Der deutsche Staat hat gern mit der Ditib, dem türkischen Islamverband, zusammengearbeitet – bundesweit in der Islamkonferenz, auf Länderebene etwa bei der Gestaltung des Islamunterrichts und lokal in der Jugendarbeit. Doch die Harmonie ist längst gestört. Nordrhein-Westfalen zum Beispiel hatte die Kooperation mit der Ditib für das Präventionsprojekt Wegweiser gekündigt. Rheinland-Pfalz überlegt noch, ob es die Ditib als Partner für den Islamunterricht haben möchte. 

Spätestens als bekannt wurde, dass Ditib-Imame hier im Auftrag des türkischen Staats Menschen mit türkischen Wurzeln bespitzelt haben, hätte auch die Bundesregierung ein Stopp-Zeichen hochhalten sollen. Was sie nicht tut.

Eine einfache Lösung gibt es allerdings tatsächlich nicht: Mal eben die Ditib ausladen aus der Islamkonferenz oder sämtliche Kooperationen kündigen, das wäre unvernünftig – und zwar nicht nur aus Rücksicht auf den Flüchtlingsdeal mit der Türkei. Ließe man die Zusammenarbeit ganz platzen, geriete das mühsam aufgebaute Netz an Projekten und Konferenzen ins Kippen, das Muslime besser in der deutschen Gesellschaft teilhaben lässt. Vielleicht muss man in manchen Bereichen ganz auf Los zurück, aber das geht nicht im Eilverfahren.

Die Zusammenarbeit mit der Ditib war von vornherein ambivalent: Sie war praktisch und konstruktiv – und gleichzeitig ziemlich absurd. Denn rund 1.000 Imame, die in den Ditib-Moscheen in Deutschland arbeiten, werden von der türkischen Religionsbehörde Diyanet bezahlt und nur für befristete Zeit nach Deutschland geschickt. Sie waren also seit jeher dem türkischen Staat verpflichtet, sprachen wenig deutsch und hatten manchmal keine Ahnung, wie in Deutschland aufgewachsene Menschen denken und fühlen. Ihr Islamverständnis war auch schon immer recht konservativ und passte nicht unbedingt zur Lebenswelt der Gemeinde.

Aber die Ditib ist der größte muslimische Verband in Deutschland: Etwa 900 Gemeinden betreibt er. Die Zusammenarbeit war also sehr praktisch. Denn da es keine muslimischen Kirchen gibt, haben Bundes- und Landesregierungen die Verbände als Notlösung in die Verantwortung genommen. Und je mehr Menschen der Verband vertritt – desto praktischer. Bevor der türkische Staatschef Erdoğan im "Zeitraffer", wie es die Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter nennt, den türkischen Staatsislam verändert hat, galt dieser als moderat und berechenbar. In vielen anderen Moscheeverbänden war viel schwerer einzuschätzen, ob einzelne Gemeinden radikale oder frauenverachtende Prediger einladen oder ob sich über scheinbar private Spenden nicht doch Saudi-Arabien in die Ausrichtung der Moschee einmischt. Oft haben Imame dort gar keine theologische Ausbildung. 

Gelassene Souveränität im Kleinen, Konsequenzen im Großen

Das Bundesinnenministerium schätzt außerdem die Zusammenarbeit mit der Ditib in der Islamkonferenz – ihre Vertreter dort gelten als konstrukiv und verlässlich. Vor Ort machen darüber hinaus viele Ditib-Moscheen Jugendlichen gute Angebote, engagieren sich im Stadtteil – tun also immer noch genau das, was man sich wünscht: Muslime integrieren und sie ermutigen, an der Gesellschaft teilzuhaben. Sie alle mit der Politik Erdoğans zu identifizieren, wäre unfair.

Deshalb sollte im Kleinen die gelassene Souveränität gelten, die die Bundesregierung im Umgang mit den Wahlkampfauftritten türkischer Politiker gezeigt hat: Vertraute Kollegen aus Ditib-Gemeinden sollten etwa in gut funktionierenden Sozialprojekten weiter arbeiten. Als Gesprächspartner kann die Ditib auch weiter an der Islamkonferenz teilnehmen. Denn im Unterschied zur Türkei dürfen hier alle ihre Meinung sagen und Vorschläge machen.

Aber im Großen kann es keine finanzielle Unterstützung für die Ditib vom deutschen Staat geben, solange der Verband sich nicht freimacht von undemokratischen Anweisungen aus der Türkei. Langfristig müssen auch die Kooperationen für den Islamunterricht in einigen Bundesländern überdacht werden. Denn die Verbände entscheiden dort mit, welche Lehrer und Professoren eingestellt werden und wie der Lehrplan aussieht. 

Entweder müssen die islamischen Beiräte, die diese Entscheidungen treffen, sehr breit aufgestellt sein und neben den konservativen Verbänden wie der Ditib auch liberale mitentscheiden lassen. Oder – wenn sie das nicht ertragen – müssen die betreffenden Bundesländer eben doch noch mal auf Los zurück: und einen überkonfessionellen Religionsunterricht oder eine bekenntnisunabhängige Islamkunde anbieten, wie andere Bundesländer es vormachen.

All das kann vieles ins Rutschen bringen. Aber das muss kein Nachteil sein. Schließlich sind nur etwa 30 Prozent aller Muslime überhaupt in den Verbänden organisiert. Die Mehrheit fühlt sich ohnehin nicht von ihnen repräsentiert. Es ist also auch eine Chance, mehr Muslime an wichtigen Entscheidungen teilhaben zu lassen als nur die Verbandsvertreter.