Seit März 2017 dokumentiert ZEIT ONLINE die Fälle inhaftierter Journalisten in der Türkei und – wenn es möglich ist – seit wann und aus welchen Gründen die beschuldigten Journalisten festgehalten werden (die Liste finden Sie am Ende des Artikels). Aktuell wissen wir von 154 Fällen. Den meisten wird die Mitgliedschaft oder Unterstützung einer Terrororganisation vorgeworfen.

Vier Monate nach der Entlassung von Meşale Tolu aus türkischer Untersuchungshaft ist der Prozess gegen die Journalistin und Übersetzerin aus Ulm fortgesetzt worden. Zum Auftakt des Prozesstages in Istanbul forderte Tolu ihren Freispruch. Doch der Richter beschloss die Anklage gegen sie und 25 weitere Personen wegen Terrorvorwürfen erst am 16. Oktober fortzusetzen. Die Ausreisesperre für die 33-Jährige und ihren ebenfalls angeklagten Ehemann Suat Corlu lies das Gericht aufrecht. Tolu wurde lediglich von ihrer wöchentlichen Meldepflicht bei der Polizei entbunden. Tolu kann somit auch weiterhin nicht zurück nach Deutschland reisen.

Trotz internationaler Kritik wurden im Prozess gegen die regierungskritische Zeitung Cumhuriyet am Mittwoch 14 der 17 angeklagten Mitarbeiter zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Der Herausgeber Akın Atalay, der Chefredakteur Murat Sabuncu und der Investigativjournalist Ahmet Şık erhielten Haftstrafen von mehr als sieben Jahren. Alle Angeklagten bleiben aber für die Dauer des Berufungsverfahrens in Freiheit. Atalay, der als Einziger noch in Untersuchungshaft saß, wurde vom Gericht unter Auflagen freigelassen.

Die Unabhängigkeit türkischer Gerichte wurde am 20. März 2018 auch vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) kritisiert. Das Gericht entschied, die Türkei dürfe Kritik an der Regierung nicht als Terrorunterstützung ahnden. Konkret ging es dabei um die Inhaftierung der Journalisten Şahin Alpay und Mehmet Altan. Die Türkei habe rechtswidrig gehandelt, als sie die beiden in Gefangenschaft behielt, obwohl das Oberste Gericht Mitte Januar ihre Freilassung angeordnet hatte, entschied der EGMR. Alpay befindet sich seit Mitte März im Hausarrest, Altan sitzt weiter im Gefängnis.

Auch der Welt-Korrespondent Deniz Yücel saß ein Jahr in türkischer Haft. Er wurde am 16. Februar 2018 freigelassen. Erst an diesem Tag wurde Anklage gegen ihn erhoben. Die Staatsanwaltschaft fordert 18 Jahre Haft.

Wer, wann, warum – ZEIT ONLINE dokumentiert

Die Platzierung des EU-Beitrittskandidaten Türkei auf der Liste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen verschlechterte sich seit dem gescheiterten Putschversuch im Sommer 2016 zusehends: Das Land liegt inzwischen auf Platz 157 – bei insgesamt 180 gelisteten Staaten.

Gegen viele der inhaftierten Journalisten liegt keine konkrete Anklage vor, die Vorwürfe sind häufig vage formuliert. Bei anderen kann man nur vermuten, dass die Verhaftung mit ihrer journalistischen Arbeit zusammenhängt. Für Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan jedenfalls macht sich ein Journalist bereits mit Terroristen gemein, wenn er sie interviewt.

Eine Untersuchungshaft in der Türkei kann wegen des geltenden Ausnahmezustands bis zu fünf Jahre dauern.