"In den Augen solcher Menschen bin ich eine Volksverräterin" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Sie wurden vergangenen Freitag vom Landeskriminalamt informiert, dass sie auf einer Liste des terrorverdächtigen Soldaten stehen, der sich vor deutschen Behörden erfolgreich als syrischer Flüchtling ausgegeben haben soll. Was war das für ein Anruf?

Helm: Das war kein wirklich detailliertes Gespräch. Es lief in etwa so ab, dass mich eine Beamtin des LKA anrief und sagte, ich hätte ja sicher von dem festgenommenen Bundeswehrsoldat aus der Presse erfahren. Bei diesem Mann sei eine Liste mit Namen aufgetaucht, auf der unter anderem meiner verzeichnet sei. Bevor ich das auch aus der Presse erfahren würde, wolle man mich lieber gleich informieren. Damit ich nicht erschrecke.

ZEIT ONLINE: Um was für eine Liste es sich handelt, wurde Ihnen aber gar nicht gesagt?

Helm: Nein, das wurde mir nicht mitgeteilt. Man könne mir derzeit nicht mehr sagen. Auch nicht, ob noch weitere Informationen über mich – wie meine Anschrift oder dergleichen – auf der Liste vermerkt sind.

ZEIT ONLINE: Das LKA sieht also keine akute Gefahr?

Helm: Ja, das wurde mir so gesagt. Ich habe das im ersten Moment auch so hingenommen, weil ich dachte, nun ja, das ist eben wieder einer dieser Anrufe, die ich seit Jahren ab und an bekomme. Eigentlich fand ich das Gespräch aber sehr unbefriedigend und irritierend.

ZEIT ONLINE: Das LKA sprach nicht von Terrorliste oder Todesliste, wie es in verschiedenen Medien zu lesen war. Woher kommt diese Information?

Helm: Das LKA hat mir diese Information tatsächlich nicht gegeben, also weder verneint noch bestätigt. Ich habe gestern allerdings mit der Berliner Innenverwaltung telefoniert. Die hat mir bestätigt, dass es sich um eine Liste potenzieller Ziele handelt.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Sie bekommen häufiger Anrufe des LKA wegen Drohungen von Rechtsradikalen. Was macht Sie zum Ziel für solche Leute?

Helm: In den Augen solcher Menschen bin ich eine Volksverräterin. Ich kämpfe ja gegen dieses völkische Konstrukt von Treue zur Nation und Rasse. Folglich läuft alles, wofür ich stehe oder woran ich arbeite, den Zielen solcher Leute zuwider.

ZEIT ONLINE: Wofür engagieren Sie sich konkret?

Helm: Ich engagiere mich für Geflüchtete, gegen Rassismus, gegen völkische Ideologien und gegen Geschichtsrevisionismus, wie ihn zum Beispiel ein Björn Höcke von der AfD versucht zu etablieren. Ihm ging es ja zum Beispiel nicht nur um das, wie er es nennt, Schandmal im Herzen der Hauptstadt. Er hat wörtlich davon geredet, dass die Deutschen im Zweiten Weltkrieg mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden sollten. Das ist eine Formulierung, die Hitler schon 1921 benutzt hatte, als er ankündigte, Juden mit Stumpf und Stiel auszurotten. Dass Deutschland einen Genozid und einen Vernichtungskrieg in Europa geführt hat, wird mit Absicht komplett umgedeutet. Gegen diesen Anschlussversuch der neuen Rechten an die extreme Rechte kämpfe ich.

ZEIT ONLINE: In Dresden haben Sie das vor drei Jahren sehr provokant getan, indem Sie auf Ihre nackte Brust schrieben: "Thanks Bomber Harris!"

Helm: In Dresden fand immer die größte Neonazi-Demonstration europaweit statt. Ich habe eine Protestaktion dagegen gestartet, mit der ich viel mediale Aufmerksamkeit auf mich gezogen habe. Die Aktion war natürlich eine bewusste Provokation an die rechte Szene. Eigentlich hatte ich nicht vor, das direkt unter meinem Namen zu tun. Aber ja, das hat mich sehr in den Fokus von solchen Leuten gerückt. Seither stehe ich offenbar im wahrsten Sinne des Wortes auf der Abschussliste bei Rechtsradikalen.

"Vergewaltigungsdrohungen, Folterfantasien und Details zu geplantem Mord an mir"

ZEIT ONLINE: Wie sahen die Drohungen bislang gegen Sie aus?

Helm: Morddrohungen, die ich bisher bekommen habe, sahen in den ekelhaftesten Fällen so aus: Mich erreichten sehr detaillierte Beschreibungen der geplanten Ermordung von mir. Oftmals kombiniert mit sexualisierten Inhalten, mit Vergewaltigungsdrohungen, mit verbalisierten Folterfantasien.

ZEIT ONLINE: Wie erfahren Sie davon?

Helm: Das meiste davon erreichte mich über Facebook, Twitter oder per E-Mail und in den Kommentarspalten. Alles aber vor allem online. Immer wieder rufen Leute auch in geschlossenen rechten Foren gezielt dazu auf, mich zu belästigen. Dann bekomme ich plötzlich sehr viel mehr von diesen Angriffen und Bedrohungen, die sich im Wortlaut sehr ähneln. Da muss nur ein rechter YouTuber mit halbwegs Reichweite meinen Namen erwähnen.

ZEIT ONLINE: Und die Polizei informiert Sie?

