Was ich all den Erdoğan-Fans, besonders den hier geborenen, mitteilen möchte: Wir Deutschtürken, die nicht Feuer und Flamme sind für den Mann mit Großmachtfantasien, sind auch nicht mit Samthandschuhen angefasst worden; auch uns ist nichts geschenkt worden, auch wir mussten uns gegen Widerstände durchsetzen – ich bin auch in die Hauptschule geschickt worden, auch von Mitschülern schikaniert worden und auch später nicht als Gleiche unter Gleichen behandelt worden.

Um mit den Worten des türkeistämmigen Wissenschaftlers Ahmet Toprak, der über junge Deutschtürken forscht, zu sprechen: "Man muss nicht zum Erdoğan-Anhänger werden, weil man diskriminiert wurde." Recht hat er!

Wir, die anderen Deutschtürken, haben uns nicht in der Opferrolle eingerichtet. Ich frage mich aber ernsthaft, was denn so anders verlaufen ist in unserer Identitätsbildung – und -findung, dass wir keine "Dumpfbacken" geworden sind. Was haben unsere Eltern, die sich doch auch fremd und nicht angenommen fühlten in diesem Land, anders gemacht? Was also hat dazu beitragen, dass mein Rechtsempfinden stark ausgeprägt ist und ich Demokratie von Despotie unterscheiden kann? Dass ich mich nicht von einer allmächtigen Vaterfigur, die Erdoğan offensichtlich für die anderen ist, vor den Karren spannen lasse?

Tiefsitzender Minderwertigkeitskomplex

Es gibt dazu ein paar mir einleuchtende Theorien, etwa aus der Sozialpsychologie, mit denen das Verhalten der Erdoğan-Anhänger erklärt werden kann.

"Der Diaspora-Nationalismus hängt zusammen mit kollektiv nicht bearbeiteter Gewalterfahrung und kollektiver Verdrängung von Gewalt und Demütigung", glaubt zum Beispiel mein guter Freund Dursun Tan, der auch aus der Türkei stammt und Soziologe ist. Zudem gebe es einen Minderwertigkeitskomplex, der durch Allmachtfantasien kompensiert werde – stellvertretend erfülle Erdoğan dies bei seinen Anhängern.

In gesellschaftlichen Gruppen mit Minderwertigkeitskomplexen werde Selbstkritik gleichgestellt mit Schwäche und Schuldeingeständnis. Eine Anerkennung durch die Mehrheitsgesellschaft würde daher nicht viel bringen, sagt Dursun. Denn wer durch Minderwertigkeitskomplexe geprägt sei, suche bei allen Erfahrungen, die er mache, nach einer Bestätigung für dieses Gefühl.

Eine Menge Frust

Natürlich habe sich bei den Deutschtürken eine Menge negativer Migrationserfahrung angestaut, sagt Dursun. Auch eine Menge an Frust. Trauerarbeit über Verluste und nicht bewältigte Trennungen würden helfen, meint er, sich anders zu positionieren.

Was uns Erdoğan-kritische Deutschtürken von seinen Anhängern unterscheidet, mag also damit zusammenhängen, dass unsere Eltern uns den Minderwertigkeitskomplex nicht weitervererbt haben, sie und wir uns unserer Geschichte – auch der familiären – gestellt und uns mit ihr auseinander gesetzt haben. Geholfen hat uns dabei die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Diese fehlt Erdoğan und seinen Anhängern bisher.

Die gute Botschaft am Ende: Trauerarbeit, Arbeit an der eigenen Geschichte, den eigenen Wunden und Traumata hilft heraus aus der Sackgasse der Opferrolle. Auch für "Dumpfbacken" gibt es also eine Chance, zur reflektierten erwachsenen Persönlichkeit heranzureifen. Wenn sie möchten.