Vor dem Kölner Dom umringen Polizisten in der Silvesternacht eine Gruppe junger Männer mit dunkler Haut und schwarzen Haaren. Einige Meter weiter steht eine ähnliche Gruppe junger Männer vor den Türen des Hauptbahnhofs hinter Absperrgittern. Umzingelt, ausgesperrt, unter Verdacht – das vermitteln diese Bilder aus der diesjährigen Kölner Silvesternacht. Die Polizei twitterte: "Am HBF werden derzeit mehrere Hundert Nafris überprüft."

"Nafri" steht polizeiintern für nordafrikanische Intensivtäter. Meist junge Männer ohne Aufenthaltserlaubnis, der Polizei bekannt für Diebstahl, Drogen, Aggressivität – so beschreibt es ein Analyseprojekt der Kölner Polizei, das seit 2013 geführt wird. Nach den sexuellen Übergriffen und Diebstählen in der Silvesternacht in Köln im vergangenen Jahr ließen sich die meisten ermittelten Tatverdächtigen dieser Gruppe zuordnen, sagt die Polizei.

Nach den Kontrollen und Platzverweisen in der diesjährigen Silvesternacht lautet nun aber der Vorwurf: Die Polizei habe racial profiling betrieben – sie sei gegen Menschen allein aufgrund ethnischer Merkmale vorgegangen. Dazu zählen Hautfarbe, Gesichtszüge oder die (vermutete) Herkunft.

Mittlerweile hat der Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies sein Bedauern über den Nafri-Tweet der Polizei geäußert. Es bleibt aber die Frage: War das Vorgehen der Polizei in Köln richtig? Und wo verläuft die Grenze zwischen angemessener Polizeiarbeit und racial profiling?

"Das Polizeikonzept ist aufgegangen"

"Man hat der Polizei nach der letzten Silvesternacht Versagen unterstellt, und als Folge wurde für dieses Jahr ein frühes, niedrigschwelliges Einschreiten vereinbart", sagt Arnold Pickert, der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in Nordrhein-Westfalen. Er ist überzeugt: "Das hat gut funktioniert, das Polizeikonzept zur Silvesternacht ist aufgegangen." Der Kölner Polizeipräsident Mathies hatte eine Sicherheitsgarantie für die Feierlichkeiten zum Jahreswechsel in der Innenstadt abgegeben. 1.700 Polizisten waren unterwegs, etwa zehnmal so viele wie vor einem Jahr.

Der Polizeigewerkschafter findet den Tweet seiner Kollegen ebenfalls unglücklich. Man könne nicht sagen, ob alle Intensivtäter seien. Aber: "Es war die gleiche Gruppenstruktur wie im vergangenen Jahr: Sie waren betrunken, aggressiv, und vom Aussehen her war es die Zielgruppe." Die Polizisten hätten mit üblichen Methoden der Gefahrenabwehr reagiert, sie hätten Personalien festgestellt und Platzverweise ausgesprochen. Die Taktik, einzelne Gruppen zu isolieren, wende die Polizei auch bei rechten oder linken Demonstrationen an. "Auf wen sollten wir uns sonst konzentrieren?", fragt Pickert.

Ganze Personengruppen zu kontrollieren, sei durchaus rechtens, sagt auch der Hamburger Polizeiwissenschaftler Rafael Behr. Doch dafür reiche nicht die Hautfarbe als alleiniges Kriterium, sondern es komme auf das Verhalten der Personen an – und "man braucht kriminalpolizeiliche Erkenntnisse". In Köln basierten die Kontrollen auf den Erkenntnissen über die spezielle Tätergruppe aus dem Vorjahr. Zudem spiele der Kontext der Kontrollen eine Rolle: Kölner Hauptbahnhof, Silvesternacht, Angst vor Übergriffen. Damit habe es sich nach seiner Einschätzung nicht um racial profiling gehandelt, so der Kriminologe.