Helm: Ich bekomme immer wieder mal Anrufe vom Landeskriminalamt, weil ich mal wieder in den Fokus geraten bin, von Gruppen, die sie selbst beobachten. Das können zum Beispiel die freien Kameradschaften sein. Das LKA ruft dann an und sagt: Frau Helm, wir müssen Ihnen mitteilen, dass auf dieser und jener Seite dieses und jenes über Sie geschrieben wurde. Wir sehen da jetzt keine konkrete Gefahr. Wir wollten Ihnen das nur sagen.

ZEIT ONLINE: Und was machen Sie anschließend mit so einer Information?

Helm: Viel mehr Unterstützung gibt es dann nicht. Ich finde das schwierig. Besonders im jetzigen Fall habe ich mich sehr geärgert, weil ich mit dieser Information nur schwer umgehen konnte. Mir wurde eher lapidar mitgeteilt, dass ich auf der Liste dieses Menschen stehe.

ZEIT ONLINE: Was ist bei der aktuellen Drohung anders als bei den bisherigen?

Helm: Der Unterschied ist, dass es eben keine Drohung ist. Es ist ja das genaue Gegenteil. So absurd das klingt, aber ich wurde in diesem Fall nicht vorher öffentlich durch Rechte gewarnt. Sondern es handelt sich um eine geheime, interne Liste des verdächtigen Soldaten. Davon, dass ich zu dem potenziellen Opferkreis dieses Menschen gehöre, wusste ich nichts.

ZEIT ONLINE: Die sonstigen Drohungen verstehen Sie also eher als Einschüchterungsversuche?

Helm: Ja, zumindest versuche ich sie als solche einzuordnen. Aber in diesem Fall war es offenbar geplant, es in die Tat umzusetzen. Und das macht natürlich noch mehr Angst. Auch weil ich mir nicht vorstellen kann, dass die beiden Tatverdächtigen, die jetzt in Untersuchungshaft sitzen, das alleine waren. Man muss jetzt herausfinden, ob da ein Netzwerk dahintersteht. Das ist zwar bislang nicht klar. Aber es würde mich sehr wundern, wenn es nicht so ist.

ZEIT ONLINE: Sie glauben nicht an zwei verwirrte Einzeltäter?

Helm: Wir haben einfach ein großes Problem mit Rechtsterrorismus in diesem Land. Und das wird noch immer sehr wenig beleuchtet. Mehrmals wurden jetzt von sogenannten Reichsbürgern Waffenlager in Wohnungen gefunden. Mein Eindruck ist, dass das oftmals abgetan wird, das seien eben Waffennarren oder die hätten einen Militaria-Fetisch. Das Ganze zeigt einfach, dass es Leute gibt, die bereit sind, solche Dinge konkret in die Tat umzusetzen. 

ZEIT ONLINE: Verteidigungsministerin von der Leyen hat die Bundeswehr nun für einen in Teilen vorherrschenden falsch verstandenen Korpsgeist kritisiert. Hat sie Ihrer Meinung nach ein drängendes Problem verstanden?

Helm: Ich finde es gut und richtig, dass Frau von der Leyen darüber spricht. Diese Debatte muss jetzt geführt werden. Ich bin zwar auch der Meinung, dass selbst ein angeblich richtig verstandener Korpsgeist nicht unbedingt viel besser ist. Der Militarismus selbst ist ja ein Problem. Aber unabhängig von dem konkreten Fall finde ich es wichtig, zu untersuchen, ob das Ganze nicht auch strukturelle Ursachen innerhalb der Bundeswehr hat.

ZEIT ONLINE: Was fordern Sie für den konkreten Fall?

Helm: Das Wichtigste ist, jetzt aufzuklären, wie weit das Netzwerk auch in die Institutionen reicht. Damit meine ich nicht nur die Bundeswehr, sondern auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Möglicherweise hatte der Verdächtige auch dort Unterstützer. Es wäre fatal, wenn die Diskussion darüber, wie dieser Mann sich als Flüchtling hat registrieren lassen können, nur zur Folge hat, dass die Asylverfahren strenger werden. Stattdessen sollte danach geschaut werden, wie solche Entscheider eingestellt werden. 

ZEIT ONLINE: Sie glauben, dass auch die Gesinnung von Bamf-Mitarbeitern ein Problem sein könnte?

Helm: Ja, wenn man sich die Ausschreibungen des Bamf für solche Entscheider ansieht, dann lesen die sich meiner Meinung nach stellenweise wie eine Einladung für Rassisten.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Helm: Weil damit geworben wird, über das Schicksal von Menschen entscheiden zu können. Da stehen Sätze drin wie: Sie haben es in der Hand. Sie können frei entscheiden. Sie können wichtige Entscheidungen über das Schicksal von Menschen fällen. Das klingt fast danach, als gebe es weniger Richtlinien als persönliche Auslegung.

ZEIT ONLINE: Wie werden Sie jetzt mit ihrem Wissen um diese Liste umgehen?

Helm: Ich erfahre viel Unterstützung von Freunden und von meiner Partei. Das hilft sehr. Ich möchte in den nächsten Tagen noch einmal mit dem LKA sprechen, um zu erfahren, wie ich zumindest mein Berliner Abgeordnetenbüro und meine Mitarbeiter schützen kann. Ich bin momentan in einer Situation, in der ich nicht weiß, was ich überhaupt tun kann. Ansonsten sage ich: weitermachen.