Der Imam erkennt, während er seine Predigt fortsetzt, das Buch, sieht, dass ich darin blättere, und schaut immer wieder, zunehmend nervös, zu mir herüber. Nach dem Gebet eilt er zu mir, lächelt und reicht mir seine rechte Hand, während er mit der linken nach dem Buch greift und zunächst sachte versucht, es mir wegzunehmen. Ich halte dagegen. Der Kameramann kommt dazu und richtet die Kamera auf ihn. Der Imam zieht nun deutlich stärker an dem Buch. Dann lässt er das Buch los, lächelt und sagt: "Ich dachte, das ist Ihr Buch. Das haben Sie mitgebracht." Ich verneine. Daraufhin entgegnet der Imam: "Dann hat das irgendjemand hierhin gelegt."

Kurz darauf kommt ein Moscheebesucher auf mich zu. Die Kamera ist nicht dabei. Seinen Namen nennt er nicht. Er fragt mich in gebrochenem Deutsch: "Bist du Christ?" Ich bejahe. "Ich verstehe nicht, warum sich Christen Mordwerkzeuge um den Hals hängen. Das Kreuz ist ein Mordwerkzeug. Warum tut ihr das?" Ich sage nichts, er redet weiter. "Meine Familie sagt zu mir:'Du bist radikal, du bist Islamist!' Ich sage ihnen, 'ich komme in den Himmel!'" Keiner der umstehenden Moscheebesucher sagt ein Wort. Ich weiß nicht, ob sie verstehen, was der Mann auf Deutsch sagt.

Etwas irritiert kehren wir in die Redaktion zurück. Ich hatte damit gerechnet, ein paar freundliche interreligiöse Bekundungen einfangen zu können. Als ich dann noch den Namen des Autors des Buches googele, stelle ich fest: Es handelt sich um den verurteilten französischen Holocaust-Leugner Roger Garaudy.

Mein TV-Bericht über das Hetzbuch löste zahlreiche Zuschauerreaktionen aus. Viele waren, wie zu erwarten, sehr islamkritisch und forderten eine strengere Überwachung von deutschen Moscheen. "Wir können und dürfen nicht mehr hinnehmen, dass mitten unter uns Hass verbreitet wird in einem sogenannten Haus Gottes. Das ist unerträglich!!!", schreibt Stefan K. dazu auf Facebook. "Das bestätigt leider meine Ängste und Erwartungen", merkt dort Maria R. an.

Ich frage mich: Wenn mir so etwas widerfährt, während wir angemeldet mit einer TV-Kamera, klar erkennbar als Journalisten, in einer Moschee sind, worüber wird dann erst geredet, wenn wir nicht dabei sind? Was für Schriften liegen dann aus? Ich beschließe, dem auf den Grund zu gehen."

Constantin Schreiber: "Inside Islam – Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird"; Econ/Ullstein 2017; 256 Seiten, 18 Euro