Ein Panzerknacker wird von einem Mönch gestützt, er kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Vor dem Kölner Dom posieren zwei Superhelden für ein Foto, grölen Unverständliches und verschütten ihren Schnaps, eine Flasche zerbricht. Nicht weit davon, direkt vor dem Hauptbahnhof, liegt eine junge Frau im Rehkostüm auf dem Boden, zugedeckt von einer Jacke. Ihre Freundin kümmert sich um sie, eine Gruppe Polizisten organisiert gerade, dass die beiden versorgt werden. Solche Szenen mehren sich, je länger der Rosenmontag in Köln dauert. Noch ist es Vormittag, später am Tag wird die Stadt voll sein mit Betrunkenen.

Das ist eine Seite des Kölner Karnevals – und sie kleinzureden, wäre falsch. Es wäre sogar recht einfach, die sechs Tage Ausnahmezustand auf das große Besäufnis, das sie sind, zu reduzieren. Aber da ist mehr.

Denn Karneval feiern nicht nur die besoffenen Superhelden und Panzerknacker. Sondern zum Beispiel auch Anna und Magbule. Die beiden haben sich auf Stühle gestellt, direkt vor der Bäckerei, in der sie arbeiten. Dort, auf der Severinstraße im Kölner Süden, hat vor einer halben Stunde der Rosenmontagszug begonnen. Seit drei Uhr morgens arbeiten sie heute hier, natürlich war viel los, jetzt gleich um elf Uhr ist für sie Feierabend. Weil gerade fast niemand Kaffee oder Gebäck kaufen will, machen sie Raucherpause und schauen sich den Zug an. Unter den Bäckerschürzen tragen sie Clownskostüme, auf die Wangen haben sie sich rot-weiße Herzen gemalt.

"Um sechs Uhr morgens fangen die Leute an"

"Du musst lauter rufen", sagt Anna. Ihre Kollegin schreit "Kamelle, Kamelle", und prompt kommen kleine Schokoladentäfelchen in ihre Richtung geflogen. Die 43-jährige Anna ist Kölnerin, keine Hardcore-Karnevalistin, aber es gehört für sie einfach dazu. Mit ihren Kindern läuft sie im Schulumzug mit, am Wochenende hat sie mit Freunden gefeiert. Die 53-jährige Magbule kommt aus Istanbul, ist seit Jahren in Deutschland und hat den Karneval lieben gelernt. Nicht so sehr, dass sie sich Rosenmontag freinimmt, aber genug, um jetzt auf dem Stuhl zu stehen und sich ausgelassen über Süßigkeiten zu freuen. Wie ausdauernd die Kölner ihren Karneval feiern, beeindruckt sie immer wieder. "Um sechs Uhr morgens fangen die Leute an, sich hier Plätze zu sichern", sagt sie. Der Zug beginnt um zehn.

Es ist ein Klischee, aber die Kölner lassen sich ihren Karneval einfach nicht verderben. Nicht vom Wetter, das deutlich schlechter vorhergesagt war, als es dann wurde. Nicht von der politischen Weltlage, und auch nicht von der Tatsache, dass seit Silvester 2015 der Name der Stadt Köln eng verknüpft ist mit der Angst, auf Großveranstaltungen Opfer von Übergriffen oder Schlimmerem zu werden. Auf den Straßen und in den Kneipen ist von alledem nichts zu spüren. Wer auf der Straße fragt, findet kaum jemanden, der Angst hat. Aber natürlich kann man diejenigen, die nicht gekommen sind, nicht fragen. 

Die Polizei hat wenig zu tun

Vor dem Karneval war die Sorge durchaus spürbar. Wegen Silvester und auch wegen Nizza wurde das Sicherheitskonzept in diesem Jahr erneut verschärft, über die Vorkehrungen wurde viel berichtet. Nun sind Zufahrtsstraßen mit Betonsperren oder Wasserwerfern verstellt, an vielen Stellen stehen Polizisten mit Maschinenpistolen, die Sicherheitskräfte sind präsent – noch deutlich mehr als in den Jahren zuvor.

Am Rosenmontag hat die Polizei allerdings wenig zu tun. Insgesamt seien es überdurchschnittlich ruhige Tage gewesen, sagt eine Sprecherin der Bundespolizei. Wenige Einsätze habe es an diesem Montag gegeben: Eine betrunkene 13-Jährige musste in Gewahrsam genommen werden, eine Reihe von Diebstählen, einer jungen Frau wurde an die Brust gefasst. Kontrolliert würden vor allem Gruppen, die als Soldaten oder Polizisten verkleidet sind und echt aussehende Waffenattrappen dabeihaben. Natürlich würde man auch andere Gruppen kontrollieren, wenn sie irgendwie auffällig werden. Bisher sei das aber kaum nötig gewesen, so die Sprecherin. Am Hauptbahnhof sind keine intensiven Kontrollen zu beobachten, wie die, von denen vergangenes Silvester berichtet wurde.