Am Morgen nach dem tödlichen Angriff im Zentrum Londons ist die Westminster Bridge gespenstisch verwaist. Nur der Lärm mehrerer Hubschrauber durchbricht die Stille. Polizisten in Signalwesten sichern die Zugänge zur Brücke, die mit Absperrbändern abgeriegelt sind. In der Mitte der Brücke steht auf dem Gehweg ein Zelt, das Forensiker aufgebaut haben. Hier hat am Tag zuvor Khalid Masood seinen Geländewagen in die Menge gesteuert, zwei Passanten getötet und Dutzende Menschen zum Teil schwer verletzt.

Schon am frühen Nachmittag aber ist die Westminster Bridge wieder für den Verkehr geöffnet. In dem Parlamentsgebäude auf der anderen Seite der Brücke geht der parlamentarische Alltag weiter. Das war eine bewusste Entscheidung: Die Regierung und die Abgeordneten wollten damit ein Zeichen setzen. Die Abgeordneten des Unterhauses befragen Regierungsvertreter zum internationalen Handel und zur Gleichberechtigung von Frauen. Demonstrative Normalität.

Gegen 10.30 Uhr unterbricht Premierministerin Theresa May dann doch die Debatte. May tritt an das Rednerpult. Sie trägt Schwarz. Sie sagt: "Gestern wurde versucht, mit einem Terrorakt unsere Demokratie zum Schweigen zu bringen. Aber heute treten wir wie gewohnt zusammen, so wie es Generationen vor uns getan haben und wie es zukünftige Generationen tun werden, um eine einfache Botschaft zu vermitteln: Wir haben keine Angst und unsere Entschlossenheit wird niemals dem Terrorismus weichen."

Ein Terrorist sei "zu dem Ort gekommen, an dem sich Menschen aller Nationalitäten und Kulturen treffen, um zu zelebrieren, was es bedeutet, frei zu sein", sagt May. Aufgrund der andauernden Ermittlungen könne sie den Abgeordneten gewisse Informationen noch nicht zukommen lassen, erklärt May dann. Was sie aber sagen könne: Unter den mehr als 40 Opfern des Angriffes seien Briten, Franzosen, Rumänen, Südkoreaner, Griechen sowie Menschen aus Deutschland, Polen, Irland, China, Italien und den USA. Die Regierung in London stehe im Kontakt mit den Regierungen dieser Länder. Zwei der drei Polizisten, die bei der Amokfahrt ebenfalls verletzt worden seien, schwebten noch in Lebensgefahr. May erinnert an den 48-jährigen Polizisten Keith Palmer, den der Angreifer im Vorhof des Parlaments erstochen hat.

Die Polizeipräsenz in den Straßen wird erhöht

May bestätigt Medienberichte, wonach in der Nacht auf Donnerstag in Birmingham und London acht Personen festgenommen worden sind. Die Ermittler gingen weiterhin davon aus, dass der Angreifer alleine gehandelt habe, fügt sie hinzu. Was May zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen kann, ist, dass die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) die Tat für sich beansprucht.

Der mutmaßliche Angreifer, den Scotland Yard später am Tag Khalid Masood aus Mittelengland identifizert, sei in Großbritannien auf die Welt gekommen, sagt May dann. Vor einigen Jahren hätten die Behörden gegen ihn ermittelt wegen des Verdachts, dass er gewalttätigem Extremismus zugeneigt sein könnte. Er sei jedoch nur als "Randfigur" betrachtet worden. Zum Zeitpunkt des Angriffs seien die Sicherheitsdienste nicht davon ausgegangen, dass von ihm eine Gefahr ausgehe.

"Wir gehen davon aus, dass der Angreifer von der islamistischen Ideologie inspiriert worden ist", sagt May dann. Die Öffentlichkeit sollte sich von dieser "sehr realen Bedrohung" jedoch nicht einschüchtern lassen. Seit 2013 hätten die Sicherheitsdienste 13 geplante Terroranschläge verhindert. In den kommenden Tagen werde landesweit die Polizeipräsenz in den Straßen erhöht. May blickt nach oben, in Richtung der Besuchergalerie. Frankreichs Außenminister Jean-Marc Ayrault sei heute im Parlament zugegen, sagt sie. "Sir, wir wissen Ihre Anwesenheit und Ihre Solidaritätsbekundung zu schätzen."

Auf den Straßen Londons spürt man an diesem Tag von dem Vorfall des Vortages eigentlich nichts. Bis auf die massiven Staus, die sich wegen der andauernden Sperrungen um das Regierungsviertel Westminster herum bilden, geht auch der Berufsverkehr seinen normalen Gang. Im persönlichen Umgang sind die Menschen allenfalls noch höflicher als ohnehin schon. Vielleicht ist das eine britische Reaktion auf die mörderische Gewalt: Bloß nicht aus der Ruhe bringen lassen.