Vergangenen Samstag habe ich eine Hawdala in meiner Wohnung (an der Front) organisiert. Mit Freunden haben wir laut hebräische Gebete aufgesagt, viel Hummus (vom Araber um die Ecke), Oliven (vom Türken) und selbst gemachte koschere Quiche gegessen. Wir feierten bis spät in die Nacht den Wochenanfang nach dem Schabbat. Zwischendurch rätselten wir, warum wir eigentlich nicht mit Mariam Laus Experiment in der aktuellen Ausgabe der ZEIT einverstanden sein können. Es liegt daran, dass nicht so sehr die Fußgänger auf der Sonnenallee Jehuda Teichtal zum Objekt gemacht haben, sondern die Journalistin und die Leserschaft. Sie führen mit dem Rabbiner einen unwissenschaftlichen Antisemitismustest durch, ohne eine Definition von Antisemitismus anzubieten. 

Juden, Israelis und israelische Identitätspolitik

Nur wenige Menschen in Deutschland unterscheiden zwischen Juden, Israelis und Anhängern der israelischen Identitätspolitik. Ich bekomme häufig Zuschriften, die so oder ähnlich klingen: "Herr Langer, wie stehen Sie zu dem, was Ihr Ministerpräsident, Benjamin Netanjahu letzte Woche gesagt hat?" Auf der Sonnenallee wohnen teilweise ganze palästinensische Dörfer, die vor der israelischen Besatzung geflüchtet sind. Es wäre wichtig, auch darüber zu diskutieren, was diese Familien in Israel und Palästina erlebt haben, statt sie pauschal als Antisemiten zu bezeichnen. In Berlin allein wohnen etwa 30.000 Palästinenser mit unterschiedlichen Pässen beziehungsweise ohne Staatsangehörigkeit.

Ohne Kontextanalyse gibt es keinen Erkenntnisgewinn. Dementsprechend kann niemand, der sich gegen den Antisemitismus in Europa einsetzt, vom voyeuristischen Spiel mit uns Juden profitieren. Egal ob der Antisemitismus hier schon lange verwurzelt oder neu dazugekommen ist.

Es ist wichtig, sich den Antisemitismus in Neukölln anzuschauen. Er ist da, er existiert ohne Zweifel, er betrifft auch mich. Bei Schulbesuchen in Neukölln begegne ich immer wieder antisemitischen Klischees. Neulich fragte mich eine Neuntklässlerin wie ich zu den Illuminati stehe. Deswegen halte ich bürgerliches Engagement für notwendig: Mariam Lau hat völlig recht, wenn sie solche Vereine lobend hervorhebt wie die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, die seit 2003 pädagogische Konzepte für die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus entwickelt.

Antijüdische Ressentiments existieren aber eben nicht nur in Neukölln: Laut Antisemitismusbericht des Bundestages aus dem Jahr 2012 pflegt ein Fünftel der Deutschen Vorurteile gegen Juden, die Mitte-Studie von 2016 unterstützt diese Beobachtung. Juden wird zu viel Macht in der Politik unterstellt, und dass wir selbst Schuld an dem Holocaust tragen würden. 

Die No-go-Area-Rhetorik ist mehr als kontraproduktiv. Wir dürfen nicht so tun, als ob der Antisemitismus nur in bestimmten Gegenden mit hohem Migrantenanteil sichtbar wird. Neulich wurde bekannt, dass Beate Zschäpe zusammen mit den anderen Mitgliedern des NSU Synagogen und andere jüdischen Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen und Gemeindezentren beobachtet hat. Das passiert in Deutschland, darüber möchte ich auch reden. Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und sollte auch dementsprechend behandelt und bekämpft werden.