Im Regen ist eine Fahrt durch Erbil noch bedrückender als sonst. Neben Dutzenden Rohbauten ragen Baukräne in den grauen Himmel, immer wieder verwaiste Gerüste, Ausfallstraßen enden im Nirgendwo. Am Horizont, keine Autostunde entfernt, liegt die Metropole Mossul, und damit der Krieg. Erbil, Hauptstadt der kurdischen Region, ist ein Sinnbild der nordirakischen Misere. 

In einem weitläufigen Café außerhalb des Stadtzentrums sitzen sieben der insgesamt 40 Männer, die dieser Krise den Kampf angesagt haben. Sie tragen Designeranzüge, keine Kampfuniformen, bunte Einstecktücher, wo andere mit Waffen herumlaufen, dazu akkurat gestutzte Bärte. Sie sind zwischen 18 und 32 Jahren alt und kommen aus allen Teilen der Gesellschaft: Sie sind Banker, Studenten, Mechaniker, Friseure, Regierungsangestellte. Sie sind Muslime, Christen und Jesiden. Sie mögen stilvolle Mode und einen respektvollen Umgang. Sie treffen sich regelmäßig vor historischen Orten in Erbil und präsentieren Fotos davon auf ihrem Instagram-Account. Sie sind Mr. Erbil, Iraks erster Gentlemen’s Club.

"Wir wollen ein anderes Bild von Kurdistan zeigen", sagt Ahmed Nauzad und rührt in seinem Tee. "Wir wollen verdeutlichen, dass es im Irak nicht nur Gewalt und Vertreibung gibt", ergänzt Rawa Salih. "Wallah", ruft Mohammad Abul Khaliq, "klar habe ich mit dem großen Erfolg gerechnet." Alle lachen.

Mohammad Abul Khaliq (li.) und Omer Nehad © Andrea Backhaus für ZEIT ONLINE

Tatsächlich sind Mr. Erbil seit Monaten auf Erfolgskurs. Sie bekommen Anfragen aus ganz Kurdistan, mehr als 400 Bewerbungen sind bei ihnen schon eingegangen. Auch international wächst ihre Fangemeinde. Sie erhalten Interviewanfragen aus Europa, den USA, Australien, ihre Instagram-Seite hat mehr als 76.000 Follower, auf Facebook folgen ihnen fast 30.000 Menschen. Jeden Tag erreichen sie Nachrichten wie: "Ich hätte nie gedacht, dass es Jungs wie euch in Erbil gibt", oder: "Wahnsinn, das Leben in Erbil sieht ja ganz normal aus. Es gibt Cafés und junge Leute wie euch."

Überraschend ist diese positive Resonanz nicht. Die Geschichte von Mr. Erbil ist eine von Mut und Träumen in einem Land, das so viel Zerstörung, Unsicherheit und Angst kennt. Sie ist auch die Geschichte einer Generation von jungen Irakern, die sich auf ihre Herkunft besinnen und zugleich ihre Zukunft neu schreiben wollen. So wie Ahmed Nauzad.

Ahmed Nauzad war in Mannheim, als ihn der Terror einholte. Seine Eltern, irakische Kurden, waren in den achtziger Jahren vor den Angriffen Saddam Husseins nach Deutschland geflohen. Es waren die Jahre, in denen der Konflikt zwischen dem kurdischen Norden und der irakischen Zentralregierung seinen traurigen Höhepunkt erreichte, als Iraks Präsident Hussein mit systematischen Vertreibungen und gezielten Massenmorden auf die kurdischen Autonomiebestrebungen reagierte. Nach der US-Invasion 2003 und dem Sturz Husseins waren Nauzads Eltern in den Nordirak zurückgekehrt. Nauzad war in Mannheim geblieben. Bis zum Sommer 2014.

Es war die Zeit, als der "Islamische Staat" (IS) in den West- und Nordwestirak einfiel, in und um Mossul in rasendem Tempo sein Terrorkalifat errichtete. Als Nauzad die Berichte von den Enthauptungen und Vergewaltigungen sah, wusste er: Er muss zurück in seine Heimat. Er muss seiner Familie in diesen schwierigen Zeiten beistehen. Heute sagt er: "Der Vormarsch des IS ist ein sehr dunkles Kapitel in der irakischen Geschichte."

