ZEIT ONLINE: Der gerade verbotene Berliner Moscheeverein Fussilet 33 wurde schon lange beobachtet. Seit 2015 war das Verbot geplant. Im Islamunterricht wurden dort offenbar Menschen gezielt radikalisiert. Der Terrorist Anis Amri betete dort. Warum dauert es so lange, eine Moschee zu verbieten?

Susanne Schröter: Freie Religionsausübung ist ein Verfassungsrecht, das jeder Mensch und jeder Verein hat. Wenn Extremisten im religiösen Gewandt auftreten, behaupten sie, ihre intolerante und demokratiefeindliche Ideologie sei in ihrer Religion begründet. Es ist dann für Außenstehende sehr schwer auseinanderzudividieren, was Religion und was Extremismus ist. Hinzu kommt, dass nicht auf Deutsch sondern auf Arabisch, Türkisch oder einer anderen Sprache zu Gewalttaten aufgerufen wird.

Außerdem macht die Polizei oft die Erfahrung, dass das Material, dass sie etwa in einer Hausdurchsuchung gefunden hat, vor Gericht keinen Bestand hat. Deshalb sind Ermittler oft sehr vorsichtig. Ich würde mir wünschen, dass Politiker, Polizei und Gerichte im Vorfeld besser zusammenarbeiten und gemeinsam dafür sorgen, dass bestimmte Grenzen nicht mehr überschritten werden. Ein weiteres Problem dabei ist allerdings der Personalmangel. Die Polizei hat nicht die Möglichkeit, etwa alle Gefährder zu überwachen.

ZEIT ONLINE: Und was bringt die Schließung der Moschee? Die Islamisten werden sich auch ohne angemeldeten Verein treffen oder einen neuen gründen.

Susanne Schröter leitet das Forschungszentrum Globaler Islam an der Uni Frankfurt. © privat

Schröter: Ja, natürlich können die schon Radikalisierten unter einem neuen Label weitermachen. Für sie ist ein solches Verbot sogar Wasser auf die Mühlen. Sie werden wieder die Idee befeuern, die deutsche Gesellschaft sei islamfeindlich. Diese Leute werden aber auch keine Demokraten, wenn man ihnen große Spielräume lässt. Ich plädiere dafür, zu zeigen, dass die Demokratie wehrhaft ist. Denn vor allem die jungen Leute werden wahrscheinlich abgeschreckt, die es cool finden, mit langen Gewändern Protest auszudrücken, die aber noch nicht ideologiefest sind.

ZEIT ONLINE: Sie plädieren aber auch für Prävention.

Schröter: Ja, Extremismus ist eine Jugendbewegung – und als solche unglaublich faszinierend. Jugendliche provozieren heute nicht mehr mit bunten Haaren, sondern mit einem Gesichtsschleier oder einem langen Bart. Nicht muslimische Teenager konvertieren heute direkt in den Salafismus hinein. Prävention im Sinne von Demokratie- und Toleranzerziehung ist deshalb grundlegend, damit junge Leute nicht in die Fallen der Extremisten laufen. Damit sie fähig werden, die Pluralität unserer Gesellschaft mitzusteuern, statt sich überfordert abzuwenden. Das gilt nicht nur für Migranten, sondern für alle. Das kann in Initiativen stattfinden, vor allem aber sollte die Schule das übernehmen – denn dort sind alle Jugendlichen. Aber dafür brauchen wir mehr Fortbildung, Geld und Personal.

ZEIT ONLINE: Es heißt, dass sich junge Menschen eher durch Prediger im Internet radikalisieren und nicht in die normalen Moscheen gehen. Hat sich das geändert?

Zweifel und Zwischentöne stehen in den konservativen Moscheen nicht hoch im Kurs

Schröter: Das war noch nie so. Die sogenannten lone wolfs, die sich allein im Internet radikalisieren, gibt es nur sehr selten. Fast alle Islamisten stellen eine ganz enge Verbindung zwischen online und offline her. Man geht auf eine islamische Veranstaltung, man schaut sich Videos in den sozialen Medien an. Man trifft sich – auch in Moscheen. Die Gemeinschaften sind ja gerade das Attraktive. Hier werden die Jugendlichen aufgenommen und finden eine Heimat.

