Der Name ist Programm im Karl-Marx-Hof, einem mehr als eintausend Meter langen Prestigebau des Sozialismus in Wien-Döbling. 1.350 Sozialwohnungen liegen hinter gelben und weinroten Mauern, Paul Posch wohnt in einer davon. "Schon martialisch, nicht?", sagt Posch, 31 Jahre alt, Angestellter in Wien.

Er führt durch das drei Meter hohe Eisentor in den Innenhof. Das Ensemble ist eine kleine Stadt in der großen, es beherbergt Kindergärten, Waschsalons und kleine Läden. Über manche sozialdemokratische Folklore in seinem Gemeindebau muss Posch lächeln, aber dann wird er ernst. Ohne kommunale Wohnung, sagt er, "würd's in meinem Leben rennen wie in Spanien oder Griechenland, wo die Leute noch mit 35 bei der Mama wohnen".

Der Gemeindebau gilt den Wienern als gesellschaftliche Errungenschaft und der Sozialdemokratie als heiliger Gral. Die seit den 1920er Jahren errichteten Wohnhäuser, bis heute im Besitz der Stadt, sind aber nicht der einzige Grund, warum die Wiener wesentlich günstiger wohnen als Menschen in anderen europäischen Städten. Nicht nur gehören 32 Prozent aller Mietwohnungen der Gemeinde, 26 Prozent sind außerdem im Eigentum von gemeinnützigen Immobilienfirmen, die moderate Mieten verlangen. Der Anteil privater Eigentumswohnungen ist in Wien schmal.

Modell der "sanften Stadterneuerung"

Bei neuen Mietverträgen zahlen die Wiener in vielen Bezirken immer noch zehn bis elf Euro Nettokaltmiete pro Quadratmeter und damit in der Regel weniger als in München, Hamburg oder Frankfurt. Anders als Berlin oder Dresden trennte Wien sich nie von kommunalen Wohnungen. Und doch stöhnt man in der Stadt unter ähnlichen Entwicklungen wie anderswo. Wien wächst um rund 30.000 Einwohner pro Jahr, in sechs Jahren werden es knapp zwei Millionen sein. Immer mehr Wiener leben zudem in Einpersonenhaushalten. Auch Wien wird enger – und teurer.

Seit Kurzem macht an der Donau das böse G-Wort die Runde: die Gentrifizierung. Ob es eine Verdrängung der angestammten Bevölkerung durch besser verdienende, jüngere Bewohner aus manchen Vierteln gibt, wird hitzig diskutiert. Dass etwa das Karmeliterviertel im Bezirk Leopoldstadt und der Brunnenmarkt in Ottakring sich von Arbeiterquartieren zu Trendbezirken gewandelt haben, kann jedenfalls niemand übersehen. Die Sozialdemokraten, die seit einem Jahrhundert, unterbrochen nur von den Nazis, den Bürgermeister stellen, sprechen lieber vom Modell der "sanften Stadterneuerung". Gentrifzierung im schlechten Sinne gebe es in Wien nicht, sagt die SPÖ, nur eine Aufwertung mancher Stadtteile ohne Verdrängung.

Die Gentrifizierung verlaufe in Wien eher langsam und schleichend, bestätigt Yvonne Franz, Geografin an der Universität Wien. Mit einer Gruppe von Stadtforschern hat sie monatelang einen der Wiener Bezirke besucht, der sich gerade am meisten verändert, Rudolfsheim-Fünfhaus. Früher galt der Außenbezirk hinter dem Westbahnhof als Schmuddelkind, aber seitdem der Straßenstrich verschwunden ist, siedeln sich vermehrt junge Familien und Studenten an. Trotz neu eröffneter Hipster-Cafés und Biorestaurants resümiert Geografin Franz: "Eine direkte Verdrängung in Rudolfsheim-Fünfhaus haben wir nicht festgestellt."

"Sozialer Wohnbau wirkt wie ein Dämpfer"

Weil Wien unaufhaltsam wächst, wird leistbarer Wohnraum aber selbst hier ein knappes Gut. Manche neuen Bewohner in Rudolfsheim-Fünfhaus seien dorthin gezogen, weil sie mit ihrem Budget in den inneren Bezirken eben nicht die erhofften Quadratmeter bekommen hätten, sagt Franz. Gleichwohl sieht sie einen Vorteil gegenüber deutschen Städten: "Wien hat den großen Schatz des sozialen Wohnbaus, dieser wirkt wie ein Dämpfer gegen steigende Mieten."

Wien handle aber auch in jüngster Vergangenheit richtig, sagt der Berliner Politikwissenschaftler Philipp Mattern. "In Berlin haben wir das Bauen verlernt. Der Neubau bleibt bei uns meilenweit hinter dem Bedarf zurück." Mattern verglich im vergangenen Jahr in einer Studie im Auftrag der österreichischen Arbeiterkammer die Wohnungsversorgung von Berlin und Wien. Die deutsche Bundeshauptstadt hat fast doppelt so viele Einwohner wie Wien, habe von 2011 bis 2016 aber weniger als 28.000 Wohnungen fertiggestellt, sagt Mattern.