Als Nauzad nach Erbil zurückkehrte, erlebte er den Frust auf allen Seiten. "Alle waren deprimiert, die meisten meiner Freunde wollten weg", sagt er. Denn im autonomen Kurdengebiet war nach dem Jahr 2014 nichts mehr wie vorher. Zuvor, in den Jahren nach Husseins Sturz, boomte der Nordirak, während sich im Süden Sunniten und Schiiten bekämpften. Im autonomen Gebiet träumten die Kurden hingegen mehr denn je von einem eigenen Staat, für den ihr über Syrien, die Türkei, den Iran und Irak verteiltes Volk seit fast 100 Jahren kämpft. Es sah gut aus, verfügt der Nordirak mit seinen fünf Millionen Einwohnern doch über ein gewähltes Parlament, eine eigene Flagge, mit den Peschmerga gar über eine eigene Streitkraft. Jahrelang profitierte die Region vom wirtschaftlichen Aufschwung und galt politisch als gefestigt.

Doch mit dem Vormarsch des IS im Juni 2014 begann der Abwärtstrend. Der Ölpreis ist eingebrochen und die Zentralregierung in Bagdad gibt keine Mittel mehr, weil die kurdische Regierung ihre Öleinnahmen nicht mit ihr teilt. Da der Nordirak trotz seiner Rohstoffe finanziell von Bagdad abhängt, sind die Auswirkungen überall spürbar. Der Staat kann seit Monaten keine Löhne mehr zahlen, viele Menschen sind arbeitslos, vor allem die jungen Kurden sind frustriert angesichts der korrupten Elite um ihren Präsidenten Masud Barzani. "Die Menschen scheinen wie gelähmt", sagt Nauzad. "Viele hängen nur zu Hause rum, sind lethargisch."

Deswegen wollten Nauzad und zwei seiner Freunde der allgemeinen Abwärtsspirale etwas entgegensetzen. Im Februar 2016 gründeten sie Mr. Erbil. Anfangs suchten sie in den Cafés und sozialen Netzwerken nach Männern, die zu ihnen passen könnten: Männer, die sich für Mode interessieren, vor allem aber gegenüber anderen Religionen, Ethnien und Überzeugungen tolerant sind. Gemeinsam entwickelten sie ihren Kleidungsstil, eine Mischung aus westlichen Einflüssen und dem eigenen kulturellen Erbe. Inspiration finden sie bei den Effendis, einer Gruppe früherer kurdischer Landbesitzer, die schicke Kleidung trug und Salons besuchte.   

Der Kleidungsstil von Mr. Erbil ist eine Mischung aus westlichen und kurdischen Einflüssen © Andrea Backhaus für ZEIT ONLINE

Das Vorbild der Gruppe ist ein Gentlemen’s Club aus Italien: Geschäftsleute, die sich regelmäßig in mondäner Kleidung treffen und Fotos von sich ins Netz stellen. Bei Mr. Erbil sei die Mode aber nicht das wichtigste, sagt Nauzad. Sie sei ein Mittel, um die eigentliche Botschaft rüberzubringen. Und die lautet: Wir wollen einen Imagewandel.

"Viele haben ein schlechtes Bild vom Irak", sagt Rawa Salih. "Vom Norden wie vom Süden." Kein Wunder, fügt er hinzu. Im Norden habe es bis 2003 keine Freiheit gegeben. "Als Kinder hatten wir Angst, dass Saddam uns ausrottet", sagt Salih. Vor seinem Sturz hätten die Kurden abgeschottet gelebt, sie hatten keine Pässe, konnten nicht ins Ausland reisen. Saddam Hussein bespielte alle Fernsehkanäle, erst nach 2003, als sie ausländische Sendungen empfangen und die Welt außerhalb Iraks erkunden konnten, hielt die Moderne Einzug im kurdischen Norden. Vieles habe sich damit verändert, sagt Salih. Die Gesellschaft sei offener geworden, auch wenn das vielen in Europa nicht klar sei. "Im Westen glaubt man, dass der Mittlere Osten ein homogenes, kompliziertes, gewaltaffines Gebilde ist", sagt Salih. "Dabei gibt es so viele Facetten. Das wollen wir zeigen."