Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess, Beate Zschäpe, ist nach Einschätzung des psychiatrischen Gutachters Henning Saß voll schuldfähig und möglicherweise gefährlich. Es lägen keine Voraussetzungen für eine eingeschränkte Schuldfähigkeit vor, sagte Saß vor dem Oberlandesgericht München. Für den Fall einer Verurteilung im Sinne der Anklage sieht er außerdem die Voraussetzungen für eine an die Haft anschließende Sicherungsverwahrung Zschäpes gegeben.

Das Gutachten könnte eine entscheidende Rolle für Zschäpes Strafmaß bekommen, ihr droht lebenslange Haft. Für die zur Sicherungsverwahrung verurteilte Angeklagte verlängert sich die Inhaftierung. Sie können nach dem Ende ihrer Haftstrafe nur freikommen, falls ein Gutachter sie nicht mehr als gefährlich einstuft.

Saß sagte, es gebe bei Zschäpe keine Anhaltspunkte für eine Verhaltensänderung. Falls das Gericht der Anklage folge und sie als Mittäterin der NSU-Mordserie mit zehn Toten verurteile, sei "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit" davon auszugehen, dass Zschäpe bei vorliegender Möglichkeit ihr rechtsextremes Verhalten fortführe.

Auch ohne ihre beiden Partner Uwe Mundlos und Uwe Böhnhard sei es möglich, dass bei Zschäpe auch künftig ein "hohes Risiko von Handlungen gleicher Richtung und Art" bestehe. Dies gelte dann, wenn ihre Rolle innerhalb des "Nationalsozialistischen Untergrunds" in der Anklageschrift zutreffend beschrieben sei und Zschäpes eigene Darstellung, sie habe sich nur widerwillig ihren beiden Kameraden untergeordnet, nicht stimme.

"Starker Wunsch nach Kontrolle"

Saß legte sich nicht fest, für wie plausibel er Zschäpes Einlassungen hält. Er wies allerdings daraufhin, dass die Schilderungen von Zeugen dagegensprächen, dass Zschäpe sich bei "so wichtigen Fragen dem Willen der beiden Lebenspartner gebeugt hätte". Bei Zschäpe zeige sich ein "starker Wunsch nach Kontrolle", sie habe "energische, kämpferische Eigenschaften".

Außerdem habe sie einen hohen perfektionistischen Anspruch an sich selbst sowie das "Streben nach Autonomie", sagte Saß. Sie sei auch ein "wehrhaftes und anerkanntes Mitglied in der rechten Szene" gewesen und habe eine Neigung zu einem "dominanten und manipulativen Verhalten" sowie egozentrische Züge und einen Mangel an Gemüthaftigkeit und Empathie.

Zschäpe hatte fast 14 Jahre mit Mundlos und Böhnhardt im Untergrund gelebt. Während dieser Zeit sollen die beiden Männer zehn Menschen ermordet und zwei Sprengstoffanschläge verübt haben. Zschäpe ist als Mittäterin angeklagt. Die Bundesanwaltschaft wirft ihr vor, gleichberechtigt im NSU-Trio mitgewirkt und die rassistischen Ziele der Gruppe geteilt zu haben.

Der Prozess soll nun mit Fragen der anderen Prozessbeteiligten an Saß fortgesetzt werden. Ein Termin für ein Urteil ist noch nicht absehbar, allerdings gilt das Gutachten als Teil der Schlussphase eines Verfahrens.