Für die Serie Heimatreporter besuchen Redakteure von ZEIT und ZEIT ONLINE die Orte, in denen sie aufgewachsen sind. Die Serie ist Teil unseres neuen Ressorts #D17.

Weitere Informationen über das Projekt #D17

Thomas Haber* lebte im Schatten der Mauer. Eine fast vier Meter hohe Betonwand ging früher durch seinen Garten. Sie sollte ihn und viele andere davon abhalten, in den Westen zu fliehen. Nachts hörte er hinter ihr die Schäferhunde an ihren Laufleinen jaulen. Es war damals nicht leicht, Haber zu besuchen. Wer wie er direkt im Grenzgebiet lebte, wurde ständig beobachtet. Die Grenzsoldaten liefen mit der Kalaschnikow über der Schulter Streife und griffen jeden auf, der keinen Passierschein hatte. Die Grenzer schauten auch von den Wachtürmen aus mit Ferngläsern in die Gärten. Nackt in der Sonne liegen war da nicht. Es war ein Gefängnis, aber ja, irgendwie fühlte es sich wohl auch beschützt an. Einbrecher gab es keine und Fremde verirrten sich garantiert nicht dorthin.

Haber wohnt in Altglienicke, am südlichen Rand des Berliner Stadtbezirks Treptow-Köpenick. Eingeklemmt zwischen Rudow, Bohnsdorf und dem Flughafen Schönefeld geht die Großstadt dort in die zersiedelte Dörflichkeit Deutschlands über. Die Häuser haben kleine Gärten drumherum, manche einen Swimmingpool. Dazu geschnittene Hecken, geputzte Autos.

Die DDR ist längst weg, doch die Mauern sind es nicht. Sie fallen nur nicht mehr sofort auf. Wie das ganze Land hat Altglienicke diverse Zuwanderungswellen erlebt. Jede davon hinterließ ihre Spuren, schuf Fronten, von denen manche bis heute halten. Und nun sind auch noch Kriegsflüchtlinge hinzugekommen.

Wer will, kann in Altglienicke eine Idylle sehen. Schlafende Straßen, sogar ein paar Pferdekoppeln. Feldlärchen tillern, Stare knurren, Bienen taumeln über die Wiese und saufen die Blüten leer und auf dem Plumpengraben, der wirklich so heißt, schaukeln Enten in der Grütze. Kleinstadtruhe am Großstadtrand. Die Leute reden vom Dorf, wenn sie Altglienicke meinen. Die Hauptstadt scheint weit weg. 

Schon immer war das friedliche Bild jedoch nur eine Fassade, war der Ort zerrissen, waren die Unterschiede groß: Arme gegen Reiche, Alte gegen Neue, Laubenpieper gegen Hausbesitzer, Linke gegen Rechte. Mauern und Zäune überall.

Um die neogotische Kirche scharen sich die Reste des ursprünglichen Dorfes. Es lässt sich nur noch erahnen, dass hier mal so etwas wie ein Ortskern war. Der Himmel ist kahl, die Straßen sind nahezu leer, nur ein paar Rentner warten auf den Bus. Wer kann, fährt mit dem Auto in die großen Märkte mit den großen Parkplätzen. Läden gibt es kaum noch im Ort. Das einstige Dorf ist längst breitgetreten zu einem Brei aus Einfamilienhaussiedlungen und Zweckbauten.

Es begann schon Anfang des 20. Jahrhunderts, da wurde es für wohlhabende Berliner schick, an den grünen Rand zu ziehen. Im Jahr 1906 entstanden viele neue Straßen, gesäumt von Gärten und würfelförmigen Häusern. Benannt wurden sie nach germanischen Volksstämmen. Salier, Cimbern, Wenden, Markomannen. Mitte der dreißiger Jahre dann die nächste Welle. Ortolf, Arnulf, Wolfmar, Hasso, Wunnibald – jetzt waren es germanische Vornamen. Jede Zeit prägt ihre Symbole.

Neue Nachbarn, neue Zäune

Die Venusstraße ist nicht so alt, sie wurde in den letzten Jahren vor der Wende in die Felder betoniert. Auch ihr Name sollte ein Programm sein, getrieben vom sozialistischen Glauben an Fortschritt und Technik und einen neuen Menschen. Wo bis eben Mais wuchs, bauten Bagger und Kräne in den letzten Jahren der DDR das Kosmosviertel. Das größte Neubaugebiet des Arbeiter- und Bauernstaates sollte dort entstehen, größer noch als Berlin-Marzahn. Elf Geschosse hoch wuchsen die Blöcke. Die Wende stoppte das Projekt, doch es reichte für fast ein Dutzend graue Gevierte.

Die Kleingartenanlage Birkenwäldchen in Altglienicke ist umzäunt wie ein Lager. Jede der sogenannten Parzellen hat noch einen extra Zaun. © Hannes Jung für ZEIT ONLINE

Sozialen Brennpunkt nennen sie das in Altglienicke heute, oder Problemkiez. Wer in der Uranus-, Sirius,- oder Saturnstraße wohnt, gehört nicht zum Rest. Er gehört nicht zu den Einfamilienhausbesitzern, die den Ort prägen und deren Gärten bis an die Hochhäuser reichen. Wegen der interstellaren Straßennamen heißen die Neubaubewohner auch die Außerirdischen. Weiter entfernt voneinander kann man offenbar kaum sein.

Heute wird wieder viel gebaut, der Ort zieht jene an, die am grünen Rand wohnen wollen und genug Geld haben, um sich ein Stück davon zu kaufen. Altglienicke hat dreimal so viele Einwohner wie vor 30 Jahren. Neue Häuser, neue Nachbarn, neue Zäune.