ZEIT ONLINE: Die meisten Moscheen distanzieren sich vom Islamismus, einige wollen mit ihrer Arbeit auch präventiv dagegen arbeiten. Gelingt die Prävention durch die Moscheen?

Schröter: Es war eine Zeit lang der Trend, Moscheegemeinden in die Präventionsarbeit einzubinden. Das ging leider häufig schief, weil man nicht kommuniziert hatte, was unter Prävention verstanden wird. Die Moscheen versuchen oft ihre Jugendarbeit über das Etikett Prävention zu finanzieren. Geschlechtergetrenntes Schwimmen kann den Jugendlichen guttun. Den Koran und Arabisch lernen oder Hilfe bei den Hausaufgaben auch. Aber das ist nicht das, was wir unter Präventionsarbeit verstehen, nämlich die Regeln von Demokratie und Toleranz einzuüben. Woher sollen die Moscheen das aber auch können?

ZEIT ONLINE: Hilft der Islamunterricht in den Moscheen nicht? Besseres Wissen über die Religion gilt doch als gute Präventionsmaßnahme, weil es die Gewaltverherrlichung und die radikale Unterscheidung von Gut und Böse aufhebt, die die Extremisten propagieren.

Schröter: Zweifel und Zwischentöne stehen zumindest in den konservativen Moscheen nicht hoch im Kurs. Sie präsentieren den Islam auch als eine reine, nicht hinterfragbare Wahrheit. Wer sich nicht daran hält, landet in der Hölle. Wenn man sich die Predigten anhört, sind sie in vielerlei Hinsicht problematisch, obwohl natürlich in den allermeisten Moscheen keine Gewalt gepredigt wird. Oft wollen sie sich jedoch von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen und die Jugend exklusiv bei sich behalten. Musik ist für viele fromme Muslime haram, also verboten. Eine nicht muslimische Freundin zu besuchen, gilt für ein muslimisches Mädchen schon als problematisch, weil der Bruder vielleicht mit am Tisch sitzt.

ZEIT ONLINE: Aber es gibt doch auch liberale Moscheen.

Schröter: Natürlich, es gibt die ganze Bandbreite. Präventionsprojekte müssen sich genau anschauen, mit welchen Moscheen sie zusammenarbeiten. Das machen sie aber meist nicht.

ZEIT ONLINE: Haben Sie eine Idee, wie Moscheen für die deutsche Gesellschaft transparenter werden können?

Schröter: Das ist sehr schwierig, denn es gibt im Islam keine Kirche. Selbst bei den Verbänden kann man nicht immer wissen, in welche Richtung sie gehen. Die türkische Verband Ditib war einmal der geeignete Partner für deutsche Behörden, doch das gilt nicht mehr. Jenseits der türkischen Verbände geht es sogar regelrecht anarchisch zu. Das kann auch sehr liebenswert sein, weil die Moscheegemeinden so autonom sind.

Ich habe mir in Hessen in einer Kommune alle Moscheen angeschaut und mit den Menschen viel Zeit verbracht und sogar gebetet. Daher kenne ich das Innenleben etwas. Wenn ein Vorstand radikal ist, zieht der schnell Jugendliche an, die sich von ihm begeistern lassen. Aber die gesamte Gemeinde kann sich allein mit einem neuen Imam wieder verändern. Plötzlich handeln die Predigten davon, wie die Gemeindemitglieder Gewalt verhindern können oder die Polizei kommt zu Besuch und darf um junge Leute werben. Die Fussilet-Moschee verfolgt schon seit Jahren einen extremistischen Kurs – in anderen Moscheen ist viel mehr Fluktuation. Langfristig lohnt es sich auf jeden Fall, die Gemeinden in den Kommunen, etwa Nachbarschaftsprogramme einzubinden, damit die Gesellschaft mehr zusammenwächst.

ZEIT ONLINE: Und kurzfristig?

Schröter: Sowohl Muslime als auch Nichtmuslime müssen sich bewusst machen, dass wir deutlich gegen islamistischen Extremismus vorgehen müssen. Die Muslime dürfen sich nicht dadurch angegriffen fühlen und die Nichtmuslime sollten nicht befürchten, dass sie als Islamfeinde beschimpft werden.