Der Widerstand formiert sich – Seite 1

Der Witz des Tages in Washington, D.C. geht so: Wo ist mehr los als bei der Vereidigung von Donald Trump? In der Toilettenschlange beim Women's March.

Die genauen Zahlen sind noch nicht veröffentlicht, aber Washingtons Straßen wirkten an diesem Samstag voller als bei Trumps Vereidigung am Tag zuvor. Die Organisatorinnen waren zuletzt von mehr als 500.000 Demonstrantinnen ausgegangen, offizielle Zahlen stehen noch aus. Aber wenn die Straßen auch nicht voller waren, dann wirkten sie zumindest lebendiger.

Dass sich in Amerika genug Menschen finden, um Donald Trump ins Weiße Haus zu wählen, ist bekannt und seit seinem Amtseid offiziell. Seither tobt der Kampf darum, wie die amerikanische Gesellschaft nun aussieht. In den Straßen rund um das Kapitol war sie an diesem Samstag bunt und sehr gemischt: Groß, klein, alt, jung, schwarz, weiß, braun, angemalt, ungeschminkt, mit Perücke und falschen Nägeln, mit Schnauzbart und Kummerspeck.

Und liberal wie konservativ. "Traditionell gehe ich selten auf Demonstrationen. Ich bin mir nicht sicher, was sie bewirken, aber mir war wichtig, einen Kontrapunkt zu der Vereidigung gestern zu setzen", sagte Francisca Cromwell in der Menschenmenge vor dem Kapitol. "Eigentlich bin ich eher konservativ. Mir war trotzdem wichtig, sich hier zu zeigen, um ein Zeichen zu setzen, auch nach außen, damit die Welt sieht: Das ist nicht unser Präsident."

Der Women’s March lief unter dem Banner weiblicher Emanzipation, unterstützt von Hollywoodstars wie Scarlett Johansson, den berühmten Frauen- und Bürgerrechtlerinnen Angela Davis und Gloria Steinem und, als Überraschungsgast, Madonna. 

"So geht man nicht mit Frauen um"

Die Veranstaltung hätte aber auch gut und gern "Anti-Trump March" heißen können. Gefühlt jedes zweite, dritte Plakat war in Anlehnung an Trumps Aussage "Grab them by the pussy" gestaltet. "So geht man nicht mit Frauen um", sagte Paul Stankus, der in New York für eine Bank arbeitet. "Er will zurück in eine Zeit, als Frauen gar keine Rechte hatten."

Und in der Tat, kurz nach Trumps Amtsübernahme am Freitag, fehlten auf der Website des Weißen Hauses Einträge zu Bürger- und LGBTQ-Rechten, die unter Präsident Barack Obama dort noch zu finden waren. Laut einem Sprecher würde die Homepage "laufend aktualisiert". Dass ausgerechnet diese Texte fehlten: kein gutes Zeichen für viele. 

"Ich bin hier für meine Töchter"

Unter den Demonstranten in Washington waren auffallend viele ältere Frauen zu sehen. Wer als Jugendliche in den späten 1960er, frühen 1970er Jahren in den USA aufwuchs, also in einer Zeit, die vom Feminismus geprägt war, hat heute häufig eine Tochter im Teenageralter. So auch Diane Rudulph aus South Carolina: "Ich hätte nicht gedacht, dass wir heute für all die Anliegen aus den sechziger Jahren immer noch auf die Straße müssen. Ich bin hier für meine Töchter, für meine Söhne, für meine Enkel. Ich war schon damals bei ein paar Anti-Vietnam-Demos an meiner Uni dabei."

Ihre Familie sei politisch sehr aktiv, sagt Rudulph, mit ihrem Ehemann engagiere sie sich vor Ort in South Carolina für lokale Anliegen: "Gegen Waffengewalt, gegen striktere Abtreibungsgesetze, für die Demokratische Partei". Die 62-Jährige fängt an zu erzählen, über die Wahl, über die Russen, über Hillary Clinton. Man hört ihr die Wehmut an, dass Clinton Trump nicht verhindern konnte. "Sie hat unter anderem nicht gewonnen, weil die Medien Trump so viel kostenlose Reklame in Form von Berichten geliefert haben. "Es hätte keine qualifiziertere Kandidatin gegeben", sagt Rudulph. "Ich mochte Barack Obama sehr, er war ein sehr guter Präsident", mischt sich ihr Ehemann kurz ein, "aber selbst er war nicht so gut vorbereitet für das Amt wie Hillary."

"Ich hoffe, er sieht uns alle hier"

Kritik an der gescheiterten Präsidentschaftskandidatin hört man kaum beim Women's March. Dass Clinton im Wahlkampf Fehler gemacht hat, wird selten erwähnt. "Trump ist nach allen Regeln der Kunst Präsident geworden, das muss man ihm lassen", sagt Mark diLorenzo, der mit seiner Familie aus dem Bundesstaat New York im Auto sechs Stunden nach Washington gefahren ist. "Wir hätten auch nach New York City fahren können, aber wir wollten nach der Vereidigung hier in Washington ein Zeichen setzen", sagt seine Frau Diana Nicols diLorenzo. "Ich hoffe, er sieht uns alle hier – dass wir uns auflehnen und wir ihn nicht einfach so gewähren lassen."

Mark diLorenzo, pensionierter Polizist, sagt, seine Familie stamme aus einer ländlichen, konservativ geprägten Gegend und stehe keineswegs für das nach innen gerichtete, weltabgewandte Denken, wie Trump es häufig propagiere. "Wie wir die nächsten vier Jahre rumbekommen? Ich bin eher introvertiert, aber heute hier zu sein, tut gut. Wir bringen unseren Kindern Respekt bei und zeigen ihnen, dass das Leben bunt und vielfältig ist."

Die Familie hat auch eine Tochter von Freunden mitgenommen, die 14-jährige Torrey. "Ich hatte im Sommer einen Job", erzählte sie, "und anstatt mir zu vertrauen, hat der Chef den gleichaltrigen Jungen die Verantwortung gegeben. Wenn ich in der Schule den Mund aufmache, weil mir etwas nicht passt, heißt es, ich sei bossy. Wenn ein Junge das Gleiche sagt, ist er selbstbewusst".

"Thank you, baby"

Das Frauenbild, das Donald Trump bisher propagiert, vermittelt jungen Frauen wie Torrey nicht gerade viel Hoffnung. In seiner Antrittsrede hatte er das Wort "Frauen" ganze zwei Mal erwähnt: Er sprach von "den vergessenen Männer und Frauen unseres Landes" und "den Männern und Frauen im Militär und unseren Streitkräften". Kein Wort der Versöhnung nach einem Wahlkampf, in dem er mit Frauen nicht gerade zimperlich umgegangen war. Was soll die Durchschnittsamerikanerin von einem Mann erwarten, der sich bei seiner Wahlkampfmanagerin Kellyanne Conway am Tag der Vereidigung mit den Worten "thank you, baby" bedankte?

Möglicherweise werden den neuen Präsidenten auch die Hunderttausenden, die in Washington gegen seine Politik auf die Straße gegangen sind, nicht beeindrucken. Aber für den Rest des Landes kann dieser Tag ein Zeichen sein: Hier formiert sich eine neue Opposition.