Rudi Dutschke im Februar 1968 bei einer Demonstration gegen den Vietnam-Krieg in Berlin © Wolfgang Kunz/ullstein

Wenigen Protesten fällt die Ehre zu, eine ganze Generation zu prägen. Die Studentenunruhen, die im Juni 1967 begannen und kaum mehr als ein Jahr anhielten, sind die wohl prominentesten Namensgeber der jüngeren Geschichte.

Heute sind die Achtundsechziger wahlweise schuld an allem, was schlecht ist in der Bundesrepublik, oder jener frische Wind unter den Faltenröcken und Perlonhemden der Adenauerzeit, Vorbild für alle folgenden Proteste. Oder von beidem ein bisschen. In jedem Fall sind sie: ein historischer Einschnitt in der Bundesrepublik, wohl nur übertroffen von 1945 und 1989.

Aber wieso? An der Größe kann es kaum gelegen haben. Am Vietnamkongress an der TU Berlin, dem zentralen Mobilisierungsmoment des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes SDS, nahmen gerade mal 5.000 Menschen teil. Beim Sternmarsch auf Bonn, der größten Demo der Achtundsechziger-Zeit, protestierten 60.000 Menschen.

Zum Vergleich: Am 15. Februar 2003 demonstrierten in Berlin über 500.000 Menschen gegen die US-Invasion im Irak. Weltweit protestierten an diesem Tag über zehn Millionen Menschen. Eine Anti-Irak-Krieg-Generation hat das nicht geprägt. Allein in Berlin gingen 2016 gegen das Freihandelsabkommen TTIP 70.000 auf die Straße, bundesweit waren es 230.000.

Die Auswirkungen waren 1968 noch nicht absehbar

Gewalt oder Ikonographie waren 1968 ebenso wenig einzigartig. Am 2. Juni 2007 kam es in Heiligendamm am Rande des G8-Gipfels zwischen rund 2.000 Autonomen und der Polizei zu den größten Straßenschlachten der jüngeren bundesrepublikanischen Geschichte. Über eine Woche hinweg. Begleitet von spektakulären Fotos, neuen politischen Symbolen und einem Informationskrieg mit falschen Zahlen und Fakten. Nicht nur in Heiligendamm. Am Rande des G8-Gipfels in Genua 2001 wurden 500 Menschen verletzt und einer getötet. Beim Gipfel in Göteborg mehrere Menschen angeschossen. Eine Generation der G8-Proteste folgte daraus nicht.

Weder Massendemos mit klaren, gemeinsamen Zielsetzungen hat die Mobilisierung von 1968 erreicht, siehe Anti-TTIP, Anti-Hartz-IV, Anti-Stuttgart-21. Noch jene mit dezidierter Abwesenheit solcher Ziele, siehe Occupy und Indignados.

Achtundsechzig entwickelte erst später über seine Fermente den Einfluss, den man heute mit der Epoche verbindet verbindet. Auf der einen Seite veränderte der Terrorismus der RAF und der verschiedenen linksextremistischen Splittergruppen die Bundesrepublik. ML-Gruppen, die KPD/AO, die DKP wurden geboren. Vor allem aber politisierten sich Studenten massenhaft, auch wenn sie nicht an den Protesten selbst teilnahmen. Vor allem die SPD und die FDP bekamen neue Mitglieder, nicht zufällig die späteren Koalitionspartner unter Willy Brandt. Und 30 Jahre nach 1968 regierte in Deutschland ein Kabinett der ehemaligen Achtundsechziger-Studentenbewegten.

Diese Auswirkungen von Achtundsechzig waren 1968 nicht spürbar. Die Studentenunruhen selbst, vom Schahbesuch im Juni 1967 bis zum Herbst 1968, nach denen diese ganze Generation benannt ist, waren klein, viel weniger spektakulär, als die Bilder, die um die Welt gingen, es verheißen. Die Bewegung war bis auf wenige Ausnahmen lokal begrenzt, auf Frankfurt als intellektuelles Zentrum und Berlin als Zentrum des Aktionismus. Und, wie Wolfgang Kraushaar, einer der profiliertesten Wissenschaftler auf dem Gebiet es nennt: "Eine Bewegung einer relativ kleinen, akademischen, städtischen Elite".

In 17 Karten zeigt ZEIT ONLINE die Zahlen und Daten jener rund 18 Monate, die das eigentliche 1968 waren.