Ging es zuletzt um Flüchtlinge und Integration, bestimmten meist die zahlreichen jungen Männer unter ihnen das Thema. Es sind aber auch viele Mädchen und Frauen nach Deutschland gekommen, in den Jahren 2015 und 2016 stellten rund 384.000 weibliche Geflüchtete einen sogenannten Asylerstantrag. Damit ging jeder dritte Antrag auf Mädchen und Frauen zurück. Gleichwohl finden sie in der öffentlichen Debatte wenig statt.

Doch sollte gerade auf sie ein größerer Fokus gelegt werden, denn geflüchtete Frauen kommen in der Regel mit weniger Bildung und Erwerbserfahrung nach Deutschland als die geflüchteten Männer. Darin stimmen verschiedene neuere Untersuchungen zu unterschiedlichen Gruppen volljähriger Geflüchteter überein. Das Forschungszentrum des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) beziffert den Anteil der Asylerstantragstellerinnen des ersten Halbjahres 2016, die keine Schule besucht haben, auf 16 Prozent. Bei den Asylerstantragstellern sind es dagegen sieben Prozent.

Umgekehrt haben 35 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer eine höhere Bildungseinrichtung besucht, also eine Hochschule oder ein Gymnasium.

Integration über den Arbeitsmarkt

Die Situation unterscheidet sich stark je nach Herkunftsland: Im Irak haben 30 Prozent der Frauen, und damit viel häufiger als Männer, keine formelle Schulbildung – bei den Männern sind es nur acht Prozent. Anders das Bild bei den aus dem Iran Geflohenen: Hier geben Frauen mit 38 Prozent häufiger als Männer mit 27 Prozent einen Hochschulbesuch an.

Im Durchschnitt bringen geflüchtete Frauen zudem weniger Erwerbserfahrung aus ihren Herkunftsländern mit als geflüchtete Männer. Einer repräsentativen Befragung von Geflüchteten zufolge, die 2016 vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dem Bamf und dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) durchgeführt wurde, kommen 81 Prozent der Männer bereits mit Berufserfahrung nach Deutschland. Bei den Frauen gilt dies nur für 50 Prozent. Aber auch hier wird das Bild vielfältiger, wenn man genauer hinsieht: Bei den Asylerstantragstellenden des Jahres 2015 mit Hochschulbesuch unterscheidet sich die Erwerbstätigenquote im Herkunftsland zwischen den Geschlechtern kaum, so das Bamf.

Deutschland setzt bei der gesellschaftlichen Integration von Geflüchteten stark auf die Integration in den Arbeitsmarkt. Geflüchtete Frauen mit ihren im Durchschnitt ungünstigeren Bildungsvoraussetzungen und geringeren Erwerbserfahrungen sind da im Nachteil. So sind der Bamf-Flüchtlingsstudie 2014 zufolge in Deutschland zwar 50 Prozent der männlichen, aber nur 12 Prozent der weiblichen Asylberechtigten und anerkannten Flüchtlinge erwerbstätig. Zudem ist Teilzeit oder geringfügige Beschäftigung bei den Frauen deutlich häufiger als bei den Männern.

Ebenso im Verhältnis häufiger arbeiten Frauen im Reinigungsgewerbe, im Verkauf, im Bereich Tourismus, Hotel und Gaststätten sowie in nichtmedizinischen Gesundheitsberufen wie etwa jenem der Kosmetikerin. In Bereichen also, die eher gering entlohnt werden. Auch aus anderen europäischen Ländern wie Schweden oder Großbritannien wissen wir, dass geflüchtete Frauen im Vergleich zu Männern nur verzögert und in geringerem Umfang eine Erwerbsarbeit annehmen. Nach zehn Jahren Aufenthalt liegt die Beschäftigungsquote bei den nach Schweden geflüchteten Frauen bei rund 50 Prozent, unter Männern bei rund 60 Prozent.

Diese aus den Herkunftsländern mitgebrachten Nachteile werden in Deutschland bislang noch nicht durch mehr Bildung für Frauen aufgefangen. Vielmehr deuten die bisher vorliegenden Befunde auf eine Fortsetzung dieser Nachteile hin, deren Gründe noch genauer erforscht werden müssten.

Ein Korsett einengender kultureller Normen

Laut Bamf-Flüchtlingsstudie 2014 nehmen weibliche Asylberechtigte und anerkannte Flüchtlinge seltener an Sprachkursen in Deutsch teil und nutzen häufiger als Männer innerhalb wie außerhalb des eigenen Haushalts die Muttersprache. Der repräsentativen Befragung von Geflüchteten aus dem Jahr 2016 zufolge nehmen Frauen ferner seltener an Integrationskursen teil. 

Gleichwohl berichten auch die Frauen von einer hohen Motivation, eine Arbeit anzunehmen: 85 Prozent im Vergleich zu 97 Prozent der Männer geben an, "sicher" oder "wahrscheinlich" eine Erwerbsarbeit in Deutschland ausüben zu wollen.

Damit geflüchtete Frauen dieser Motivation nachkommen und dem deutschen Arbeitsmarkt möglichst als Fachkräfte zur Verfügung stehen können, wäre es sinnvoll, sie besonders zu fördern. Dafür brauchen wir genauere Kenntnisse der Barrieren, die geflüchtete Frauen in Deutschland beim Bildungserwerb und bei der Teilhabe am Arbeitsmarkt überwinden müssen und wie sie dabei am besten unterstützt werden können. Welche Bildungsangebote benötigen welche Gruppen geflüchteter Frauen? Wie können sie bei Kinderbetreuung und Familienarbeit entlastet werden? Was brauchen sie und ihre Familien, um das Korsett einengender kultureller Normen aufzuschnüren?

All dies setzt aber voraus, dass die besondere Situation geflüchteter Mädchen und Frauen in Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit erst mal wahrgenommen – und damit breiter diskutiert wird.