Das liebe Volk

Herr Höcke möchte, wie in Dresden gesagt, für immer eine "Bewegung" sein, mit Höcke an der Spitze. Keine Partei also, keine Bürokratie, sondern auf ewig ein durch die Wüste ziehender Haufen von Jüngern, die dem Heilsbringer und seinen Eingebungen folgen wie einst das Volk Israel seinem Mose oder der Dreschflegel-schwingende Bauer dem Räuberhauptmann. Das ist normal. Oder sagen wir: Es ist ein überaus gewöhnlich pathologischer Zug aller Menschen, die gern irgendetwas anführen möchten. Höcke ist insoweit eine extrem verkleinerte Version des Kaisers Nero (definitiv nicht deutsch) in der Verkörperung durch Herrn Peter Ustinov (definitiv auch deutsch).

Es ist ein gespenstischer Zug, der da vor meinem geistigen Auge durch das Jammertal von Elbe und Pleiße wandert, angeführt vom Oberstudienrat aus Lünen und Marburg und einer ruckartig wirkenden, insolventen Polyurethan-Herstellerin aus Bergkamen. Das soll aber allenfalls die Kompetenz dieser Volksfreunde als Führungspersönlichkeiten mit einem Fragezeichen versehen. Das Volk selbst ist, wie es ist. Bekanntlich hat es immer Recht, vor allem, wenn es irrt.

Es mögen also die lieben Freunde aus Dresden einmal ins Herz ihrer Hauptstadt fahren. Dort sollen sie ins Stelenfeld gehen, sich im Labyrinth der Vertiefungen, Schrägen und Ungleichartigkeiten verstecken, wiederfinden und fotografieren, und die 500.000 Menschen betrachten, die dasselbe jährlich tun. Sie sollen, wenn sie es vermögen, einmal denken, die eine Säule stehe für sie selbst, die andere für ihren liebsten Menschen, die dritte für ihren schlimmsten Feind. Sie sollen sie miteinander vergleichen. Dann sollen sie sich an den Rand des Feldes stellen und so laut wie möglich ihren eigenen Namen und den Satz des Oberstudienrats Björn Höcke über das Feld rufen. Damit die ganze Welt weiß, wie lieb sie ihr Volk haben.
Wenn sie zur Frauenkirche und all den deutschen Geistesgiganten (um ein paar Bespiele für Königskinder zu nennen, die einst aus Mangel an Erwiderung ihrer Liebe zum deutschen Volk in die weite Welt gezogen sind: Adorno, Ausländer, Canetti, Döblin, Einstein, Feuchtwanger, Haffner, Grosser, Heym, Lasker-Schüler, Marcuse, Musil, Ledig-Rowohlt, Seghers, Toller, Traven, Werfel, Wiesel, Zuckmayer, Zweig) wieder zurückgekehrt sein werden, sollen sie sagen: Ich habe mich nicht strafbar gemacht. Dann ist alles gut.