Halbounis Werk wurde bewusst als Reibungspunkt in den Gedenkritualen platziert, vorgeschlagen von Dresdner Kunstinstitutionen, abgesegnet von Oberbürgermeister Hilbert. Alle sind am Dienstagmittag zur Eröffnung gekommen, doch die gerät alles andere als feierlich. Es kommt zu Szenen, die mittlerweile zur Dresdner Litanei gehören: Pöbeleien, Beschimpfungen, Ausraster – kritische Auseinandersetzung: Fehlanzeige. Schätzungsweise 400 Menschen haben sich versammelt, Vertreter aus beiden Lagern. Menschen, die keiner der beiden Gruppen angehören, findet man bei solchen Ereignissen in Dresden kaum noch. Einen Deut zahlreicher sind jene, die sich für das Kunstwerk interessieren, es als Bereicherung für die Stadt betrachten.

Deutlich lauter jedoch sind die Vertreter der anderen Seite, darunter viele Wiederholungstäter, die bei derartigen "Events" immer wieder auffallen. Sie skandieren "Volksverräter" und "Schande, Schande". Immer wieder treffen beide Seiten aufeinander, oft endet das in Pöbeleien – und unüberwindbaren Differenzen. Der Platz ist von Polizisten gesäumt, die eher zurückhaltend auftreten. Hier und da kommt es zu Auseinandersetzungen, auch, als alle Teilnehmer aufgefordert werden, Plakate und Banner wegzupacken; die seien grundsätzlich verboten bei dieser Veranstaltung.

OB Hilbert muss sich durch seine Rede kämpfen

Auch Sachsens Vizeministerpräsident Martin Dulig (SPD) sucht auf dem Neumarkt Gespräche. "Ich bin doch hier, um mit Ihnen zu reden", erklärt er wieder und wieder einer Frau, die bei ihrem Standpunkt bleibt und ihn überhaupt nicht zu Wort kommen lässt: "Ich verstehe Sie nicht. Und Sie verstehen mich nicht", sagt sie, und: "Das Kunstwerk finde ich abartig." Und dennoch fällt auf, wie sehr manche sich bemühen, in dieser heillos zerstrittenen Stadt zumindest Gesprächsfäden aufzunehmen. "Was haben Sie denn gegen die Busse?", fragt ein Student einen Rentner. Der entgegnet: "Der Neumarkt ist die gute Stube von Dresden. Da hat so ein Schrott einfach nichts zu suchen." Zumindest bleibt es ein leiser Dialog.

Den Rednern, die das Kunstwerk schließlich einweihen, brandet unglaubliches Gebrüll entgegen: "Hilbert, hau ab, hau ab!" Der Oberbürgermeister muss sich Satz für Satz durch seine Rede kämpfen. Auch Sebastian Feydt, Pfarrer der Frauenkirche, wird angeschrien. "Nein, ich haue hier nicht ab", sagt er. "Wir wollen mahnen und ein Zeichen der Hoffnung setzen. Aus diesem Grund ist es wichtig, den Dialog auf diesem Platz zu führen und wir werden uns nicht daran hindern lassen. Wir begrüßen auch die Auseinandersetzung und den Dialog um dieses Monument, vor dieser Kirche, auf diesem Platz."

Schließlich tritt auch der Künstler ans Mikrofon. Auch Halbouni bleibt ruhig inmitten der Turbulenzen um sein Werk. "Die Menschen, die gepöbelt haben, wollten einfach niemanden zu Wort kommen lassen", sagt er später. "Die meisten standen dort angeblich für die christlichen Werte des Abendlandes und haben noch nicht mal den Pfarrer der Frauenkirche reden lassen – das ist unterstes Niveau." Er habe aber auch gute Gespräche geführt, selbst mit Kritikern seines Werks. Einige Fragen seien ihm immer wieder begegnet. Auch sie sind Ausdruck des schwierigen Umgangs der Dresdner mit dem Gedenken: Ist er überhaupt von hier? Was gibt ihm das Recht, sich mit diesem Dresdner Thema zu befassen?

Halbounis Antwort: seine Biografie. Sein Vater ist Syrer, seine Mutter Dresdnerin. Er ist in Damaskus geboren, hat aber schon als Kind viel Zeit in Dresden verbracht. Seit neun Jahren lebt er hier. Er hat Kunst studiert, war Meisterschüler und ist inzwischen mit renommierten Projekten befasst. Viele seiner Kommilitonen verlassen Dresden schnell, für einige ist es eine Flucht aus einer zerstrittenen Stadt. Manaf Halbounis Weg ist das nicht. "Ich liebe Dresden und lasse mich hier nicht vertreiben, bloß weil manche eine andere Meinung haben."

Sein Kunstwerk ist nicht der einzige Beitrag zu diesen Dresdner Gedenktagen. Ab Freitag wird auf dem Theaterplatz, direkt vor der Semperoper, die Installation Lampedusa 361 gezeigt. 90 großformatige Fotos von Gräbern sollen auf dem Platz ausgebreitet werden – Gräber von Flüchtlingen, die im Mittelmeer ertrunken sind. Man hofft auf Ruhe auch für diese "Ruhestätten". Aber sicher kann man sich da in Dresden nicht sein.