Trump und viele Republikaner sehen in den Sanctuary Cities nichts anderes als die Erfindung arroganter Linksliberaler, Kriminelle zu decken. Viele Stadtväter fühlen sich nun von den Republikanern in eine Zwangslage versetzt, weil die Partei seit Jahrzehnten eine Einwanderungsreform verweigert hat. "Ich würde mir wünschen, dass der Präsident und der Kongress eine Einwanderungsreform verabschieden, damit die Menschen einen legalen Status bekommen und aus dem Schatten treten können", sagte Javier Gonzales, der Bürgermeister von Santa Fe. Die Stadt mit 70.000 Einwohnern im Bundesstaat New Mexico lebt vom Tourismus, Gonzales fürchtet, dass Hotels und Gastronomie leiden, sollten die Illegalen aus Angst in den Untergrund gehen. Selbst viele Polizeichefs im Land befürworten einen gewissen Schutz für Illegale. Sie wollen vermeiden, dass diese sich fürchten, Verbrechen zur Anzeige zu bringen oder als Zeugen auszusagen. Wenn Illegale sich nicht trauen, zum Arzt zu gehen, könnten Kinder ohne Impfungen bleiben und sich Epidemien wie Zika möglicherweise unbemerkter ausbreiten.

Wer bei illegalen Einwanderern in den USA nur an Arbeiter in der Landwirtschaft denkt, täuscht sich. Viele sind in der Gastronomie tätig, im Baugewerbe, in der Pflege und der Kinderbetreuung. "Wenn die Immigranten aus New York verschwinden würden, wäre das für unsere Wirtschaft ein schwerer Schlag", sagte einmal New Yorks früherer Bürgermeister Michael Bloomberg. Oft wissen New Yorker gar nicht, dass ihre Nachbarn, Freunde, Kollegen und Mitschüler keine Aufenthaltsgenehmigung besitzen.

Bäckereien, Restaurants blieben geschlossen, Baustellen lagen still

Am vergangenen Donnerstag bekam die Stadt einen Vorgeschmack, wie ein New York ohne Einwanderer aussehen könnte. Über Facebook hatten Aktivisten zum "Tag ohne Immigranten" aufgerufen. Viele Bäckereien, Coffeeshops, Lebensmittelläden und Restaurants in der Stadt blieben geschlossen, Baustellen lagen still. In manchen Schulbussen fuhren morgens nur vereinzelt Schüler zum Unterricht.

Die Befürworter der Massenabschiebungen argumentieren, die Betroffenen hätten auf legale Weise ins Land kommen müssen. Doch für Arbeitskräfte ohne eine spezielle Ausbildung, ein Unternehmen, ein Millionenvermögen oder einen Sponsor gibt es de facto keinen legalen Weg in die USA. Viele kommen nicht einmal mit der Absicht, das Gesetz zu brechen. Wie Natela (Name geändert), die aus Georgien stammt. Mit Anfang 20 kam sie über ein Studentenvisum. "Es war eine dunkle Zeit in Georgien damals", sagt sie. Als das Visum abgelaufen war, blieb sie wie so viele andere einfach im Land. Das ist 17 Jahre her. Sie hat Kinder, die Amerikaner sind. Jetzt hat sie Angst. "Zur falschen Zeit am falschen Ort und ich bin weg."

Jüngere Geschwister haben die Staatsbürgerschaft, ältere nicht

Durch viele Familien geht ein Riss. Ein typischer Fall: Die jüngeren Geschwister sind in den USA geboren und haben die Staatsbürgerschaft, während die älteren Geschwister und die Eltern illegal sind. Minderjährige, die von den Eltern ins Land geschmuggelt wurden, trifft es besonders hart. Sie fühlen sich als Amerikaner, sprechen oft nicht einmal die Sprache der alten Heimat. Wie ihre amerikanischen Freunde können sie studieren. In New York können sie sich sogar um ein Stipendium bewerben. Doch weil sie keine Arbeitsgenehmigung haben, finden sie meist nur Arbeitsplätze, für die man keine Ausbildung braucht und die schlecht bezahlt werden. Rosanna (Name geändert) ist ausgebildete Pädagogin, sie möchte gerne als Lehrerin arbeiten. Doch außer einem Job als Babysitterin bekommt sie keine Stelle. Immer wieder hat sie sich beworben, doch dann kommt die Frage nach den Papieren und sie erhält eine Absage. In den letzten Monaten habe ihre Tochter ihr Zimmer kaum noch verlassen, klagt ihre Mutter Diana. Manchmal mache sie nicht einmal das Licht an.

Sie hat Rosanna und ihre zwei Schwestern aus Trinidad mitgebracht, als sie die Karibikinsel vor bald 20 Jahren verließ. Rosanna war damals ein Teenager. Trinidad gehört zu den ärmsten Staaten der Karibik. Die Kinder sollten es besser haben. Ihre beiden Söhne bekamen kein Visum. Diana, die als Kinderfrau arbeitet, hat sie seither nicht mehr gesehen. Manchmal überlegt sie, zurückzugehen. Doch das Haus ist verkauft und die Aussichten für einen Neuanfang auf der Insel nicht gut. Eine ihrer Töchter hat einen Amerikaner geheiratet und könnte für ihre Mutter eine Greencard beantragen. Diana hatte die Gebühren fast zusammengespart. Doch dann fehlte das Geld für die Miete und sie musste sich zwischen Greencard und Obdachlosigkeit entscheiden. "Ich bete, dass Gott mir helfen wird", sagt sie.