frauen in New York führte. Einige Religionsführer in Ägypten und Saudi-Arabien vermuteten gar eine amerikanische Verschwörung, die den Islam diskreditieren solle. Ganz so heftige Reaktionen gibt es heute nicht mehr.

ZEIT ONLINE: Woher rührt diese Ablehnung?

Khankan: Wer Imaminnen kritisiert, tut das aus Ignoranz. Der islamischen Tradition zufolge ist es Frauen erlaubt, als Imame zu predigen. Unser Prophet Mohammed hatte einst eine Moschee an sein Haus in Medina bauen lassen, es war die erste Moschee in der islamischen Welt. Dort hatte er auch Frauen erlaubt, andere Frauen durchs Gebet zu führen. In den Hadithen, den Erzählungen über die Aussprüche und Handlungen des Propheten, steht ausdrücklich geschrieben, dass der Prophet es Frauen erlaubt hat, in seiner Moschee die Gebete für Frauen zu leiten, auch seinen eigenen Frauen. Wir zetteln also keine Revolution an oder tun etwas Ungewöhnliches. Vielmehr folgen wir Imaminnen dem Propheten Mohammed.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle hatten die Frauen in Medina zur Zeit Mohammeds?

Khankan: Zur Zeit des Propheten war die Rolle der Frau sehr vielschichtig. Frauen waren Imaminnen, Lehrerinnen, Kämpferinnen. Eine der Quellen dafür ist der Historiker Ibn Sa'd, der im 8. Jahrhundert in Bagdad lebte. Er schrieb ein biografisches Lexikon über die Nachfolger des Propheten in acht Bänden. Im siebten Band schrieb er über die Rolle der Männer im Islam, der achte Band beschäftigt sich mit den Frauen. Da gibt es eine Sammlung von Hadithen, die klar unterstreichen, dass die Frauen sehr viele und unterschiedliche Rollen hatten. Darin steht auch, dass Mohammeds Frauen Aisha und Umm Salama die Gebete für die Frauen einführten. Mein Punkt ist: Wenn einige Muslime heute darüber diskutieren, ob eine Frau die Gebete, auch die Freitagsgebete, durchführen kann, gibt es eine klare Antwort: Ja, und das wird durch die islamische Tradition bestätigt.

Laut dem Koran sind Frauen und Männer gleichwertig

ZEIT ONLINE: Einige muslimische Kritiker sagen, Frauen seien nicht in der Lage, eine Gruppe anzuführen und sollten deshalb auch keine Predigten leiten.

Khankan: Wenn Muslime patriarchalische Strukturen verteidigen, dann folgen sie damit einer Linie, die sich erst nach dem Tod Mohammeds herausgebildet hat: der Tradition des zweiten Kalifen Omar. Es war unter seinem Kalifat, dass es Frauen verboten wurde, Moscheen zu besuchen und Gebete für Frauen zu leiten. Diese Linie hat sich dann zunehmend institutionalisiert.

ZEIT ONLINE: Was sagt der Koran dazu?

Khankan: Im Koran selbst findet man dazu keine konkreten Aussagen. Muslime machen es so: Wenn sie im Koran nichts finden, was ihre Fragen beantworten kann, dann durchsuchen sie die Hadithe nach Hinweisen, die ihnen Klarheit darüber verschaffen, was der Prophet zu diesem oder jenem Problem gesagt hat. Deshalb spielen die Hadithe eine so wichtige Rolle. Das Problem damit ist, dass die Hadithe-Sammlungen etwa 200 Jahre nach dem Tod des Propheten verfasst wurden. Das heißt, die Gelehrten, die Mohammeds Aussprüche zusammentrugen, hatten oft unterschiedliche Meinungen über deren Interpretation. Allerdings gibt es Suren im Koran, die klar unterstreichen, dass Männer und Frauen gleichwertig sind. Dass sie spirituelle Partner sind, dass beide nach Wissen streben sollen.

ZEIT ONLINE: Unter islamischen Rechtsgelehrten herrscht allerdings Streit darüber, ob Frauen Gebete leiten dürfen.

