Nun wissen wir, dass wir leider gar nicht cool lächeln können. Denn etwa 60 Prozent der Deutschtürkischen, die zur türkischen Wahl gingen, wählten Erdoğan. So viele stimmen am 16. April vielleicht auch für seine Verfassungsreform, die ihm noch mehr Macht sichern soll. In der Türkei selbst bekommt er prozentual sicher weniger Stimmen. Dort erklärt sich seine Popularität immerhin damit, dass tatsächlich einiges im alltäglichen Leben besser geworden ist, etwa in der Infrastruktur. Doch davon haben die Deutschtürken gar nichts. Sie werden auch nicht betroffen sein, wenn die Freiheit der Türken weiter eingeschränkt wird, sollte eine Mehrheit der Türken für die Einführung eines Präsidialsystems stimmen. Sie werden nicht darunter leiden, wenn Erdoğan seine Drohung wahr macht und die Todesstrafe wieder einführt.

Ein Teil der Deutschtürken identifizieren sich trotzdem mehr mit der Türkei als mit Deutschland. Sie schauen türkisches Fernsehen, sie lesen türkische Zeitungen, sie gehen in türkische Moscheen, die von der türkischen Regierung finanziert werden. Sie nehmen vielleicht wahr, was in deutschen Medien gesagt wird – aber sie glauben es nicht. Denn manche Türken in Deutschland, die ihrem ländlich-konservativen und religiösen Milieu verhaftet geblieben sind, fühlen sich hier nicht willkommen. Das gilt sogar für viele, die hier aufgewachsen und zur Schule gegangen sind. Sie sehen sich als Opfer einer Gesellschaft, die sie nicht haben will. So wie Erdoğan tatsächlich einmal Opfer einer korrupten Gesellschaft war und sich heute unberechtigterweise noch als Opfer stilisiert, wenn andere es wagen, ihn zu kritisieren.

Integration war kein Thema

Viel zu lange war Integration in Deutschland kein Thema, und auch heute diskutieren viele Politiker lieber über ein Kopftuchverbot und Ausweisungen, statt Muslime in die Verantwortung zu nehmen – und genug Geld zur Verfügung zu stellen, um auch den neuen Einwanderern eine reale Chance auf Integration zu ermöglichen. Sie haben also wirklich Grund, sich nicht willkommen zu fühlen.

Sich selbst schließlich in der Opferrolle einzurichten ist dabei auch keine türkische oder muslimische Macke. Unter Russlanddeutschen gibt es ein ähnliches Phänomen – und unter Deutschen und Amerikanern, die sich abgehängt fühlen, ebenso. Irgendwann prallen alle Gegenargumente an ihnen ab. Kritik lassen sie nicht mehr zu. Demagogen, die sie in dieser Rolle zu packen kriegen, haben es leicht.

Die Konsequenz kann deshalb erst recht nicht sein, alle Reden zu verbieten, die türkische Politiker in Deutschland halten. Das würde Erdoğans Anhänger noch mehr bestärken in ihrer Überzeugung, hier nicht ernst genommen zu werden.

So wie deutsche und türkische Politiker trotz aller Schwierigkeiten miteinander reden müssen, statt sich in einen Kleinkrieg aus Verboten zu verstricken, wäre es auch wichtig, Gegner und Fans von Erdoğan in Deutschland in konstruktive Gespräche zu verwickeln, damit sich verhärtete Fronten abbauen können. Und noch wichtiger: Es muss mehr in politische Bildung investiert werden – und zwar für alle. Nicht um von oben herab zu belehren, sondern um Demokratie und Freiheit zu erleben. Es muss darum gehen, dass sich die Menschen selbst zutrauen, hier in Deutschland gesellschaftlich und politisch Verantwortung zu übernehmen, damit sie sich mit dem Land identifizieren können, in dem sie leben. Denn wer sich als Opfer empfindet, ist für Argumente nur noch schwer empfänglich.

Wir haben einen Fehler im Text korrigiert: Nicht 60 Prozent der 1,4 Millionen in der Türkei wahlberechtigten Menschen in Deutschland wählten Erdogan. Sondern nur 60 Prozent derjenigen, die auch zur Wahl gingen.