Sie halten Konzept und Ablauf der Sendung für planlos und chaotisch? Dazu nur so viel: Von Planlosigkeit kann keine Rede sein. Die sogenannten "Talk-Shows" haben, wie eine Vielzahl anderer TV-Events auch, mit dem "öffentlich-rechtlichen" Rundfunkprogramm seit Langem nichts mehr zu tun. Es handelt sich um Produktionen "freier" Produktions-GmbHs (in diesem Fall: Vincent TV GmbH, Geschäftsführerin Sandra Maischberger), die nach ausschließlich (!) marktwirtschaftlichen Kriterien irgendeinen beliebigen "Content" produzieren und sodann an eine Fernsehanstalt verkaufen. Die sogenannten "Formate" der Redeschauen sind nach Personen benannt, die als geistige Inspiratoren beworben werden und deshalb immerzu mit empathischem Augenaufschlag und wissend-ironischem Mundwinkelgekräusel in die Kameras blicken müssen, selbst wenn sie vom Thema der Sendung so viel Ahnung haben wie das Huhn vom Langstreckenflug.

Es geht, anders gesagt, weder um Auseinandersetzung mit ernsthaften Argumenten, noch um Information des Bürgers, sondern allein darum, auf jede nur erdenkliche Weise Quote zu generieren. Wer das "Trash" nennt, liegt nicht weit weg von der Wahrheit. Die Redaktionen im Hintergrund überlegen, wie es scheint, zunächst, welche sinnfreie, aber spektakuläre These man einmal ins Getümmel werfen könnte. Sodann akquiriert man dazu irgendwelche Gäste mit dem Hinweis, ihre Meinung und Sachkenntnis seien für die Sache hochbedeutend. Schließlich kombiniert man die Versuchspersonen nach dem Kriterium: Je mehr Krawall, desto später wird weggezappt. Dies ist das intellektuelle Grundgerüst und zugleich die künstlerische Erfüllung.

… und Opfer-Formate

Wichtigste Figur für jede Sprech-Schau ist ein Opfer, gern auch "Betroffener" genannt – betroffen von was auch immer. Es kommt nicht darauf an, wer, warum, wie, ob überhaupt, warum oder was: Ein Betroffener oder eine Betroffene muss auf jeden Fall dabei sein. Ohne die geht es nicht, denn die Zuschauer können sich die philosophische Frage, ob der Hartz-IV-Satz ausreicht, einfach nicht vorstellen, ohne eine zerwuschelte Sozialhilfeempfängerin darüber weinen zu sehen.

Das Opfer erhebt sich dramaturgisch gern aus dem lieben Publikum, kommt also regiemäßig direkt aus dem Volk. Mal ist es betroffen von der Polizei, mal vom Gegenteil, mal von der Steuerlast, mal von der Steuerfreiheit, mal vom Fluglärm, mal von der schlechten Anbindung an den Flughafen. Der Idealfall des Betroffenen ist ein betroffener "Experte" (Rechtsanwalt, vom Mandanten betrogen; Richter, vom Verbrecher überfallen; Polizist, vom "Nafri" beleidigt – sowas halt).

Die jeweilige Sprech-Meisterin wendet sich dem/der Betroffenen mit dem ganzen Maß der hart antrainierten Betroffenheit zu und behauptet, es handle sich um einen besonders berührenden "konkreten Fall", der aber höchstwahrscheinlich zugleich einen "Trend", eine allgemeine Lage, eine Tendenz, eine Entwicklung oder einen Skandal belege. Ob das stimmt, spielt keine Rolle und wird im Fortgang der Sendung auch nicht weiter untersucht.

Meist ist die Beispielhaftigkeit frei erfunden, darf aber auf keinen Fall im Kreis der Talkenden infrage gestellt werden (das führt zum Eingreifen des Regisseurs oder zum Herausschneiden). Ganz wichtig: Der sogenannte Fall muss sich mit dem Attribut "immer mehr" oder "immer schlimmer" verbinden lassen. Der Fall ist regelmäßig extrem schlecht recherchiert und in den Fakten unklar, damit nicht etwa einer der vorgeführten "Experten" irgendetwas Belangvolles dagegen einwenden kann. Kein Zufall, sondern Programm. Denn wann immer ein Talkgast entweder auf Einzelheiten eingehen oder deren behauptete Beispielhaftigkeit bestreiten will, wird ihm von der Moderatorin öffentlich entgegengehalten, nichts Genaues wisse man nicht, und die Einzelheiten des Falles seien doch hier angesichts dieser Betroffenheit (!) doch nun wirklich nicht wichtig.

Wenn also etwa im einleitenden "Einspieler" (das ist irgendein hanebüchenes Filmchen, das der Talkshowgast selbstverständlich vorher nicht zu Gesicht bekam) behauptet wird, ein Laden sei "dreimal ausgeraubt" worden, und dies mit Videoaufnahmen eines Diebstahls belegt wird, darf der geladene "Rechtsexperte" (in diesem Fall der Kolumnist) keinesfalls richtigstellen, es handle sich hier doch offenkundig gar nicht um ein Verbrechen des "schweren Raubs", sondern um ein Vergehen des Diebstahls. Er darf auch keinesfalls anmerken, er (und die fünf Millionen Zuschauer) könne die Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft zu dem Fall in der laufenden Fernsehsendung gar nicht beurteilen, so lange man die Zusammenhänge im Einzelnen nicht kenne.

"Verhöhnung der Opfer! So ist die Justiz!", ruft Rainer Wendt, der links neben dem Kolumnisten platziert wurde. Er ist der Vorsitzende einer ziemlich krawalligen Polizeigewerkschaft, die sich seit Jahr und Tag in den Medien aufführen darf, als sei sie die Pressestelle sämtlicher deutscher Innenministerien und Polizeipräsidenten zusammen. Herr Wendt ist aber keineswegs Polizeipräsident von Deutschland, sondern war früher einmal Hauptkommissar bei der Schutzpolizei. Zu seiner Unterstützung hat er eine gute Freundin mitgebracht, die als "Streifenpolizistin" vorgestellt wird, allerdings auch als Ehefrau des stellvertretenden Vorsitzenden derselben Gewerkschaft hätte begrüßt werden können. Sie wirkt als Dozentin an einer Polizeischule, was sie bei Bewunderern alsbald in den Rang einer "Professorin" befördert. Die Professorin "an der Front" erzählt die Geschichte einer Bedrohung, die stattfand, als ihre Kinder sich im "kindergartenpflichtigen Alter" befanden. Das muss schon ein paar Jährchen her sein, geht der Moderatorin aber als untrüglicher Beweis dafür durch, dass in Deutschland letztens alles immer schlimmer werde.