Khankan: Es gab schon immer islamische Gelehrte, die sich zu diesem Thema kontrovers geäußert haben. Al-Tabari, ein persischer Gelehrter, der im 9. Jahrhundert im heutigen Iran lebte und bis heute als eine der wichtigsten religiösen Autoritäten für Muslime gilt, hatte an seiner religiösen Schule Frauen, die die Gebete sogar für Frauen und Männer durchführten. Al-Tabari hat also das volle Imamat auch für Frauen zugelassen. Andere islamische Autoritäten haben das unterstützt. Einige heutige Gelehrte lehnen diese Idee ab. Auch die Al-Azhar Universität in Kairo, eine der wichtigsten Institutionen des sunnitischen Islam, hat dazu keine einheitliche Haltung. Einige der Gelehrten finden das völlig indiskutabel, für sie darf es keine Imaminnen geben. Andere erlauben das. Man muss sagen: Heute gibt es viele Missverständnisse unter den Muslimen, was dieses Thema angeht.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Sie wollen mit Ihrer Moschee einen langsamen Wandel anstoßen. Wie genau machen Sie das?

Khankan: Wir führen Hochzeiten und besondere islamische Prozessionen durch, bieten soziale Dienste und psychologische Betreuung an, wir planen eine Akademie für die Ausbildung von Imaminnen. Wir versuchen vor allem, die Frauen zu unterstützen. Es gibt viele Dinge, über die die Frauen nur mit Frauen sprechen wollen. Eine Frau hat ihr Kind verloren, eine andere hat eine postnatale Depression, wieder eine andere hat physische Gewalt durch ihren Mann erlebt. Bei solchen Themen suchen sie lieber Rat bei einer Frau.

ZEIT ONLINE: Können Sie auch praktisch helfen?

Khankan: Ja. Wir haben bisher drei Frauen nach islamischem Recht geschieden. Sie waren vorher bei einigen männlichen Imamen und konnten ihre Scheidung dort nicht durchsetzen – obwohl sie zu Hause physischer Gewalt ausgesetzt waren. Sie waren nach dänischem Recht geschieden, aber nicht nach islamischem. Es ist aber wichtig für die Frauen, sich auch nach islamischem Recht scheiden zu lassen. In den meisten Ländern ist es so, dass bei einer Heirat nach islamischem Recht nicht im Vertrag steht, dass die Frau ebenfalls das Recht hat, sich scheiden zu lassen. Dabei ist es ein islamisches Prinzip. Wir führen diese Scheidungen durch, gemeinsam mit dem Scharia-Rat in London. 

Keine Unterstützung von konservativen Imamen

ZEIT ONLINE: Laut Koran haben Frauen also das Recht, sich scheiden zu lassen?

Khankan: Ja. Das Problem ist, dass das Recht der Frau auf Scheidung auch im jeweiligen Vertrag stehen muss. Deswegen haben wir einen neuen, sehr detaillierten Heiratsvertrag konzipiert, der das klar regelt. Er stellt die Ehepartner bei islamischen Scheidungen gleich und benennt Polygamie und Gewalt klar als Scheidungsgründe. Wir versuchen nun, diesen Vertrag zu standardisieren. Viele muslimische Paare kommen extra aus dem Ausland angereist, um in unserer Moschee verheiratet zu werden.  

ZEIT ONLINE: Sie verfolgen eine pluralistische Lesart des Koran, die Kontroversen zulässt und kein Dogma vertritt, auch nicht in alltäglichen Dingen. Werden Sie dafür von konservativen Muslimen kritisiert?

Khankan: Ja, aber die Kritik bleibt sehr vage. Etwa in Form von ausbleibender Unterstützung. Kein einziger Imam in Dänemark kam zu uns und sagte: Wir helfen euch. Oder: Wir ermutigen die Frauen, in eure Moschee zu kommen. Das hat niemand gemacht. Es gibt auch ein paar Stimmen, die uns ausdrücklich kritisieren, aber sie sind moderat. Sie sagen dann so etwas wie: Eine Frau kann kein Gebet leiten, weil sie eine Periode hat. Oder dass wir in der Mariam Moschee auch vor Männern Gebete leiten, obwohl das nicht stimmt. Es gibt kein einziges wasserdichtes Argument, das dafür herhalten könnte, zu sagen, dass das, was wir tun, falsch wäre. Der wirkliche Hass kommt aus der anderen Richtung.

ZEIT ONLINE: Sie meinen von rechten Bewegungen?

Khankan: Ja, von ihnen bekomme ich Todesdrohungen. Sie schreiben mir, dass ich erschossen werden sollte. Sie verbreiten Fotos von mir und meinen Kindern sowie meine Adresse im Internet. Das ist leider recht normal in Dänemark. Hier bekommen fast alle, die in der Öffentlichkeit stehen, Hassbotschaften und Todesdrohungen. Das ist sehr beunruhigend. Wir glauben aber, dass wir der Islamophobie durch unsere Arbeit etwas entgegensetzen können. Wir Frauen setzen ein starkes Zeichen.